Meister im Abreißen historischer Bauten

In seinem Stadtführer "Das neuzeitliche Köln" zeigt Werner Jung, wie sich die Stadt seit der französischen Herrschaft zu einer modernen Metropole entwickelt hat - und was für Prachtbauten aus jener Zeit verloren gegangen sind

taz köln, 12.11.2004, S. 4

Rezension taz köln

„Der historische Stadtführer“ heißt eine kleine, auf vier Bände angelegte Buchreihe aus dem Kölner J.P. Bachem Verlag, die anders als gängige Stadtführer die verschiedenen Epochen in den Mittelpunkt stellt. Nach Büchern über das römische und mittelalterliche Köln ist nun als dritter Stadtführer in Taschenbuchformat „Das neuzeitliche Köln“ erschienen. Band 4, „Das moderne Köln“, soll bald folgen.

Autor Werner Jung, der Leiter des Kölner NS-Dokumentationszentrums, behandelt in „Neuzeitliches Köln“ das Wirken von Franzosen und Preußen, die Revolutionsjahre um 1848 und die Entwicklung zur Industrie- und Großstadt – eine Zeitspanne, die vom Jahr 1794, als die Franzosen den Kölnern die Prinzipien der Straßenreinigung beizubringen versuchten, bis zum Bau der Feuerwache in der Melchiorstraße um 1890, der heutigen Alten Feuerwache, reicht.

Jedem Kapitel sind Stadtrundgänge zugeordnet, anhand derer sich die LeserInnen selbst auf Spurensuche begeben können. Das Konzept geht wunderbar auf: Das Buch bietet praktische Hinweise für eigene Erkundungen, lässt aber die historischen Hintergründe nicht außer acht. Zudem ist die Aufmachung mit zahlreichen Abbildungen, Karten, historischen Zeichnungen und Fotos wirklich gut gelungen, so dass das Buch auch optisch zum Schmökern daheim einlädt.

Die vielen Abbildungen sind allerdings auch nötig. Denn vieles ist im Stadtbild nicht mehr zu finden, da Köln beim Abreißen historischer Bauten immer sehr eifrig war. So kommt es, dass etwa in Rom noch heute große Teile der antiken Stadtmauer stehen, während in Köln Ende des 19. Jahrhunderts mit der mittelalterlichen Stadtmauer kurzer Prozess gemacht wurde. Der damalige Oberbürgermeister beschimpfte Abrissgegner gar als „fanatische Altertümler“.

Ein anderes dramatisches Abrissbeispiel ist die Neustadt einschließlich des Rings. Dort wurde nach 1945 vieles eingerissen, obwohl die Neustadt im Zweiten Weltkrieg gerade mal zu 25 Prozent zerstört worden war. Zum Beispiel die Kölner Oper am Rudolfplatz: Ein Foto im Stadtführer zeigt, welch beeindruckender Bau Köln da verloren ging. „Nicht allein die verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg haben das alte Köln weggewischt, es waren auch immer Nachlässigkeit, Ignoranz und Hybris, aber auch ökonomische Interessen der jeweiligen Zeit, die den notwendigen Respekt vor dem Vergangenen und den wohl verstandenen Sinn für Tradition vermissen ließen“, schreibt Jung.

Gegenwärtig wird über den Abriss der nach dem Krieg erbauten Oper am Offenbachplatz, „eines der bedeutendsten Bauwerke der 1950er Jahre“, nachgedacht. „Jede Zeit scheint die gleichen Fehler machen zu wollen“, meint Jung lakonisch.

Werner Jung: Das neuzeitliche Köln, J.P. Bachem Verlag, Köln 2004


Autor: Dirk Eckert