Kalte Krieger

Rezension des Buches "Der Kalte Krieg oder: Die Totrüstung der Sowjetunion. Der US-militärindustrielle Komplex und seine Bedrohung durch Frieden" von Jürgen Bruhn

philtrat, 30.04.1998, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 22, S. 14/15

philtrat Rezension

Der Zweite Weltkrieg war noch nicht zu Ende, da machte sich das US-Militär bereits Gedanken über die Zeit danach. Am 6. Januar 1945 stellte der Joint Intelligence Staff (Vereinigter Geheimdienststab) fest: Die Sowjetunion sei sich ihrer Schwäche aufgrund der großen Verluste an Menschen und an Produktionspotential während des Zweiten Weltkrieges bewußt. Daher werde sie alles daran setzen, um „internationale Nachkriegskonflikte zu vermeiden“.

Jürgen Bruhn, Journalist für Zeitgeschichte und Wehrkunde beim Spiegel und Assistant Professor am Monterey Institute of International Studies in Kalifornien, beschreibt in seinem Buch „Der Kalte Krieg oder: Die Totrüstung der Sowjetunion“ detailliert die Geschichte der US-amerikanischen Rüstungspolitik gegenüber der Gegnerin Sowjetunion.

Obwohl nach Kriegsende offensichtlich keine Bedrohung durch die Sowjetunion vorlag, waren schon Ende 1945 die ersten Pläne zur Bombardierung der Sowjetunion mit Atombomben fertiggestellt. Zwanzig sowjetische Industrie- und Regierungszentren, darunter Moskau und Leningrad, wurden als Ziele für Atombombenabwürfe angegeben. Angenommen wurde eine „bevorstehende sowjetische Aggression“, der durch einen „begrenzten Atomschlag“ zuvorgekommen werden sollte. Ganz offensichtlich sei hier eine sowjetische Bedrohung konstruiert worden, so Bruhn.

Diese Art der Konstruktion von Bedrohung entwickelte sich zur Methode. Die nächste Legende war die sogenannte „Bomberlücke“ – bis sich herausstellte, daß sie gar nicht existierte. Ersetzt wurde sie daraufhin durch die „Raketenlücke“. John F. Kennedy gewann mit ihr den Wahlkampf. Anfang 1961 mußte sein Verteidigungsminister Robert McNamara dann öffentlich zugeben, daß es eine Raketenlücke gar nicht gab.

Weitere Bedrohungsszenarien wie die Verteidigungsausgaben- und die Weltraumwaffenlücke folgten. Und immer waren es die USA, die die wichtigsten waffentechnologischen Neuerungen einführten. Atombomben, Wasserstoffbomben, Mittelstreckenraketen, Interkontinentalraketen bis hin zum satellitengestützten Raketenabwehrsystem SDI. 1984 erklärte US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger, daß die UdSSR bei der Erforschung von defensiven Weltraumwaffen weit voraus sei. Die CIA war vorsichtiger und sprach von „bloßen Indizien“. Tatsächlich hatte die Sowjetunion kein SDI-ähnliches Programm.

Schon Präsident Eisenhower hatte bei seiner letzten Rede als Präsident vor der wachsenden Macht des militär-industriellen Komplexes gewarnt. Jürgen Bruhn gibt ihm Recht und bezweifelt, daß die amerikanische Rüstungsindustrie zum Frieden fähig ist. Und mit ihrer Macht – ihre Verbindungen reichen bis weit in Pentagon, Regierung und Kongreß – beeinflußt sie die amerikanische Politik.

Bruhn räumt mit allen Bedrohungslegenden aus den Zeiten des Kalten Krieges auf und weist auf das eigentliche Ziel amerikanischer Politik gegenüber der UdSSR hin: deren Totrüstung. Allerdings beschreibt das Buch politische Prozesse generell zu einseitig. Alle Entscheidungen werden als nur vom militär-industriellen Komplex bestimmt geschildert. Häufig bleiben Fragen offen, nämlich immer dann, wenn sich die Politik gegenüber dem militär-industriellen Komplex durchsetzte.

Jürgen Bruhn: Der Kalte Krieg oder: Die Totrüstung der Sowjetunion. Der US-militär-industrielle Komplex und seine Bedrohung durch Frieden, Focus-Verlag, Gießen 1995, 29,80 DM.


Autor: Dirk Eckert