Jeder Vierte: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“

Neue Studie zu Rechtsextremismus: Westdeutsche sind antisemitischer als Ostdeutsche

Telepolis, 14.09.2002, http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/te/13227/1.html

Telepolis

Der Anteil der Menschen mit antisemitischen und nationalistischen Einstellungen ist im Osten Deutschlands keineswegs höher als in den alten Bundesländern, wie eine neue [1]Studie, erstellt von der Universität Leipzig und der FU Berlin, zeigt. Allerdings überwiegt in den ostdeutschen Ländern die Ausländerfeindlichkeit.

So sind 31 Prozent der Westdeutschen, aber nur 14 Prozent der Ostdeutschen der Meinung, dass der Einfluss der Juden „auch heute noch“ zu groß ist. In einer vergleichbaren Untersuchungen von 1998 waren es im Westen noch 14 Prozent, die dem zustimmten. Im Bundesdurchschnitt sind es heute 28 Prozent, die der Aussage beipflichteten, weitere 32 Prozent wählten die Antwortmöglichkeit „teils/teils“. Nur 40 Prozent lehnten sie ab.

Jeder fünfte Deutsche (23 Prozent) „weiß“ darüber hinaus, dass die Juden „mehr als andere Menschen mit üblen Tricks“ arbeiten, „um das zu erreichen, was sie wollen“. Weniger als die Hälfte der Befragten, 47 Prozent, lehnte das ab. Die Aussage, dass die Juden einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich hätten und nicht so recht zu uns passten, erzielte ähnliche Ergebnisse.

Neu an der Studie ist die Untersuchungsmethode: 2051 Menschen bekamen je 18 Statements vorgelegt, mit denen ein „rechtsextremes Einstellungsmuster“ besser als bisher bestimmbar sein soll. Zwölf Politologen hatten diesen Aussagenkatalog vor einem halben Jahr bei einer Konferenz in Berlin ausgearbeitet und sechs „Dimensionen“ des Rechtsextremismus definiert. Neben Antisemitismus wurden Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und Verharmlosung der NS-Zeit als Kriterien genommen.

Wer findet, dass eine Diktatur die bessere Staatsform wäre, ein starkes Nationalgefühl nötig wäre, Ausländer nur herkommen, um den Sozialstaat auszunutzen oder die Deutschen anderen Völkern überlegen sind, fällt unter die ersten drei Bereiche. Dass es wertvolles und unwertes Leben gibt oder der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte und seine Verbrechen in der Geschichtsschreibung weit übertrieben würden, waren Aussagen aus den Bereichen Sozialdarwinismus und Verharmlosung der NS-Zeit.

Menschen ohne Abitur stimmten eher allen Statements zu als Menschen mit Abitur. Beim Geschlechtervergleich fallen die Männer negativ auf: Durch die Bank weg mehr fanden sich mehr Männer als Frauen in den Aussagen wieder. Dabei sind es vor allem ältere Menschen, die zu rechtsextremen Einstellungen neigen: In der Altersgruppe der über Sechzigjährigen ist die Zustimmung durchweg am höchstem, gefolgt von den 31- bis 60-Jährigen.

Eine Grenze zwischen demokratischer Haltung und Rechtsextremismus ist nach Angaben der Herausgeber auch mit der neuen Studie nicht eindeutig zu ziehen. Die Zustimmung zu einer Aussage bedeute noch keine rechtsextreme Einstellung. Auch würden entsprechende Personen nicht automatisch eine rechtsextreme Partei wählen.

Aufschlussreich ist deshalb die Auswertung nach Anhängern der im Bundestag vertretenen Parteien. So kann sich die PDS rühmen, dass ihre Anhänger im Westen nicht chauvinistisch sind, keine Diktatur wollen, Sozialdarwinismus ablehnen und den Nationalsozialismus nicht verharmlosen. Aber: 17 Prozent ihrer West-Anhänger sind ausländerfeindlich und antisemitisch. Nur die Anhänger der Union weisen mit 18 Prozent einen höheren Wert bei Antisemitismus auf.

Jedoch kann keine andere Partei überhaupt Null-Werte aufweisen, die anderen Ergebnisse weisen in etwa dieselben Trends auf: Bei der Union gibt es die größte Zustimmung zu allen Statements. Die Ausländerfeindlichkeit reicht von den Grünen mit 10 Prozent über FDP (14) und SPD (22) bis zur Union mit 32 Prozent. Anhänger von Union, SPD und FDP weisen durchweg höhere Werte bei Chauvinismus als bei Antisemitismus auf. Bei der FDP übersteigt der Chauvinismus mit 17 Prozent alle anderen Einstellungen.

Überhaupt zeigt die Studie auch ein durchgängig hohes Potenzial an Chauvinismus. Der Aussage „Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland“ stimmten im Bundesdurchschnitt 33 Prozent zu, 35 waren unentschieden.

Im Osten jedoch liegt bei allen Parteien die Ausländerfeindlichkeit vor Chauvinismus, außer bei den Grünen, wo 22 Prozent chauvinistisch und nur 13 Prozent ausländerfeindlich sind. Nur die Grünen-Anhänger sind nicht antisemitisch und verharmlosen nicht den Nationalsozialismus. Im Unterschied zum Westen gibt es im Osten bei Union, SPD und Grünen mehr Zustimmung zur Diktatur als zu antisemitischen Aussagen. Die Werte liegen hier allesamt unter 10 Prozent. Und – wer hätte das gedacht: Die FDP-Fans sind im Osten nicht sozialdarwinistisch.

Links
[1] http://www.uni-leipzig.de/~medpsy/material/R8_Rechts.pdf


Autor: Dirk Eckert