Katerstimmung ohne Suff

Wahlabend der Wahlverlierer: Während die Genossen übermütig feiern, gehen die Grünen geknickt nach Hause und lassen die Kölschfässer unberührt zurück

taz köln, 18.05.2000, Nr. 3, S. 5

Reportage taz köln

Die Fraktionsräume der Grünen im Kölner Rathaus, kurz vor Schließung der Wahllokale. Unberührt stehen die vielen Kölsch-Fässer hinter der provisorisch aufgebauten Theke. Daran wird sich im Laufe des Abends nicht viel ändern.

Langsam füllt sich der Saal. Die grüne Kandidatin für Lindenthal kommt. Sie hat einen sicheren Platz auf der Landesliste, sie wird ins Düsseldorf Parlament einziehen. Dann erscheint Jörg Frank, der Kandidat in der Innenstadt. Er will heute als erster Grüner in Nordrhein-Westfalen einen Wahlkreis direkt gewinnen. Aussichten, über die Landesliste nach Düsseldorf zu kommen, hat er nicht. Leise begrüßen sich Frank und Müller. Kein Händeschütteln, kein Umarmung.

SPD schlägt zu

Der Countdown bis zur Prognose läuft. Mittlerweile stehen 20 Kölner Grüne still vor dem Fernseher. Sie starren auf die ZDF-Prognose für die Grünen: 7,5 Prozent. Dann ein erschrecktes Raunen, Möllemann liegt bei 9 Prozent. Gedemütigte Betretenheit füllt den Saal. Ohnmacht steht in den Gesichtern. Die erste Hochrechnung auf dem Bildschirm zerstört alle Hoffnung: 6,9 Prozent für die Grünen und 9,8 für die FDP. Jörg Frank wirft eine Stange Kölsch zu Boden, schnappt sich ein Mineralwasser und verlässt hastig den Raum. Bald ist er wieder da, wischt sich den Schweiß von Hals und Stirn, kratzt sich am Kopf. „2,5 Prozent Stimmverlust kann man sich als Regierungspartei leisten. Bei mehr wird’s schwierig“, presst er hervor.

Landespolitik interessiert die Kölner SPD am Wahlabend im Rathaus nur beiläufig. Wichtig sei, dass in NRW sozialdemokratisch regiert werde, zitiert Uhlenbruch den SPD-Landeschef Franz Müntefering. Nach den ersten Hochrechnungen besteht daran kein Zweifel mehr. Jetzt ziehen die Genossen vor einen Fernseher, der die Ergebnisse aus der Stadt bringt. Laut „erster Trendmeldung“ hat die SPD den Wahlkreis 18 geholt. „Der Wahlkreis von Anke Brunn“, ruft jemand. „Ja, Anke Brunn hat zugeschlagen.“

Wenige Minuten später ist den Kölner Grünen klar: Der Zug ist für Jörg Frank abgefahren. Zehn Prozent Abstand zum SPD-Kandidaten Norbert Rüther sind nicht mehr aufzuholen. Stumm blickt Frank auf den Computerausdruck mit den Kölner Ergebnissen. Die Lust am Feiern ist ihm vergangen – auch wenn er mit 24,9 Prozent den CDU-Kandidaten um 0,1 Prozent auf Platz 3 verweisen konnte.

Grüne OB-Kandidatin ratlos

„Norbert! Norbert!“ Begeistert feiert die SPD einige Räume weiter den Sieg des Vorsitzenden der Rats-Fraktion. Die Genossen sind erleichtert. Der lokale SPD-Chef Kurt Uhlenbruch ist mit den 41 Prozent zufrieden, die seine Partei in Köln geholt hat.

„Kannste vergessen“, ruft einer bei den Grünen und dreht dem Fernsehapparat den Rücken. Die vierte Hochrechnung wird verlesen: 7,2 Prozent. Die Anwesenden diskutieren über die Gründe für ihre Niederlage. „Wir müssen unsere Präsentation ändern“, beschwört Barbara Moritz ihre Parteifreunde. „Es kommt nicht an, wenn wir zuviel Wert auf Inhalte legen.“ Ob sie denn Shows à la Möllemann abziehen wolle? „Nein“, wehrt die grüne Kandidatin für die. Oberbürgermeisterwahl ab und lacht kurz. Dann wird die Miene wieder ernst: „Ich weiß auch nicht genau, was wir machen sollen.“

Auch die Genossen hätten Grund, nachdenklich zu werden. Die Sozialdemokraten haben Verluste von ein bis dreieinhalb Prozent eingefahren – im Vergleich zur Landtagswahl vor vier Jahren. Doch nach Heugel-Affäre und bundesweitem Stimmungstief im letzten Herbst sind sie mehr als zufrieden. „Die Kölner Innenstadt bleibt rot“, ruft Sieger Rüther durch das Kölner Rathaus.

Um halb acht haben sich die meisten Grünen mit dem Ergebnis arrangiert. „In Köln war’s doch gar nicht so schlecht“, ist trotz der klaren Stimmeinbußen zu hören. „Und der Völker Bulla hat doch ein tolles Ergebnis hingelegt“ werden seine 19,1 Prozent gelobt. Zu mehr Schönrederei lassen sich die grünen Verlierer nicht hinreißen. Nach dem zweiten Fässchen Kölsch ist die Wahlparty zu ende.


Autor: Sebastian Sedlmayr/Dirk Eckert