Meisner spart sich die Aufklärung

Wenn das Erzbistum Köln spart, dann bei Bildungseinrichtungen, deren Arbeit sich nicht auf "Ehevorbereitung" oder Katechismusunterricht beschränkt. Der Karl-Rahner-Akademie droht das Aus

taz köln, 16.11.2004, S. 1

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Insgesamt 90 Millionen Euro will das Kölner Erzbistum bis 2007 einsparen. Die sinkende Zahl der Gläubigen und der damit einhergehende Rückgang der Kirchensteuereinnahmen zwingt die Katholiken dazu. Als Leitlinie für den Sparkurs hat der Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, die Konzentration auf das „spezifisch Kirchliche“ vorgegeben.

In der Praxis müssen allerdings einige mehr sparen als andere. Der Karl-Rahner-Akademie zum Beispiel, die in Köln für die Kirche zentrale Bildungsveranstaltungen anbietet und dafür jährlich 420.000 Euro bekommt, sollen ab 2006 die Zuschüsse gänzlich gestrichen werden. „Wir hatten damit gerechnet, 20 Prozent einsparen zu müssen“, sagt Pater Alfons Höfer SJ, der Leiter der 1947 gegründeten und seit 1988 nach dem Jesuiten Karl Rahner (1904-1984) benannten Akademie. Dass aber die gesamten Zuschüsse gestrichen wurden, sei dann schon „überraschend“ gewesen, sagt er der taz.

Das Erzbistum habe bereits das Katholische Bildungswerk und könne sich keine Doppelstruktur mit je eigener Verwaltung leisten, begründet die Kirchenspitze den drastischen Schritt. Das Katholische Bildungswerk unterstützt vor allem die einzelnen Pfarreien bei der Bildungsarbeit, einer seiner Schwerpunkte lautet „Ehevorbereitung“. Von einem „systematischen“ Programmangebot in philosophischen Fragen ähnlich dem der Karl-Rahner-Akademie kann nach Auffassung von Höfer dort indes keine Rede sein.

In der Tat ist das Angebot an der Akademie, die heute vom Katholischen Männerwerk der Stadt Köln getragen wird und unter anderem Weiterbildung für Betriebsräte und Jugendvertreter betreibt, nicht nur auf Theologie und Lebenshilfe ausgerichtet. Sie reicht von Philosophie über Medizin, Musik und Literatur bis hin zu Arbeit und Wirtschaft. Da wird dann Betriebsverfassungsrecht, Nationalsozialismus oder auch mal Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“ diskutiert. In theologischen Fragen suche die Akademie, die seit ihrer Gründung immer von Jesuiten geleitet wurde, das offene Gespräch und die Auseinandersetzung mit Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen, erläutert Höfer.

Mit dem konservativen Erzbistum Köln liegt die Karl-Rahner-Akademie deswegen über Kreuz. Der Hauptabteilungsleiter für Bildung und Medien des Erzbistums, Erwin Müller-Ruckwitt, äußerte etwa jüngst im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger, der Begriff „akademische Freiheit“ sei in einer kirchlichen Bildungseinrichtung „fehl am Platze“. Für Pater Alfons Höfer ist das „total daneben gegriffen. Wenn akademische Freiheit nicht möglich sein soll, dann können wir jede Bildungseinrichtung schließen.“ Was dann übrig bleibe, sei nur noch Katechismusunterricht.

Wegen dieser Haltung ist die Akademie in der Kirche nicht unumstritten. „Gut, dass dieser Mief der 68er Jahre jetzt ausgemistet wird!“, wettert etwa ein Gläubiger im Internet-Gästebuch der Akademie, wo neben vielen Solidaritätsbekundungen zur Zeit auch Anfeindungen dieser Art zu finden sind. Die Akademie sei „kirchenfeindlich“ und „glaubenszersetzend“, heißt es da, ein „Ghetto der Glaubenszersetzer und ewigen Nörgler“. Sogar als „arianisch“ wird sie gebrandmarkt, also einer Lehre aus dem 4. Jahrhundert verpflichtet, die die Gottheit Jesu leugnet. „Lächerlich“, meint Höfer nur.

Die Karl-Rahner-Akademie will die Mittelstreichung auf keinen Fall widerspruchslos hinnehmen. Der Verein der Freunde und Förderer hat nach Bekanntwerden der Bistumspläne Unterschriftenlisten gegen die Schließung verteilt. Die Zahl der Solidaritätsbekundungen und Leserbriefe in Lokalzeitungen ging schnell in die hunderte.

Angesichts der wachsenden Kritik trat das Erzbistum schließlich die Flucht nach vorne an. In der neuen Kölner Kirchenzeitung (Herausgeber: der Erzbischof) kündigte Generalvikar Dominik Schwaderlapp per Interview an, das Erzbistum Köln werde 50.000 Euro bereitstellen, damit im Rahmen des Katholischen Bildungswerkes Name und Programmangebot der Karl-Rahner-Akademie weitergeführt werden könnten.

Höfer begrüßt dieses Angebot. „Wenn das wirklich die Absicht ist, dann haben wir eine Verhandlungsgrundlage“, sagt er. Ein Termin mit dem Generalvikar sei bereits vereinbart. Wenn das Erzbistum die 50.000 Euro für eine theologische Stelle zur Verfügung stelle und auch der Jesuitenorden Zuschüsse gebe, könne die Arbeit fortgeführt werden. Bislang bekommt die Akademie vom Jesuitenorden kein Geld. Höfer: „Da muss der Orden Prioritäten setzen.“


Autor: Dirk Eckert