Soldaten wie Du und Ich

Eine Woche mit der Bundeswehr-Webserie "Die Rekruten"

Telepolis, 09.11.2016

Telepolis

Das war’s dann erst mal mit dem Kriegsschiff. „Insgesamt ist es ganz gut gelaufen, ich bin nur derzeit borduntauglich“, berichtet Matrose Keitel zerknirscht. Seine Weisheitszähne machen ihm Probleme. Ob die gezogen werden, das entscheidet sich erst in sechs Wochen, und bis dahin darf er nicht auf See. „Blöde Geschichte“, seufzt der junge Mann mit den roten Haaren in die Kamera.

So ist das eben bei der Bundeswehr. Alles ganz normal, irgendwie menschlich, mit Menschen wie du und ich. So stellt es jedenfalls die neue Reality-Doku „Die Rekruten“ dar, die seit einer Woche täglich mit einer neuen Folge auf YouTube[1] läuft. Drei Monate lang zeigt die Bundeswehr zwölf Rekruten bei der Grundausbildung. 1,7 Millionen Euro kostet das Format, weitere 6,2 Millionen Euro die begleitende Social-Media- und Plakatkampagne. All das soll der Bundeswehr neue Rekruten bringen (Bundeswehr will mit Reality-Doku Rekruten werben[2]).

„Deine Grundausbildung als Webserie“ heißt es im Untertitel. Und dieses Du ist es auch, was die Serie ausmacht: Im Mittelpunkt steht zunächst nicht die Bundeswehr, nicht ihre Geschichte oder ihre Einsätze, sondern die Menschen, die dorthin gehen. Junge Leute wie Julia, Nathan und Jerome: Das sind drei der zwölf Rekruten, die mit der Kamera durch die Grundausbildung in der Marinetechnikschule Parow bei Stralsund begleitet werden, ohne Skript, wie die Bundeswehr betont. Oft filmen sich die Rekruten selbst, so wie das YouTube-Nutzer mit ihren Smartphones auch machen. Das sieht zwar oft primitiv aus, soll aber Nähe schaffen: So aktiviert man Spiegelneuronen. Die User erkennen sich selbst.

Wie bei uns zu Hause

Daher werden Julia, Nathan und Jerome auch mit eigenen Homestories vorgestellt. Zu Hause, Eltern, Geschwister und Großeltern sind auch dabei. „Ich würde gerne meinen Freund mitnehmen“, sagt Julia und packt ihre Sachen zu Abreise. Sie ist die „Biker Queen“, weil sie gerne Motorrad fährt. Die Bundeswehr hat sich auch für die anderen vermeintlich coole Namen ausgedacht, die die jugendliche Zielgruppe ansprechen sollen: Nathan ist der „Family Guy“, seine Familie geht ihm über alles. Und Jerome ist „Der Checker“: Er ist der Coole aus Moers, er hat sogar einen „Habibi-Onkel“, der mit „Yo, Yo, was geht“ grüßt.

Die Metabotschaft ist klar: Es sind Typen wie Du und ich, die zur Bundeswehr gehen. Die potenziellen Rekruten sollen sich und ihre Freunde wiederkennen. Auch das Konzept der Homestory ist aus unzähligen Reality-Serien bekannt, erprobt und vertraut. Man würde sich nicht wundern, wenn bei Jerome und seiner Familie plötzlich der Trödeltrupp auftaucht oder die Kochprofis zusammen mit Frank Rosin die Küche testen.

Erst als Jerome in die Kamera sagt, man solle den Rekruten auf Facebook folgen, wird wieder klar, dass hier gefilmt wird. Jerome sagt das natürlich anders und schiebt noch ein: „Ich bin erst mal raus, hau rein, Alter“ nach. So redet der Checker eben. Sonst wäre er ja nicht der Checker, Alter!

Nachwuchs verzweifelt gesucht

„Die Rekruten“ sind nicht die erste PR-Kampagne der Bundeswehr seit der Aussetzung der Wehrpflicht am 1. Juli 2011. Es gab „Wir.Dienen.Deutschland“[3], die Kampagne kam mit „dienen“ und „Deutschland“ noch sehr staatstragend daher.

Es folgte „Mach‘, was wirklich zählt“. Damals gab es Botschaften wie „Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Tee trinken“. Auch Kritik wurde aufgegriffen und umgedreht „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst.“ Letztlich stand hier aber die eigene Karriere im Vordergrund, die entsprechende Internetseite[4] hebt die Bedeutung der Bundeswehr als Arbeitgeber hervor.

Doch die angestrebte Personalstärke von 170.000 Soldatinnen und Soldaten hat die Bundeswehr bislang nicht erreicht. Das sollen jetzt die „Rekruten“ richten. Keine PR-Kampagne stellt so konsequent die potenziellen Bewerber und Bewerberinnen in den Mittelpunkt. Die Serie beginnt mit der Anreise, vom Bahnhof geht es per Bus zur Kaserne. Die Rekruten-Rollkoffer brettern über das Pflaster, wie man das kennt – auch hier also: Alles ganz normal.

Erste Anweisungen führen zu einem kleinen Drama: „Jetzt muss ich meine ganzen Piercings rausmachen“, jammert Julia. Das lässt sich die Regie nicht entgehen, mit trauriger Musik wird die Szene unterlegt und in der nächsten Folge gleich noch mal wiederholt. Kein Frage, die Macher haben ihre TV-Lektion gelernt: Drama, Baby.

Es folgen: Stube beziehen, frühes Wecken um fünf Uhr, erste Lektionen, natürlich alles ganz cool, ganz lässig. Der Soldat, der den Rekruten die Grundstellung erklärt und dass sie mit „Jawohl“ zu antworten haben, ist der „Verhaltenscoach“. Der „Bockbau-Experte“ erklärt, wie Betten beziehen (Bock bauen im Bundeswehr-Jargon) geht. Es folgt, natürlich, die „Bockbau-Challenge“. Die zwei Teams, die gegeneinander antreten, haben auch coole Namen: Das eine heißt „Good Guys“, und zwar nur deshalb, weil das andere dann „Bett Guys“ heißen kann. Also wie Bad Guys – Spitzen-Gag, Tusch.

Man merkt, dass die Macher nicht zuletzt von Medienformaten wie Stefans Raabs TV Total gelernt haben. Als Jerome einmal seinen Redeschwall mit Jugendwörtern wie „Alda“ und „Digger“ mischt, zählt die Regie mit (es endet 3 zu 4). Auch ein T-Shirt mit Bob Marley und Joint auf dem Kasernengelände entgeht der Kamera nicht und wird ganz TV-Total-mäßig beim Drogentest noch mal hervorgehoben.

Mit einem Fitnesstest sind die ersten sieben Tage „Die Rekruten“ vorbei. Als ein Matrose den Klimmhang mehr als die vorgeschriebenen fünf Sekunden halten kann, stellt ihn die Regie mit der Beschreibung vor: „hängt auch in seiner Freizeit gerne ab“. Mal sehen, ob die Bundeswehr diesen Humor noch über zweieinhalb Monate durchhält.

Unterschiedlicher Erfolg

Bei YouTube haben inzwischen 160.000 User die Rekruten abonniert. Mit dem reißerisch „Kulturschock“ betitelten Video schafft es die Bundeswehr auf mehr als 630.000 Aufrufe. Dazu kamen damals 3600 Kommentare. Solche Spitzenwerte konnte kein weiteres Video mehr erreichen. Die Zahl der User ist nach einer Woche schon kräftig zurückgegangen: Die „Bordtauglichkeitsprüfung“ an Tag 5 interessierte nur noch rund 170.000 User.

In der Bewertung weht der Bundeswehr ein eisiger Wind entgegen. Ca. 8500 Nutzer stimmten bei „Kulturschock“ zwar mit „Mag ich“, aber fast 6500 klickten „Mag ich nicht“. Später verbesserte sich das Verhältnis zugunsten der Bundeswehr. An Tag fünf kamen auf 7.700 positive Bewertungen rund 2000 negative, was vermuten lässt, dass Bundeswehr-Gegner schon nach einer Woche von der Fahne gegangen waren und sich das Stuben-Spektakel nicht mehr weiter antun wollten. Es gab auch nur noch 1700 Kommentare.

Schwach bei Facebook

Auf Facebook hat die Bundeswehr-Serie 20.000 Freunde. Nimmt man die hier entscheidende Währung, nämlich wie oft eine Folge geteilt wird, dann muss man die Videos wohl als glatten Fehlschlag einstufen: Einzelne Videos werden kaum geteilt, mal 40 Mal, 10 Mal oder sogar nur einmal. Das kriegen Normaluser ohne Millionenbudget genauso gut und besser hin.

Trotzdem, die Kommentar-Reaktionen bei YouTube waren zahlreich, und das Social-Media-Team der Bundeswehr moderierte fleißig. „Eure Meinungen sind sehr vielfältig, von großem Interesse bis zur absoluten Ablehnung unserer Serie ist alles dabei“, kommentierte das „Rekruten-Team“, nicht ohne auf Kritik von Usern einzugehen, denen die Kaserne offenbar etwas zu gut eingerichtet[5] vorkam:

„Wir möchten noch einmal betonen, dass die Stuben unserer Rekruten nicht extra für unsere Webserie so ausgestattet wurden, sondern alle Stuben in den Inspektionen in Parow, in denen Grundausbildungen durchgeführt werden diesem Standard entsprechen. Ziel ist es, bis Ende 2018 alle 55.000 Stuben der Bundeswehr mit dieser Ausstattung zu versorgen.“

Es fehlt: Töten und Sterben

Doch nicht nur von Usern musste die Bundeswehr Kritik einstecken. Mit einem demonstrativen „Peace“ begrüßte[6] der bekannte YouTuber LeFloid am 4. November seine Zuschauer. An den Rekruten ließ er kein gutes Haar: „hässlich, irgendwie scheiße und billig produziert“, so sein vernichtendes Urteil. Die Machart sei unter „aller Sau für dieses Riesenbudget“, meinte er. Er fragte sich aber auch, was die von den Rekruten beschworenen Werte denn in der Praxis wert sind: „Kameradschaft und die ganzen Werte und Disziplin und so was, das tut bestimmt niemandem was schlechtes – bis er zum ersten Mal angeschossen wird, irgendwo bei einem Auslandseinsatz.“

Dass Töten und Sterben bislang nicht vorgekommen sind, kritisierte[7] auch der Militärblogger Thomas Wiegold[8] gegenüber dem NDR-Medienmagazin ZAPP. Herausforderungen und Abenteuer könne man auch beim Technischen Hilfswerk oder der freiwilligen Feuerwehr machen. Leben und Tod – „das muss noch angesprochen werden, da bin ich sehr gespannt, wie das in dieser Folge zur Sprache kommen wird“, so Wiegold.

Die Reaktionen fielen natürlich je nach grundsätzlicher Haltung zur Bundeswehr unterschiedlich aus. Aus konservativer Sicht kritisierte der „Bendler-Blogger“[9] Sascha Stoltenow, ein Reserveoffizier, die Serie: „Für mich ist das zu viel Abenteuerspielplatz und zu wenig ernsthafte Auseinandersetzung mit den ernsten Seiten des soldatischen Dienens. Die Bilder, die wir in den ersten Folgen der Serie sehen, erinnern daher auch eher an eine Militärklamotte als an den Einstieg in eine professionelle Karriere.“

Stoltenow kritisierte namentlich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) als verantwortungslos. „Wir sehen dabei zu, wie die Bundeswehr zwölf junge Männer und Frauen in die Medienarena treibt und sie ungeschützt dem Urteil des Publikums aussetzt.“ Die Darsteller und Darstellerinnen seien nichts weiter als „mediales Kanonenfutter in von der Leyens Dschungelcamp“, fürchtete er.

Gänzlich anders, aber auch ablehnend, reagierte das Satiremagazin Titanic, das mit einer eigenen Serie auf YouTube reagierte. Als angeblicher „offizieller Medienpartner der Bundeswehr“ posteten die Satiriker eigene Videos[10], um zu erklären, wie „aus jungen Menschen ein echter Oberst Klein, der fürs Vaterland spektakulär Tanklastzüge wegbombt“, wird. Oberst Georg Klein hatte 2009 in Afghanistan die Bombardierung zweier Tanklastzüge befohlen, bei der viele Zivilisten getötet wurden. Ermittlungen gegen Klein wurden zwar eingestellt, dennoch zahlte die Bundesregierung den Hinterbliebenen Entschädigung.

Umstrittene Rekrutierungspraxis

Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegdienstgegnerInnen wiederum nahm die „Rekruten“ zum Anlass, auf die umstrittene Praxis der Bundeswehr, Unter-18-Jährige aufzunehmen, aufmerksam zu machen: „Die neue Werbeserie der Bundeswehr täuscht über die realen Zustände in der Armee hinweg – kritische Themen werden nicht angesprochen und schon die Konzeption der Serie ist vollkommen einseitig“, so die DFG-VK: „So müsste mindestens ein Rekrut aus der Serie 17 Jahre alt sein – so wie auch in der Realität zehn Prozent der Rekruten, die an der Waffe ausgebildet werden, noch minderjährig sind.“ Das wolle die Bundeswehr lieber nicht thematisieren, kritisierte die DFG-VK.

Kinderrechtsexperten weisen[11] seit Jahren darauf hin, dass die Bundeswehr Minderjährige anwirbt. Sie verweisen auf das Zusatzprotokoll zur Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen von 2002[12]. Demnach dürfen Kinder unter 18 Jahren nicht zwangsweise zum Militärdienst eingezogen werden. Die Bundesregierung bestreitet jedoch, gegen Völkerrecht zu verstoßen. Erst kürzlich hat deshalb das Deutsche Bündnis Kindersoldaten eine Unterschriftenaktion[13] gegen die Rekrutierung Minderjähriger gestartet[14]. Die deutsche Praxis unterlaufe den Kampf gegen Kindersoldaten etwa in Afrika, argumentiert das Bündnis, dem Organisationen wie Kindernothilfe, terre des hommes und UNICEF Deutschland angehören.

Beifall von Böhmermann

Immerhin, einen neuen Fan haben die Rekruten auch Tage nach dem Serienstart noch gewonnen. Anfang der Woche outete[15] sich der Satiriker Jan Böhmermann als „Riesenfan“. Doch das war wohl nicht so ernst gemeint, hatte der Medienprofi doch einen guten Rat für die Rekruten-Macher: „Bisschen wenig Action leider. Krieg wäre cool für die Dramaturgie. Sonst weiter so!“

Doch das wird wohl nichts werden. Schließlich zeigt die Serie eben nur drei Monate aus der Grundausbildung. Der Krieg ist damit automatisch ausgeblendet. Praktisch für die PR-Leute, die das Produkt Bundeswehr verkaufen müssen.

Links in diesem Artikel:

[1] http://www.youtube.com/channel/UCZPAni75bkLnjGO8yhuJpdw
[2] https://www.heise.de/tp/features/Bundeswehr-will-mit-Reality-Doku-Rekruten-werben-3358928.html
[3] http://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/!ut/p/c4/DcLBDYAwCADAWVwA_v7cQv1RwYa0QQNo19fc4Y4_o1crpV5GHVfcDp3LgDJYINJFsznJmQLVH-NOVQxCeol8xSNJjE0DBjPebZk-Bifxpw!!/
[4] https://www.bundeswehrkarriere.de/mach-was-wirklich-zaehlt
[5] https://www.youtube.com/watch?v=P2YkqYzAlKU
[6] http://www.youtube.com/watch?v=aVAFnpe2WZQ
[7] http://www.youtube.com/watch?v=PUd0zxhm0HA
[8] http://augengeradeaus.net/
[9] http://bendler-blog.de/2016/11/03/kanonenfutter-fuer-von-der-leyens-dschungelcamp/
[10] http://www.youtube.com/watch?v=x7U1EAn2ys4
[11] http://www.bundeswehr-journal.de/2016/immer-mehr-minderjaehrige-rekruten-beim-bund/
[12] http://www.un.org/Depts/german/uebereinkommen/ar54263.pdf
[13] http://unter18nie.de
[14] http://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13021:jugendschutz-bundeswehr-soll-keine-rekruten-unter-18-jahren-aufnehmen&catid=50:sp-442&Itemid=84
[15] http://twitter.com/janboehm/status/795618837924368384


Autor: Dirk Eckert

Quelle: http://www.heise.de/-3460805