Chinas Wirtschaftsstrategie: „Made in China 2025“

n Deutschland gibt es Unruhe wegen eines "Ausverkaufs" an China, Gabriel will die Regeln für Investitionen in der EU ändern

Telepolis, 22.10.2016

Telepolis

Irgendwo zwischen Kuka und Osram muss Sigmar Gabriel ein Licht aufgegangen sein. Als ein chinesischer Investor den Roboterhersteller Kuka kaufen wollte, da hatte der Wirtschaftsminister noch vor einem Ausverkauf deutscher Technologie gewarnt[1]. Am Ende verzichtete[2] er dann doch darauf, ein Prüfverfahren nach dem Außenwirtschaftsrecht einzuleiten. Es gab schlicht keine Anhaltspunkte dafür, dass hier irgendwas nicht nach Recht und Gesetz läuft. Nur in speziellen Fällen, etwa wenn die Sicherheit der Bundesrepublik in Gefahr wäre, hätte das Wirtschaftsministerium prüfen können.

Doch dann kam auch noch Osram. Die deutsche Glühbirne schlechthin gilt als nächster Übernahmekandidat, der chinesische Halbleiterkonzern San’an ist interessiert[3] an dem Unternehmen mit seinen 18.000 Patenten. Während die IG Metall Jobgarantien fordern, sorgen sich Politik und deutsche Wirtschaft, dass immer mehr deutsche Technologie unter chinesische Kontrolle gerät. Und dass deutsche Unternehmen im Konkurrenzkampf ins Hintertreffen geraten. Denn erstens können chinesische Unternehmen eher auf Staatsunterstützung bauen. Und zweitens kauft zwar China in Europa groß ein, ist aber selbst keineswegs so offen gegenüber ausländischen Investoren.

Neue Regelungen geplant

Deshalb will Gabriel jetzt die Regeln ändern. Sein Ministerium hat „Eckpunkte für einen Vorschlag zur Investitionsprüfung auf EU-Ebene“ erarbeitet. Nach dem Entwurf, der der „Welt am Sonntag“ vorliegt[4], sollen die EU und die Regierungen der Mitgliedsländer unerwünschte Übernahmen künftig verhindern können. Erreiche der Käufer mehr als 25 Prozent der Firmenanteile und bekomme damit eine Sperrminorität, so soll die Regierung entsprechende Zukäufe untersagen können.

Die Eckpunkte listen vier Fälle auf, in denen die Regelung greifen kann: erstens bei industriepolitisch motivierten Investitionen, zweitens, wenn der Käufer staatlich subventioniert oder drittens ein staatliches oder teilstaatliches Unternehmen ist und schließlich viertens bei Käufern aus Ländern, zu deren Markt deutsche Unternehmen keinen oder nur eingeschränkten Zugang haben. Derzeit werden die Eckpunkte in der Bundesregierung beraten. Deutschland werde eine offene Volkswirtschaft bleiben, aber es müsse faire Wettbewerbsbedingungen geben, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium gegenüber Telepolis. Man beobachte die chinesischen Übernahmen schon länger, irgendwann gebe es eben Regelungsbedarf.

„Wirtschaft heißt auch Wehrhaftigkeit“

Eine gewisse Panik vor China lässt sich dabei in der deutschen Öffentlichkeit schon diagnostizieren. Vor einem „Ausverkauf deutscher und damit europäischer Technologie“ warnt[5] die Süddeutsche Zeitung. „Wirtschaft heißt auch Wehrhaftigkeit“, schrieb[6] die „Augsburger Allgemeine“ und mahnte einen „Sperrriegel gegen den ökonomischen Einmarsch der Chinesen“ an. Immer wenn sich chinesische Unternehmen einkaufen, geht ein Aufschrei durch die Presse.

In anderen Fällen ist das nicht so: Als etwa der französische Luxusartikel-Konzern LVMH neulich den deutschen Kofferhersteller Rimowa aufkaufte[7], blieb ein entsprechender Aufschrei aus. Bislang ein Familienbetrieb ist das Kölner Traditionshaus weltweit bekannt für seine Aluminiumkoffer. Nun geht die Firma also nach Frankreich. Das Geschäft lohnt sich: Für 80 Prozent der Anteile zahlt LVHM 640 Millionen Euro, ein Großteil des Verkaufspreises will Firmenerbe Dieter Morszeck in eine neue Stiftung geben, die wissenschaftliche Projekte fördern soll.

China auf Einkaufstour

Tatsächlich häufen sich die Übernahmen deutscher Firmen durch chinesische Unternehmen. Offizielle Zahlen gibt es zwar nicht, denn es gibt keine Meldepflicht für solche Übernahmen. Auch das Bundeswirtschaftsministerium greift deshalb teilweise auf entsprechende Medienberichte zurück. Aber es gibt privatwirtschaftliche Studien[8] wie die der Beratergesellschaft EY (Ernst & Young). Allein in 2016 wurden demnach in Europa bis Jahresmitte 164 Unternehmenstransaktionen nach China abgeschlossen, fast so viele wie im Vorjahr, als es 183 waren. In Deutschland[9] waren es im selben Zeitraum 37 (Vorjahr: 39). Deutschland steht damit vor Frankreich und Großbritannien an der EU-Spitze chinesischer Investoren.

Die Ernst & Young-Berater erklären[10] auch, warum überhaupt Unternehmen zum Verkauf stehen: „In Europa bzw. Deutschland wollen sich derzeit viele Private-Equity-Gesellschaften von Beteiligungen trennen“, so Alexander Kron, Partner bei EY. Da stießen sie bei chinesischen Unternehmen auf offene Ohren. „Mit dem verlangsamten Wachstum auf dem Heimatmarkt sehen sich die chinesischen Unternehmen gezwungen, neue Geschäftsfelder aufzubauen und sich von der Massenproduktion in Richtung Spezialisierung und Hochtechnologie zu bewegen“, so Yi Sun, Partnerin bei EY Deutschland.

Deutschland, ein Premium-Standort

Die Zahlen zeigen aber auch: China ist gar nicht der größte Investor in Deutschland. Im ersten Halbjahr waren das die USA (64 Käufe), gefolgt von der Schweiz (45). Bemerkenswert ist auch die EY-Einschätzung, warum deutsche Firmen so interessant sind: Neben der Marke „Made in Germany“ und den Standortvorteilen wie Ausbildung, Forschung und Entwicklung sei Deutschland ein „Premium-Standort“: „Die Deutschen haben zudem den Ruf fleißig zu sein und ihr Wort zu halten. Sie sprechen gutes Englisch – und im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wird weniger gestreikt.“

Warnungen vor Arbeitsplatzverlagerungen halten die Berater deswegen auch für unbegründet: Interessant für China seien deutsche „Hochtechnologie-Unternehmen, bei denen eine Standortverlagerung unmöglich ist, weil sehr viel Know-how hinter dem gesamten Produktions-, Logistik-, Management-, und IT-Prozess steckt“, so EY: „Die Zeiten, in denen hier ein Stahlwerk abgebaut und in China wieder aufgebaut wurde, sind längst vorbei.“

An dieser Stelle sollte man allerdings nicht unerwähnt lassen, dass Ernst & Young hier Werbung in eigener Sache macht: Die Berater vermitteln selber solche Firmenverkäufe. „Wir haben zurzeit ein paar große Projekte in der Pipeline. Das heißt, dass wir noch in diesem Jahr einige bekannte Namen hören werden, die in chinesische Händen gehen werden“, kündigte Sun an.

Chinas Strategie

Hinter all den Aufkäufen steckt eine gezielte Strategie der chinesischen Regierung. „Made in China 2025″[11] heißt sie und wurde am 25. März 2015 vom chinesischen Staatsrat verabschiedet. Peking macht keinen Hehl[12] daraus, dass hier das deutsche industriepolitische Konzept „Industrie 4.0″[13] Pate stand. Mit diesem Konzept soll die deutsche Wirtschaft für die digitale Welt (Internet der Dinge) fit gemacht werden.

Peking strebt nun ebenfalls Digitalisierung und Automatisierung der Industrie nach deutschem Vorbild an. China soll dadurch den Status eine Niedriglohnslandes hinter sich lassen und den Sprung zu einer modernen Industriemacht schaffen. In zehn Schlüsselsektoren[14] will China einen technologischen Durchbruch schaffen: Informationstechnologien, Industrieroboter, Luft- und Raumfahrt, Schifffahrt, Schienentechnik, Umweltautos, Energieerzeugung, Neue Werkstoffe, Medizintechnik sowie Landmaschinen.

Deutsche Beihilfe

Die chinesische Einkaufspolitik beschränkt[15] sich keineswegs auf Deutschland. Um nur zwei Beispiel zu nennen: 2010 übernahm der chinesische Autobauer Geely den schwedischen Traditionshersteller Volvo. Und der chinesische Autobauer Dongfeng hält mittlerweile 14,1 Prozent Anteile am französischen Peugeot.

Tätige Beihilfe kommt dabei von Wirtschaftsberatungsgesellschaften wie Deloitte, die eine Studie „Investing in Germany – A guide for Chinese businesses“[16] erstellt hat – quasi eine Anleitung[17] für chinesische Unternehmen, und zwar sowohl in Englisch als auch in Chinesisch.

Drängen in Peking

Deutsche Befürchtungen, dass China die gekauften Unternehmen zerschlägt und Arbeitsplätze verloren gehen, hält man auch dort für eher unbegründet[18]. Und so dürfte der Einkauf weitergehen, die Wirtschaftswoche listet bereits weitere mögliche Ziele[19] auf: Firmen wie First Sensor (Sensortechnik), Vossloh (Bahntechnik), MTU und AWB Aviation (Flugzeug-Triebwerke), B. Braun (Medizin) könnten für China interessant sein.

Gleichzeitig drängt[20] aber die Europäische Handelskammer in China auf besseren Markzugang für europäische Unternehmen. Die gegenwärtige Lage sei „asymmetrischer Marktzugang zwischen der EU und China“, nötig sei mehr Reziprozität.

Deutsche Übernahmen

So werden vielleicht die Investitionsregeln zwischen China und der EU demnächst neu gefasst werden. Grundsätzlich will Deutschland aber nichts am freien Marktzugang ändern. Warum auch, begünstigt der doch auch deutsche Unternehmen. So hat Bayer zum Beispiel kürzlich den US-Konzern Monsanto übernommen, was Umweltschützer heftig kritisierten. Und das ist längst nicht die einzige Übernahme: 1999 übernahm Mannesmann den Mobilfunk-Anbieter Orange. Im Jahr 2000 kaufte die Deutsche Telekom das US-Telekommunikationsunternehmen Voicestream. Und 2015 schluckte der deutsche Chemiekonzern Merck den US-Laborausrüster Sigma-Aldrich.

In Griechenland wiederum kommen deutsche wie chinesische Unternehmen zum Zuge. In der Schuldenkrise sorgte gerade Berlin dafür, dass der griechische Staat sein Tafelsilber verscherbeln muss. So hat die deutsche Fraport dort 14 Regionalflughäfen gekauft[21]. China wiederum konnte den Hafen von Piräus erwerben[22]. Da gab es plötzlich keine deutschen Bedenken gegen chinesische Investoren mehr.

Links

[0] https://www.flickr.com/photos/gags9999/16363177946/

[1] http://www.tagesschau.de/wirtschaft/kuka-china-101.html

[2] http://www.manager-magazin.de/unternehmen/industrie/kuka-minister-gabriel-macht-weg-fuer-uebernahme-frei-a-1108081.html

[3] http://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/angebot-fuer-osram-chinas-einkaufstour-in-deutschland-geht-weiter/14648400.html

[4] http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/WamS-Gabriel-will-Schutz-vor-unerwuenschten-Firmenuebernahmen-5134421

[5] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-ausverkauf-nach-china-1.3199962

[6] http://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/Warum-die-EU-Firmen-Uebernahmen-durch-China-verhindern-muss-id39234982.html

[7] http://www.rimowa.com/de-de/lvmh

[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Chinesen-auf-Grosseinkauf-in-Deutschland-und-Europa-3266680.html

[9] http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/ey-chinesische-unternehmenskaeufe-in-europa/$FILE/ey-chinesische-unternehmenskaeufe-in-europa.pdf

[10] http://www.ey.com/de/de/newsroom/news-releases/ey-20160714-chinesische-investoren-taetigen-rekordkaeufe-in-deutschland-und-europa

[11] http://english.gov.cn/2016special/madeinchina2025/

[12] http://german.xinhuanet.com/2015-04/02/c_134116645.htm

[13] http://www.bmbf.de/de/zukunftsprojekt-industrie-4-0-848.html

[14] http://www.21china.de/wirtschaft/10-branchen-auf-die-china-in-zukunft-setzt/

[15] http://www.manager-magazin.de/fotostrecke/ueberblick-wie-sich-china-in-deutschlands-mittelstand-einkauft-fotostrecke-104045.html

[16] http://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/de/Documents/Country%20Services%20Group/Deloitte-Investing-in-Germany-A-guide-for-Chinese-businesses-2016.pdf

[17] http://www2.deloitte.com/de/de/pages/country-services/contents/investing-in-germany.html

[18] http://www.welt.de/print/die_welt/article158845350/Auf-Einkaufstour.html)

[19] http://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/angebot-fuer-osram-chinas-einkaufstour-in-deutschland-geht-weiter/14648400-all.html

[20] http://www.europeanchamber.com.cn/en/press-releases/2491/european_chamber_calls_for_an_end_to_unequal_treatment_of_foreign_investment_in_china

[21] http://www.tagesschau.de/wirtschaft/fraport-regionalflughaefen-griechenland-101.html

[22] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-verkauft-hafen-piraeus-an-chinesische-reederei-a-1086152.html


Autor: Dirk Eckert

Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/49/49757/