„Heute wird Krieg medial angekündigt“

Vor 20 Jahren wurde das Kölner Friedensbildungswerk gegründet. Seitdem hat es zwar nicht die ganze Welt verändert, wie Vorstandsmitglied Roland Schüler sagt, leistet aber gründliche Basisarbeit für eine friedliche Konfliktbewältigung

taz köln, 12.09.2002, Nr. 109, S. 4

Interview taz köln

taz: Wie kam es zur Gründung des Friedensbildungswerkes?

Roland Schüler: Das war ein Kind der Friedensbewegung, die sich nach dem NATO-Doppelbeschluss bildete. Die Friedensbewegung hat sehr viel in Lerngruppen gearbeitet und soziale Bildungsarbeit – ein Begriff der achtziger Jahre – gemacht. Sich selber informieren ist einer der wichtigsten Punkte jeder Bewegung. Wir hatten kein Expertentum, weil das nicht vorhanden war oder, wenn es vorhanden war, sich nicht direkt mit einer Friedensgruppe in Verbindung setzte.

taz: Das war vor zwanzig Jahren. Was hat sich seitdem für die Arbeit des Friedensbildungswerks geändert?

Roland Schüler: Wenn man die aktuelle politische Diskussion betrachtet, dann hat sich nichts geändert. Krieg und die Bereitschaft zum Krieg sind in der Gesellschaft und zwischen den Staaten weiterhin vorhanden. Der Unterschied zu damals liegt darin, dass der Krieg jetzt in allen Medien angekündigt wird. Der Afghanistan-Krieg, jetzt der Irak-Krieg sind angekündigte Kriege.

Vor zwanzig Jahren war es unsere Aufgabe und die Aufgabe von Bewegungen, überhaupt Informationen zu sammeln, weiterzugeben und auf diese Weise Sicherheits- und Verteidigungspolitik öffentlich und transparent zu machen.

taz: Heute diskutieren Journalisten in Talkshows, ob es von Vor- oder Nachteil wäre, den Irak anzugreifen…

Roland Schüler: Ja, und auch die Politik diskutiert das öffentlich. Was wir allerdings nicht erreicht haben, ist, dass man auch die richtigen Schlüsse aus den öffentlichen Debatten zieht.

taz: Seitdem hat sich auch das soziale Umfeld verändert. Die Grünen haben sich zum Beispiel zur Kriegspartei gewandelt. Wie hat sich das auf das Friedensbildungswerk ausgewirkt?

Roland Schüler: Das hat sich positiv ausgewirkt. Dass Teile der Bündnispartner oder der Klientel jetzt in der Regierung sind, hat dazu geführt, dass die Leute, die eine andere Vorstellung haben von Friedenspolitik, sich wieder mehr der friedenspolitischen Bildung zuwenden.

Das Friedensbildungswerk war dann eine festere Organisationsstruktur, die den Austausch ermöglichte zwischen den einzelnen Gruppen und mit den Experten und Expertinnen aus Hochschule, Wissenschaft und Forschung, die sich dann mit der Friedensbewegung zusammengetan haben.

taz: Wann lief Ihre Arbeit am besten?

Roland Schüler: Mit dem Golfkrieg Anfang 1991 war vom Engagement und Zuspruch her ein Höhepunkt erreicht. Erst nachdem man dann merkte, dass alles, aber auch wirklich alles Engagement nichts nützte, ist der Zuspruch weggebrochen.

taz: Dann war Bosnien der Tiefpunkt?

Roland Schüler: Ja, die ganze Entwicklung in Jugoslawien ist an der Friedensbewegung und der friedenspolitischen Bildung vorbeigegangen. Es ging erst wieder aufwärts, als man einen konkreten Punkt hatte: Als sich die Grünen auf die andere Seite stellten und dann 1998 den Jugoslawien-Krieg forcierten.

taz: Haben sich nach dem 11. September wieder Menschen abgewandt? Nach Bosnien und Kosovo war das die dritte Gelegenheit zu sagen: Aber diesmal geht es doch nicht ohne Militär.

Roland Schüler: Nein, heute steht eine andere Fragestellung im Vordergrund. Diese Art der Intervention mit Militär kann nicht die richtige Antwort auf Terrorismus sein. Aber wie kann man mit dieser neuen Form des Terrorismus umgehen?

Genau das ist im Anschluss an den 11. September 2001 diskutiert worden. Das kann man nicht mit althergebrachten Politikrezepten und Vorstellungen beantworten. Genau solche Diskussionen sind in den Räumen des Friedensbildungswerkes gut aufgehoben.

taz: Welche Bilanz ziehen Sie nach zwanzig Jahren?

Roland Schüler: Wir haben zwei Sachen erreicht. Der erste große Erfolg von uns und anderen war, dass Friedens- und Sicherheitspolitik öffentlich diskutiert werden. Das andere ist, was wir im Bereich von alternativer Konfliktbearbeitung hier im Raum Köln mit Menschen bewirken konnten. Wenn wir auch nicht die ganze Welt verändern, so machen wir doch – wie früher vor zwanzig Jahren – Basisarbeit, in dem wir vor Ort alternative Konfliktbearbeitung – wie Mediation und Schulstreitschlichtung – verbreiten.

taz: Wer sind heute die Bündnispartner?

Roland Schüler: Wir arbeiten immer noch mit den Dritte-Welt-Initiativen zusammen. Die sind aber inzwischen auch weniger geworden. Selbstverständlich gibt es immer noch die Friedensbewegung. Und natürlich spielen heute auch die Globalisierungskritiker von attac eine wichtige Rolle. attac ist ja auch eine Bewegung, die von unten kommt.

ROLAND SCHÜLER, 43, ist Hauptamtlicher Pädagogischer Mitarbeiter und Vorstandsmitglied im Friedensbildungswerk Köln e.V.

Weitere Informationen: http://www.friedensbildungswerk.de


Autor: Dirk Eckert