„Heimat ist da, wo wir glücklich sind“

Die EU experimentiert mit neuen Programmen, um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Ein Ortsbesuch

Telepolis, 21.04.2018

Reportage Telepolis

In Dornbirn beginnt die Alpenidylle. Der Bodensee ist nicht noch weit weg, aber die ersten massiven Berge sind von der Innenstadt aus gut zu sehen. Am Marktplatz, im Roten Haus, dem Wahrzeichen der Stadt in Vorarlberg, gibt es traditionelle Käsespätzle. Im Büro der Caritas nicht weit weg steht Wael. Der 42-Jährige stammt aus Syrien und lebt noch nicht lange hier. Wie er wohl aus dem Nahen Osten nach Vorarlberg gekommen ist, ganz in den Westen von Österreich? „Zu Fuß“, lächelt er.

Wie so viele Syrer ist auch Wael vor dem Krieg geflohen. Alle erzählen sie die gleiche Geschichte: Türkei, Griechenland, dann über die Balkanroute, durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich. Oder über Serbien und Kroatien. Jetzt sind sie als Flüchtlinge anerkannt und müssen integriert werden.

Die Caritas hat dafür das Programm start2work [1] ins Leben gerufen. Grundsätzlich hilft die Caritas allen Menschen, die keinen Job finden, erklärt Karoline Mätzler, die Leiterin der Arbeitsintegration. Aber sie hätten einfach die Erfahrung gemacht, „dass es je nach Gruppe schon Sinn macht, gewisse Sachen zielspezifisch mit diesen Personen zu qualifizieren“.

Schwieriger Neustart am Fuße der Alpen

So bekommen die Flüchtlinge zum Beispiel Sprachkurse, die Caritas hilft bei der Anerkennung bestehender Abschlüsse und Zeugnisse. Grundsätzlich gehe es um nachhaltige Integration, erklärt Mätzler: „Nachhaltig bedeutet in diesem konkreten Fall, nicht einfach in den erstbesten Hilfsarbeiterjob zu vermitteln.“ So baut die Caritas auf dem auf, was die Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern gelernt und gearbeitet haben.

Im Fall von Wael geht das allerdings nur beschränkt. Er war vor dem Krieg Bauunternehmer in Idlib. So ein Unternehmen lässt sich nicht einfach mitnehmen. „Wir waren sehr reiche Leute früher. Aber hier ich habe gar nichts“, sagt er ziemlich ernüchtert. Was ihm allerdings geblieben ist, ist sein Führerschein. Die Caritas hat ihm geholfen, den anerkennen zulassen und weitere Qualifikationen zu erwerben. Inzwischen ist er ein in der EU zugelassener Berufskraftfahrer. So hofft er, bald Arbeit zu finden.

Andere Flüchtlinge haben ihren Arbeitsplatz schon gefunden. Zum Beispiel Lorin, eine 29-jährige Syrerin, die bald mit einer Ausbildung zur Augenoptikerin beginnt. Oder Karim: Der 31-Jährige montiert Fahrräder. Er arbeitet beim Fahrradhersteller Simplon, ganz nah am Bodensee, zwischen Rheinmündung und Bregenz. Sein Deutsch ist noch etwas brüchig. Aber er ist froh, dass er mit Frau und Kind dem Krieg entkommen ist: „Krieg ist nix gut für Kind. Ich brauche neue Leben für mich, für meine Frau und meine Kinder“, sagt er.

Auch die EU unterstützt das Caritas-Programm mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF). 2016/17 trug der ESF mit knapp 800.000 Euro die Hälfte aller Kosten, die andere Hälfte kam vom Land Vorarlberg. Aber auch mit dem Europäischen Fonds für Strategische Investitionen (EFSI) werden Projekte unterstützt, um Flüchtlinge zu integrieren.

Dieser Fonds ist Teil des Juncker-Plans, den Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im November 2014 angekündigt hat, um die von der EU-Kommission beklagte Investitionslücke zu schließen. Damit werden Investitionen und Projekte gefördert, die Banken zu risikoreich sind, sagt Heinz-Rudolf Miko, Sprecher der EU-Kommission in Österreich: „Die Investitionslücke ist entstanden, weil zwar auf den europäischen Märkten viel Geld da ist, aber die Banken sehr zurückhaltend sind, wenn es darum geht, Investitionen zu tätigen.“

Neues Modell in Finnland

Davon profitieren auch Flüchtlinge in Finnland. Im Zuge der Flüchtlingskrise ab 2015 kamen laut Regierung 32.000 Asylsuchende an, davon wurden 10.000 anerkannt und müssen jetzt integriert werden. Inzwischen kommen zwar deutlich weniger Flüchtlinge nach Finnland, etwa 5000 pro Jahr, aber trotzdem ist die Arbeitslosenquote unter ihnen 2 bis 5 mal höher als unter Einheimischen, rechnet die Regierung vor. Das verursache Kosten und erschwere die Integration.

Mit einem Programm namens Social Impact Bond (SIB) sollen in den nächsten drei Jahren bis zu 3700 Migranten in Arbeit gebracht werden. Die Migranten werden von der Firma Epiqus [2] vermittelt, das nötige Kapital dafür stammt zu 70 Prozent von der EU, die 10 Millionen Euro aus dem EFSI beigesteuert hat. Auch hier bekommen Flüchtlinge zum Beispiel ein Sprachtraining oder andere Hilfen.

Epiqus könne jedoch anders als eine staatliche Arbeitsagentur agieren, sagt Agentur-Chef Samir Omar: „Wir können zum Beispiel ein Auto kaufen, wenn eine Gruppe von Helsinki in eine andere Stadt zur Arbeit fahren muss. Wir haben die komplette Freiheit alles zu tun, was Immigranten hilft, einen Job zu kriegen.“ Ein Arbeitsamt würde so was wohl eher nicht machen, lächelt er.

Eine multikulturelle Schokoladenfabrik

So können Migranten im SIB-Programm Bewerbungstrainings bekommen oder ein persönliches Coaching. Das wichtigste aber sei das Sprachtraining, sagt Samit Omar. Diese Erfahrung hat man auch bei Fazer [3] gemacht. Die Schokoladenfabrik in Helsinki ist in Nordeuropa so bekannt wie in Deutschland Ritter Sport oder Kinderschokolade.

„Die Sprache zu können ist sehr wichtig“, sagt Ulrika Romantschuk, eine der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden von Fazer. „Man muss die lokale Sprache verstehen können. Wir haben sehr viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten in Finnland, bis zu 40 verschiedene Nationalitäten. Von daher sind wir es gewohnt, mit so vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft umzugehen.“

Die Fazer-Schokoladenfabrik liegt nicht weit weg vom Flughafen Helsinki. Im Besucherzentrum kann man sich anschauen, wie Schokolade hergestellt wird. Oder sich im Tropenhaus Kakao- und Bananen-Pflanzen anschauen oder sehen, wie Ingwer, Vanille und Orangen wachsen.

Und natürlich kann man die vielen verschiedenen Schokoladenriegel kosten bzw. im Besuchershop als Mitbringsel erwerben. Karl Fazer hat das Unternehmen 1891 in Helsinki gegründet. Heute liefert Fazer in alle Nachbarländer, nach Schweden, Norwegen, Dänemark, in die baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen und auch nach Russland.

Das Unternehmen produziert heute nicht nur Schokolade und andere Süßigkeiten, sondern auch Brot oder Müsli. „Food with a purpose“ heißt die aktuelle Mission. Seit 2015 gibt Fazer auch gezielt Flüchtlinge eine Chance durch „training on the job“. 60 Prozent wurden danach fest angestellt. „Wir möchte die gesamte Gesellschaft widerspiegeln. Und Immigranten sind Teil der Gesellschaft“, sagt Ulrika Romantschuk. „Deshalb ist es eine Win-Win-Situation: für uns, für die, die eingestellt werden, und in einem übergeordneten Sinne für die finnische Gesellschaft.“

Modelle gesucht

Das begrüßt auch die EU-Kommission. Jyrki Katainen, heute einer ihr Vize-Präsidenten und von 2011 bis 2014 Ministerpräsident von Finnland, ist extra in das Besucherzentrum von Fazer gekommen, um für das finnische Modell zu werben. „Es ist Teil des Investitionsplans, dem sogenannten Juncker-Plan oder Investitionsplan für Europa. Dazu gehören riskante Finanzierungen wie Infrastrukturprojekte oder kleine und mittlere Unternehmen, aber auch soziale Investitionen.“

Jyrki Katainen sieht darin auch ein Modell für andere EU-Länder, das auch je nach Bedarf angepasst und verändert werden könne: „Dieses Modell ist nicht nur für Migranten geeignet, sondern für jeden. Es funktioniert genauso gut mit allen erwerbslosen Personen.“

Es sei aber nur eine Ergänzung zu den jeweiligen Sozialsystemen in den einzelnen EU-Ländern, betont der konservative Politiker. „Der Nutzen in diesem Fall ist die Partnerschaft zwischen privatem und öffentlichem Sektor. Der private Sektor ist immer besser, denn die Ergebnisse sind dort gewöhnlich sehr gut. Aufgabe des öffentlichen Sektors ist es, das Risiko zu schultern.“

Auch im finnischen Wirtschaftsministerium sieht man das SIB-Programm als große Chance, mehr Flexibilität bei der Arbeitsvermittlung zu haben. „Das ist nicht nur ein Trainingsprogramm“, sagt Sonja Hämäläinen, zuständig im Ministerium für Migration. „Es geht um training on the job. Wir bezahlen dafür, dass sie nach geeigneten Firmen suchen. Und dann können diejenigen, die an diesem Programm teilnahmen, on the job lernen. Dafür bezahlen wir – wenn sie erfolgreich sind.“

Durch „training on the job“ könnten Migranten außerdem ihre Sprachkenntnisse verbessern und schon mal berufliche Netzwerke bilden. 50 Prozent derjenigen, die das Training beendet haben, hätten auch Arbeit gefunden, berichtet Samir Omar. Er weiß aber auch, dass da noch mehr gehen sollte. „Das Ziel ist, das auszubauen. Es gibt viele offene Stellen, das ist nicht das Problem. Aber wir müssen die passenden Bewerber finden für die richtigen Stellen.“

Heimat zwischen Bodensee und Alpen

Bei Start2work in Vorarlberg konnten in 2016 und 2017 63 Prozent der arbeitssuchenden Flüchtlinge vermittelt werden. „Zweidrittel konnten wir innerhalb von 14 Wochen in den Arbeitsmarkt vermitteln“, berichtet Karoline Mätzler. „Und das eine Drittel sind dann wirklich diese Personen, die noch ein bisschen länger Unterstützung brauchen und dann während dieser Zeit nochmal vom Arbeitsmarktservice Unterstützung finden.“

Dass die EU unterschiedliche Ansätze unterstützt, ist durchaus Absicht. Man könne so voneinander lernen, sagt EU-Kommissionssprecher Heinz-Rudolf Miko. In Europa gebe es sehr viel unterschiedliches Wissen, wie man die Integration von Flüchtlingen und anderen in Arbeitsmarkt vorgehen kann: „Hier besteht die Möglichkeit, dass ein Austausch auch zu gegenseitigem Lernen führt und möglicherweise Dinge, die hier in Österreich stattfinden, morgen in einem anderen Land aufgegriffen werden und ebenso erfolgreich sind wie hier in Österreich.“

Auch Wael hat inzwischen eine Perspektive: Ein Vorstellungsgespräch bei einer Transportfirma steht an. Und er lernt weiter deutsch, sagt er, hört Radio und Fernsehen. Von daher weiß er: „Bei uns hier im Vorarlberg ein Radio sagt: Heimat ist da, wo wir glücklich sind.“ Erste Integrations-Lektion gelernt.

 

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.carla-vorarlberg.at/arbeit-qualifizierung/fuer-bleibeberechtige-fluechtlinge-start2work/
[2] http://www.epiqus.com/
[3] http://www.fazergroup.com/about-us/our-brands/our-brands/

 


Autor: Dirk Eckert

Quelle: https://www.heise.de/-4011429