Ohne Gefahr keine Nachfrage

Die gute Konjunktur könnte Betriebe dazu verleiten, zu sehr auf die Liquidität der Geschäftspartner zu vertrauen. Das fürchten Versicherer, die Firmen Policen verkaufen wollen

Financial Times Deutschland, 14.09.2007, S. A2

Financial Times Deutschland (FTD)

Die Zahl der Unternehmenspleiten wird in Deutschland im Jahr 2007 weiter zurückgehen. Davon gehen sogar die Kreditversicherer aus, die noch 2005 vor steigenden Insolvenzzahlen gewarnt hatten. Die Allianz-Tochter Euler Hermes schätzt, dass im Jahr 2007 ungefähr 27 300 Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, 10,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch erste Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen für diesen Trend: So verzeichneten die deutschen Amtsgerichte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 14 515 Unternehmensinsolvenzen. Das sind 10,87 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Kreditversicherer wie Atradius, Coface, Euler Hermes oder R+V sichern Kunden gegen das Risiko ab, dass ein Geschäftspartner pleitegeht und Rechnungen nicht zahlen kann. Mit den Policen können sich Unternehmen davor schützen, durch die Insolvenz anderer in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Statt einem unkalkulierbaren Risiko haben sie berechenbare Versicherungsprämien. Die Versicherer müssen ihrerseits den Markt genau beobachten, um nicht anstelle ihrer Kunden bankrottzugehen. Denn jede Insolvenz kann leicht zu einem Schadenfall werden, für den der Versicherer aufzukommen hat. Datenbanken helfen ihm dabei, die Risiken frühzeitig zu erkennen. „Man kann auch in Zeiten vieler Insolvenzen gute Geschäfte machen“, sagt Coface-Sprecher Erich Hieronimus.

Umgekehrt nützt einem Versicherer die gute wirtschaftliche Lage nichts, wenn die Zahl seiner Schadenfälle zunimmt. Und ein Großschaden kann die ganze Branche treffen. Die Insolvenz des Baukonzerns Walter Bau im Jahr 2005 etwa kostete die Versicherer geschätzte 300 Mio. Euro. Allerdings war die Wirkung letztlich nicht so groß wie befürchtet: Die Schaden-Kosten-Quote, die angibt, wie viel die Versicherer von jedem eingenommenen Prämien-Euro für Schäden, Verwaltungs- und Vertriebskosten ausgeben müssen, fiel nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) weiter, von 83,7 Prozent 2004 auf 79,3 Prozent 2005. Der GDV rechnet für das Jahr 2006 mit einer noch besseren Quote von 63 Prozent. Für 2007 erwarten die Kreditversicherer mit 70 Prozent eine nur leicht höhere Schaden-Kosten-Quote als im Vorjahr. Die Branche muss mit zwei größeren Schäden fertig werden: Im April hat der Bauunternehmer Wiemer & Trachte Insolvenz angemeldet, im Juni Europas größter Möbelhersteller Schieder. Auch Dutzende Tochterunternehmen des Möbelriesen wurden zahlungsunfähig.

So gut die Versicherer derzeit auch dastehen, die abnehmende Zahl der Insolvenzen bereitet ihnen doch Sorge. Denn wo keine Gefahr droht, lassen sich Versicherungen schlecht verkaufen. Sollte die Zahl der Insolvenzen in 2007 tatsächlich abermals sinken, wäre das die vierte Abnahme in Folge. „Dieser anhaltende Rückgang ist erfreulich, darf aber nicht dazu führen, dass Unternehmen sich in Sicherheit wiegen“, warnt Gerd-Uwe Baden, der Vorstandsvorsitzende der Euler Hermes Deutschland.

Mittlerweile müssen sich die Versicherer auch mit der US-Hypothekenkrise auseinandersetzen. Das Horrorszenario: Die Ereignisse könnten Banken dazu bringen, Kredite für Firmen zu verknappen. Insbesondere Unternehmen mit einem hohen Anteil an Fremdkapital könnten dadurch schnell in Zahlungsschwierigkeiten geraten. „Wir sehen derzeit noch keine konkreten Auswirkungen bei den Unternehmen aufgrund der US-Immobilienkrise, beobachten die Entwicklung aber sehr genau“, sagt Baden. „Dabei sind Unternehmen mit hohem Fremdkapitalanteil im Fokus.“ Gerade der Übernahmeboom durch Private-Equity-Firmen habe „zu teils irrationalen Finanzierungsverhältnissen“ geführt, kritisiert der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Atradius, Peter Ingenlath.

Sollte sich wegen der Krise die Kreditwürdigkeit von Unternehmen verschlechtern, schließt Euler Hermes Preiserhöhungen nicht aus. „Höhere Risiken werden auch bei der Kreditversicherung zu einer Anhebung der Prämien führen müssen“, sagt Baden. Sein Vorstandskollege Jochen Dümler ergänzt: „Da das Risikoumfeld nun durch die US-Immobilienkrise neu bewertet werden muss, ist zu erwarten, dass die Preise am Markt wieder steigen.“

Auch der Kreditversicherer Coface hat sich bereits auf die Krise am US-Immobilienmarkt und mögliche Auswirkungen auf andere Branchen eingestellt. Die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen werde ständig beobachtet, sagt Sprecher Hieronimus. Auf die Entwicklung in den Vereinigten Staaten habe Coface schon im April vor Ausbrechen der Krise reagiert: „Wegen der Immobilienkrise haben wir US-Risiken auf die negative Bewertungsliste gesetzt.“


Autor: Dirk Eckert