Was verbindet Rechtsextremisten und Islamisten?

Auf einer Tagung sah man in der Idee der Ungleichheit, Ablehnung der offenen Gesellschaft oder dem Kult der Männlichkeit Ähnlichkeiten

Telepolis, 29.10.2016

Telepolis

Bald ein Jahr ist es jetzt her, dass der Sender 3sat zwei syrische Flüchtlinge auf Reise durch das winterliche Deutschland schickte. Die beiden waren am Rhein und sahen den Schnee in den Alpen. Und sie besuchten Dresden. Gut in Winterklamotten verpackt, fielen sie auf der Kundgebung am Elbufer gar nicht auf. Pegida demonstrierte mal wieder gegen Flüchtlinge – gegen Menschen wie sie. „Ich fühle mich wie zu Hause: Hass, wie in Syrien“, kommentierte[1] der eine. „Genau aus solchen Gründen ist es in Syrien zu einem Bürgerkrieg gekommen“, kommentierte der andere.

Ein bemerkenswerte Einschätzung, die den besorgten Wutbürgern gar nicht gefallen dürfte. Haben die beiden Flüchtlinge hier etwa den Nagel auf den Kopf getroffen? Gibt es etwa Gemeinsamkeiten zwischen denen, die in Dresden gegen den Islam demonstrieren, und den Islamisten, die in Syrien für ein Kalifat kämpfen?

Ja, die gibt es, jedenfalls, wenn man die neurechten Bewegungen von AfD bis Pegida nicht einfach als Kritiker einer Religion namens Islam verharmlost. Wie groß die Gemeinsamkeiten sind, aber auch wo die Unterschiede liegen, dem ist die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus[2] in Köln auf einer Tagung nachgegangen, die am Donnerstag im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln stattfand.

Als verbindendes Element zwischen Islamismus und Rechtsextremismus sahen die Veranstalter „Ideen und Praxen der Ungleichheit“: also die Vorstellung, dass Menschen nicht gleich sind. Hier die angeblich überlegene weiße Rasse gegen den Rest der Welt, dort die Gläubigen gegen die Ungläubigen. Wobei Vergleichen natürlich nicht gleichsetzen heißt – ein Vergleich kann auch erhebliche Unterschiede zu Tage bringen. „Was sind verbindende, was sind trennende Elemente? Wo taugt der Vergleich für die Analyse und wo nicht?“, wollten die Veranstalter daher wissen.

Geschichtliche Quellen

Historisch haben Islamismus und Rechtsextremismus einiges gemeinsam, machte der Islamwissenschaftler Michael Kiefer[3] deutlich: Denn nach 1945 flohen Nazis aus Deutschland in den Nahen Osten, wo sie etwa die Muslimbruderschaft unterstützten, die bis heute ein Vorbild für islamistische Organisationen in der arabischen Welt ist. Auf diese Weise wurde viel antisemitisches Gedankengut in den Nahen Osten exportiert. Johann von Leers[4] zum Beispiel, einer der führenden antisemitischen NS-Agitatoren, kam 1955 nach Ägypten und konvertierte sogar zum Islam.

Johann von Leers arbeitete[5] für die Regierung und zeitweise auch den Bundesnachrichtendienst, bis sogar der auf die Idee kam, dass der fanatische Judenhasser geisteskrank sein könnte. Mit den „Protokollen der Weisen von Zion“, auf die sich nicht nur die Nazis, sondern auch die Charta der Hamas bezieht, haben Islamismus und Rechtsextremismus sogar dieselbe schriftliche Quelle. Auch die Zusammenarbeit des Muftis von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini[6], mit dem NS-Regime kann hier noch angeführt werden.

Ideologische Überschneidungen

Neben dem Antisemitismus lassen sich noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen deutschen Nazis und Islamisten anführen: Beide lehnen die offene Gesellschaft ab, sind gegen die Gleichberechtigung der Frau genauso wie gegen Homosexualität. Auch Marxismus, Universalismus, Menschenrechte lehnen sie ab. Sie vertreten einen rigorosen Wahrheitsanspruch, propagieren Männlichkeitskult und Militarismus und teilen die Welt in Gut und Böse.

Gerade die heutige Salafisten-Szene in Deutschland zeichne sich dadurch aus, dass ständig Takfir[7] gemacht werde, so Michael Kiefer: Permanent würden andere Muslime zu Ungläubigen erklärt, bis nur noch die eigene Kleingruppe als rechtschaffende Muslime übrigbleibe. Zwischentöne gebe es nicht mehr, alles werde nur noch im Haram-Halal-Diskurs bewertet. Was, wie Michael Kiefer betonte, „sehr unislamisch“ sei, weil der Islam nicht nur erlaubt/verboten kennt, sondern auch die Kategorie verpönt[8], in die zum Beispiel Rauchen falle.

Doch es gibt auch Unterschiede: Zwar teilen Islamisten die Welt in Gläubige und Ungläubige, aber die islamische Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, unterscheidet sich ziemlich von der Volksgemeinschaft. Denn dort ist die ethnische Herkunft nicht von Bedeutung, jeder kann beitreten. Anders die Volksgemeinschaft, die als biologisches System konstruiert ist. Mit Rückgriff auf die Natur rechtfertige der Rechtsextremismus gesellschaftliche Ungleichheit und Hierarchisierung, so der Sozialwissenschaftler Fabian Virchow.

Grenzen der Gemeinsamkeit

Michael Kiefer sah dennoch Gemeinsamkeiten: Ob Volksgemeinschaft oder Umma, immer gehe es um „Aneignung von Ursprünglichkeit“. Es gehe um die Schaffung einer von der Natur oder Gott gewollten Gemeinschaft. „Das eint beide, wenn auch mit unterschiedlichen Konzepten“, so Kiefer. Dem wollte Fabian Virchow so nicht folgen, er sieht hier einen großen Unterschied, den „Beitritt per Bekenntnis“, den es bei Rechtsextremen nicht gebe. Solche Unterschiede dürften nicht verwischt werden. Virchow ist deswegen skeptisch, ob sich Islamismus und Rechtsextremismus so einfach auf einen Nenner bringen lassen. „Wir können uns da noch kein abschließende Urteil erlauben.“

Andere Tagungs-Teilnehmer sahen durchaus Ähnlichkeiten: „Prinzipiell ist eine islamistische Ideologie rechts, weil sie auf Ungleichheit setzt“, sagte der Türkei-Experte Christoph Ramm. „Auf der Ebene der Feindbilder sehen wir sehr viele Parallelen“, meinte auch Politikwissenschaftler Ismail Küpeli. Wenn in der Türkei Armenier oder Juden als angebliche innere Feinde ausgemacht würden, dann unterscheide sich das nicht stark von der deutschen Rechten. Außerdem gebe es „ähnliche Methoden, mit Wahrheit umzugehen“. Mit den „Grauen Wölfen“ habe die Türkei außerdem eine rechtsextreme Gruppe, die ursprünglich türkisch-nationalistisch ausgerichtet war, sich aber inzwischen teilweise islamisiert hat.

Parteienvergleich im Praxistest

Dass die Ähnlichkeiten zwischen rechts und islamistisch jedoch nicht immer groß sind, zeigte ein Direktvergleich zwischen Schweizerischer SVP und türkischer AKP. Nicht dass die Referenten nicht Experten auf ihrem Gebiet gewesen wären. Aber die Diskussion verzettelte sich schnell in Spezialfragen der türkischen Politik. Mit der Schweiz hatte das dann doch wenig zu tun. Obwohl es selbst dann noch Gemeinsamkeiten gibt: Beide Parteien seien letztlich gegen das Konzept der Menschenrechte, bemerkte Doris Angst. Und Erdogans AKP sei in ihrer paranoiden Ablehnung von Minderheiten anschlussfähig an Antisemitismus, befand Christoph Ramm und verwies auf die türkische Unterstützung für das umstrittene Gaza-Hilfsschiff Mavi Marmara.

Vielleicht traf es eine Frau im Publikum am besten, die einfach von „erzreaktionären Strömungen“ sprach, die leider zunähmen. Denn schließlich ging es auf der Tagung auch darum, Strategien sowohl gegen Rechtsextremismus als auch gegen Islamismus in seiner aktuellen Ausprägung als Salafismus zu finden. Viele der rund 150 Teilnehmer kamen aus der Bildungs- und Jugendarbeit, auch der Veranstalter, die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus. Bislang hatte die sich allerdings eher mit Neonazismus beschäftigt. Das hat auch mit der Herkunft zu tun: Angesiedelt ist sie im Kölner EL-DE-Haus[9]: Dort war früher die Gestapo-Zentrale von Köln, heute ist das Haus eine NS-Dokumentationsstätte.

Von Rechtsextremismus zu Islamismus

Doch im Alltag der Bildungsarbeit häuften sich die Anfragen nach Salafismus. Insofern ist die jetzige Tagung sicher auch als Versuch zu sehen, sich in bislang unbekanntes Terrain vorzuarbeiten. Auch wenn man keine „vereinfachende Gleichsetzung“ wolle, so die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus, so seien Pegida und Rechtsextremismus auf der einen, Islamismus auf der anderen Seite „zentrale Bedrohungen für demokratisch verfasste Gesellschaften, die auf Menschenrechten und grundlegenden Gleichheitsvorstellungen basieren“.

Wie sehr sich die Jugendlichen in den vergangenen Jahren verändert haben, wurde in der Abschlussdiskussion deutlich: Vorbei sind die Zeiten, als Religion kaum eine Rolle spielte: Muslimische Jugendliche seien religiöser geworden, meinte Islamwissenschaftler Götz Nordbruch. Und es gehe nur noch um die Salafisten, Gruppen wie Millî Görü? oder die Muslimbrüder spielten in der Jugendarbeit keine Rolle mehr.

Muslimische Jugendliche stünden heute zwischen „Pop-Islam“ und Salafismus. Ersterer stehe dafür, sich selbstbewusst als Muslim in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, letzterer für die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft wie auch von den eigenen Eltern. Was übrigens ein Unterschied zum Rechtsextremismus ist, da ja bei deutschen Nazis wohl eher Familienkontinuitäten vorherrschen.

Strategien gegen Islamismus

Götz Nordbruch plädierte dafür, das Bedürfnis von Jugendlichen nach Religion ernst zu nehmen, um ein Abgleiten in den Salafismus zu verhindern. In der Bildungsarbeit sei das allerdings leider manchem atheistischem Lehrer schwer zu vermitteln.

Einig waren sich alle, dass islamistische Gruppen Jugendlichen durchaus attraktive Angebote machten: Sie bieten Gemeinschaft, eine ideologische Selbstermächtigung und vieles mehr. In der Bildungsarbeit müsse genau da angesetzt werden.

Präventionsexpertin Silke Baer meinte, Lehrerinnen und Lehrer müssten eine demokratische Haltung souverän vertreten, was diese leider oft nicht könnten. Christoph Ramm konstatierte hier auch ein Versagen der politischen Linken, die für gefährdete Jugendliche kein eigenes Angebot habe und die soziale Frage nicht thematisiere.

Einig waren sich alle, dass Jugendzentren und Freizeitangebote unbedingt erhalten werden müssten. Sonst hätten Salafisten leichtes Spiel, mit eigenen Angeboten durchzudringen, wenn sich der Staat zurückzieht. Doch manchmal ist es für Bildungs- und Präventionsarbeit auch zu spät: Wie solle man denn umgehen mit einem Jugendlichen, der plötzlich bekundet, zum Islamischen Staat nach Syrien ausreisen zu wollen, fragte jemand aus dem Publikum. Da könne man wahrscheinlich nur noch die Polizei rufen, riet Michael Kiefer.

Links

[0] https://www.flickr.com/photos/95213174@N08/16952024487/

[1] http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=57310

[2] http://www.museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/pages/463.aspx?s=463

[3] http://www.kiefer-michael.de/

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_von_Leers

[5] https://www.welt.de/print/wams/article137463087/Die-Nazis-und-der-Nahe-Osten.html

[6] https://www.welt.de/print/wams/article137463087/Die-Nazis-und-der-Nahe-Osten.htmlde.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Takf%C4%Abr

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Makr%C5%Abh

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/EL-DE-Haus


Autor: Dirk Eckert

Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/49/49847/