1.Mai weltweit

Gegen Gentechnik und für höhere Löhne

Sozialistische Zeitung - SoZ, 11.05.2000, Nr. 10, S. 4

Sozialistische Zeitung - SoZ

Wie in Seattle bei den WTO-Verhandlungen und in Washington bei der Tagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank kam es auch am 1. Mai wieder zu Protestaktionen. London war der Ort für die spektakulärste Aktion: In der britischen Hauptstadt wurde ein McDonalds-Restaurant ausgeräumt, des Weiteren ein Churchill- Denkmal beschmutzt und Rasen aus dem Hyde-Park auf den Parliament Square verpflanzt. Erst vor einem Jahr hatten in Londons Finanzdistrikt Demonstrationen stattgefunden. Damals gingen Scheiben zu Bruch und Geschäfte wurden demoliert.

Begonnen hatte die Aktion in London mit einem „Karneval gegen Junkfood“ vor einer McDonalds-Filiale. Die AktivistInnen verschiedener Tierrechtsgruppen und Initiativen gegen Gentechnik verteilten kostenlos vegetarische Burger. Damit sollte auf Alternativen zu den „genmanipulierten McDonalds-Produkten“, so die AktivistInnen, aufmerksam gemacht werden. Organisiert wurden die Aktionen in London von der Gruppe Reclaim the Streets.

Der britische Premierminister Tony Blair verurteilte die Aktionen. Nur durch den Mut und die Tapferkeit der im Krieg Gefallenen könnten „diese Idioten“ überhaupt in einem freien Land leben, erklärte er in Hinblick auf die Verunstaltung der Churchill-Statue. Innenminister Jack Straw erklärte, niemand habe das Recht, gewalttätig zu demonstrieren und Menschen oder Eigentum anzugreifen. Nach Angaben von Scotland Yard wurden in London 42 Personen festgenommen. John Jordan, ein Sprecher von Reclaim the Streets, erklärte, es habe sich eher um eine Feier der Antikapitalismusbewegung gehandelt als um eine Protestaktion.

Auch Manchester war Schauplatz von antikapitalistisch motivierten Aktionen. Laut Berichten griffen rund 250 DemonstrantInnen Geschäfte und Fast-Food-Restaurants an, 20 Personen wurden festgenommen. Zeitweise soll der Verkehr an einer Kreuzung durch eine Sitzblockade lahmgelegt worden sein.

In New York verhaftete die Polizei rund 20 Personen bei einer angemeldeten Mai-Demonstration. Rund 600 Menschen waren zur Demonstration am Union Square gekommen. „Menschen vor Profiten“ hieß es in Chicago, wo rund 200 Menschen durch die Stadt zogen. In Moskau gab es einige kleinere Demonstrationen neben der großen Mai-Kundgebung der „Kommunistischen“ Partei der Russischen Föderation.

Die Polizei der südpolnischen Stadt Krakau verhaftete bei einer Demonstration 14 Personen. Zu den Auseinandersetzungen kam es, nachdem die Polizei den DemonstrantInnen den Weg zum örtlichen Gefängnis versperren wollte. Jetzt wertet die Polizei laut Agenturmeldungen Videomaterial aus, um vermeintliche Verantwortliche zu identifizieren. In der Landeshauptstadt Warschau und im Ostseehafen Gdansk demonstrierten Rechtsextremisten, genau so wie im westpolnischen Poznan, wo Antikommunisten bei einer Demonstration ein Transparent mit der Aufschrift „Alle Roten gehören in Reservate“ trugen.

3000 Arbeiter versammelten sich in Zimbabwe vor der Hauptstadt Harare. Die Veranstaltung war im Vorfeld verboten worden. Daraufhin hatten die Gewerkschaften die Arbeitenden aufgefordert, zu Hause zu bleiben, da es keine Garantien gebe, dass die Polizei die DemonstrantInnen schützen würde. Die Gewerkschaften in Südafrika bekräftigten ihre Pläne für einen Generalstreik im Mai und forderten die Regierung von Zimbabwe auf, sich nicht in Gewerkschaftsangelegenheiten einzumischen.

Gegen den IWF gingen in der Türkei zehntausende auf die Straße. „IWF: Das Land steht nicht zum Ausverkauf“, war einer der Slogans, die auf Transparenten bei einer Demonstration in Istanbul zu lesen waren. Nach Presseberichten waren annähernd so viele Polizisten wie Demonstrierende anwesend. Im Südosten des Landes, in kurdischen Gebieten, wurden Mai-Demonstrationen verboten.

In Lateinamerika wie in Asien waren die schlechten ökonomischen Bedingungen Thema der Mai-Proteste. Zu Landbesetzungen kam es in Brasilien, wo Landlose gegen die in ihren Augen ungerechte Verteilung des Bodens demonstrierten. Die DemonstrantInnen forderten auch höhere Löhne und Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit. Tausende ArbeiterInnen demonstrierten in Indonesien für mehr Freiheiten für Gewerkschaften, höhere Löhne und bessere Versorgung. In Südkorea ging die Polizei gewaltsam gegen demonstrierende Studierende vor. ArbeiterInnen protestierten dort gegen den Verkauf des Automobilherstellers Daewoo an ausländische Investoren.

Auch in Indien, Pakistan und Sri Lanka wurde demonstriert. 1000 Arbeiter gingen in Bangkog für höhere Löhne auf die Straße, die seit der Asienkrise eingefroren sind. In Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh demonstrierten 2000 TextilarbeiterInnen.

Der absolute Nullpunkt gewerkschaftlicher Aktivität wurde in Italien erreicht: Die Gewerkschaften sagten erstmals in der Nachkriegsgeschichte die Demonstrationen zum 1.Mai ab. Der Grund war eine gleichzeitig stattfindende Konkurrenzveranstaltung: Der Papst las vor den Toren Roms eine Messe.


Autor: Dirk Eckert