Hinter den Kulissen

Rezension des Buches Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien von Richard Holbrooke

philtrat, 30.09.1998, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 24

philtrat Rezension

Seit dem Friedensabkommen von Dayton gilt der amerikanische Karriere-Diplomat Richard Holbrooke als der gegenwärtige Star der US-amerikanischen Diplomatie schlechthin. Jetzt hat er seine Erinnerungen über die Verhandlungen von Dayton als Buch veröffentlicht. Während seiner diplomatischen Mission hat er sich Notizen gemacht. Später hat er noch bei anderen Beteiligten nachrecherchiert.

Die Geschichte von Holbrookes Mission ist schnell erzählt: Im Sommer 1995 beginnt das Unternehmen, Holbrooke nimmt Verhandlungen mit der bosnischen, der kroatischen und der serbischen Regierung – also mit Slobodan Miloševic – auf. Um den Druck auf die bosnisch-serbische Regierung in Pale und auf Miloševic zu erhöhen, plädiert Holbrooke für Luftangriffe, die die NATO schließlich auch durchführt. Bei den Verhandlungen in Dayton gelingt der Friedensschluß zwischen den Kriegsparteien.

Holbrookes Lehre aus dem Geschehenen: Die USA hätten durch entschiedenes, auch militärisches Eingreifen den Jahre dauernden Krieg im ehemaligen Jugoslawien beendet. Und hätten damit das geschafft, was die europäischen Staaten in jahrelangen Bemühungen nicht schafften. „Amerika als Führungsmacht“ war wieder da, resümiert Holbrooke die Auswirkungen auf die Weltpolitik.

Derlei konnte schon in den letzten Jahren in der Presse nachgelesen werden. Auch über Bosnien-Herzegowina kann Holbrooke nichts neues erzählen. In der US-Administration gilt er zwar als Spezialist für die Region. Unangenehm fällt beim Lesen allerdings auf, daß er Bosnien nur oberflächlig kennt. Seine Erinnerungen werden erst interessant, wenn sie ohne die Schlußfolgerungen des Autors gelesen werden.

Nach Beginn der Luftangriffe flog Holbrooke mit seiner Delegation nach Belgrad, um die Reaktion Miloševics auf die Luftangriffe zu sehen. Holbrooke schreibt ganz klar, daß sich die Delegation nicht sicher war, wie sich die Luftangriffe auf den Fortgang der Gespräche auswirken würden und ob Miloševic gar die Verhandlungen abbrechen würde. Von der Kombination aus politischem und militärischem Druck war damals kaum einer überzeugt. Erst später, nachdem klar war, daß die Verhandlungen nicht gefährdet wurden, verkündet Holbrooke lautstark, daß die Luftangriffe letztlich zum Frieden geführt hätten.

Miloševic zeigte sich damals von den Luftangriffen relativ wenig beeindruckt. Sein Interesse war es seit Sommer 1995, daß die Sanktionen gegen Jugoslawien aufgehoben werden, und zwar noch vor dem nächsten Winter. Daß die Verhandlungen in Dayton so lange dauerten, lag – und das beschreibt Holbrooke detailiert – an der Uneinigkeit in der bosnischen Regierung. Um zu verhindern, daß die Verhandlungen scheitern, machte Miloševic ein Zugeständnis nach dem anderen – natürlich auf Kosten der bosnisch-serbischen Seite, die er in Dayton eher schlecht als recht vertrat.

Während der Verhandlungen verhielt sich Gastgeber Holbrooke keineswegs unparteiisch. Schon vor Dayton stand er auf der bosnischen Seite. Holbrooke, der auch Vorsitzender einer Flüchtlingsorganisation war, ermunterte die bosnische Zentralregierung und Kroatien zu ihrer Gegenoffensive nach den NATO-Luftangriffen – ungeachtet aller Folgen für die Bevölkerung. Die Medien vor Ort glaubten und meldeten, die USA hätten es darauf abgesehen, die Offensive zu stoppen. Wie Holbrooke jetzt zugibt, war das Gegenteil der Fall: „Ich weigerte mich, die Offensive zu stoppen“, schreibt er jetzt und legt auch dar, warum er damals die Presse belogen hat und auf welcher Grundlage Entscheidungen über Menschenleben getroffen werden: Er vermutete damals, daß die Verhandlungen einfacher würden, wenn die Kräfteverhältnisse in Bosnien-Herzegowina schon der angestrebten Aufteilung von 51 zu 49 zwischen Muslimisch-kroatischer Föderation und der Serbischen Republik entsprechen würden.

Richard Holbrooke, Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien, Piper Verlag, München 1998, 48 Mark.


Autor: Dirk Eckert