Wenn Lokführer oder Piloten streiken

In Streikzeiten tendieren die Medien zur Arbeitgeberseite, sagt eine Studie

Telepolis, 18.04.2017

Telepolis

Streiken macht in Deutschland nicht unbedingt beliebt. Das mussten zum Beispiel Ende 2014 die Lokführer erfahren. Von „Pogromstimmung“ sprach[1] damals der Vorsitzende der Lokführer-Gewerkschaft Claus Weselsky. Kein Wunder, schließlich hatte die Bild-Zeitung Weselsky, der seit 2007 Mitglied der CDU[2] ist, als „Der Größen-Bahnsinnige“ betitelt und massiv Stimmung gegen ihn und die Lokführer gemacht.

Aber auch andere Medien kritisierten die lange Streikdauer und machten dafür wie selbstverständlich die GDL verantwortlich und nicht etwa die Arbeitgeberseite. Dabei hatten die Lokführer nicht mehr und nicht weniger gemacht, als für ihr Geld zu kämpfen, und zwar ganz legal, genauso, wie es der Gesetzgeber vorsieht. Das wurde seinerzeit auch zweimal vor Gericht bestätigt[3], zuerst vom Arbeitsgericht Frankfurt und dann vom Hessischen Landesarbeitsgericht. Am Ende einigten[4] sich die Tarifparteien unter anderem auf Lohnerhöhungen und Überstundenabbau. Den Kompromiss hatten als Schlichter der SPD-Politiker Matthias Platzeck und der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) vermittelt.

Gewerkschaftsfeindliche Medien?

Doch sind solche Ausfälle wie in der Bild-Zeitung die Regel der Medienberichterstattung? Gewerkschafter haben natürlich immer den Eindruck, dass Streiks vor allem als Störfaktoren gelten und nur unter einem Aspekt wahrgenommen werden: Was bedeutet das für den Kunden? Dann ist die Resonanz natürlich negativ, denn wenn Kindergärtnerinnen, Müllmänner oder Lokführer die Arbeit niederlegen, fallen am Streiktag Bahnen aus, der Müll bleibt liegen und die Kita geschlossen.

Dass hier Menschen um ihren Lebensunterhalt kämpfen, dass die Bezahlung etwa in sozialen Berufen in Deutschland besser sein müsste – all das wird gar nicht erst diskutiert. Stattdessen ist dann vom Chaos an den Flughäfen[5] die Rede, von der angeblichen Streikrepublik Deutschland[6] oder vom Megastreik[7].

Christina Köhler und Pablo Jost, zwei Kommunikationswissenschaftler am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, haben die Berichterstattung der Medien über Tarifkonflikte in Deutschland jetzt genauer unter die Lupe genommen. Insgesamt haben sie 1.309 Medienartikel sowie 128 Pressemitteilungen der Tarifparteien untersucht und in einer Studie[8] für die Otto Brenner Stiftung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, ausgewertet. Dabei wollte Autoren-Duo wissen, warum es manche Tarifkämpfe eher in die Medien schaffen als andere und wer in welchem Licht präsentiert wird. Und schließlich untersuchten die Kommunikationswissenschaftler auch die Pressearbeit der Tarifparteien.

Grad der Betroffenheit und Konfliktphase

Dabei zeigt sich, dass vor allem über Streiks „mit angenommener hoher Betroffenheit“ berichtet wird, also wenn die Medienmacher annehmen, dass viele Leserinnen und Leser persönlich und direkt von dem Streik betroffen sind. Das ist etwa bei Piloten und Lokführern der Fall, wenn Züge nicht mehr fahren und Flugzeuge am Boden bleiben. In diesem Fall stehen die Streikfolgen für die Kunden im Vordergrund der Berichterstattung. Bei Tarifkonflikten mit niedriger Betroffenheit zeigen die Medien dagegen mehr Verständnis für die Arbeitnehmer, in diesem Fall zum Beispiel Gebäudereiniger, Metallarbeiter, Redakteure, Telekom-Angestellte und Versicherungsmitarbeiter. Als Konflikte mit mittlerer Betroffenheit gelten die von Ärzten und Bodenpersonal.

Auch in den verschiedenen Phasen eines Tarifkonflikts ändert sich die Berichterstattung. In der Konfliktphase, also wenn der Ausstand läuft, wird am meisten berichtet und dann auch eher negativ, was die Konsequenzen für die Verbraucher angeht. Rückt die Einigung näher, wird es wieder positiver, aber „der Blick der Journalisten nimmt eher die Arbeitnehmerperspektive ein“. Wird verhandelt, werden in den Medien eher die Arbeitgeber in der Pflicht gesehen, einzulenken, in der Streikphase eher die Arbeitnehmer.

Man könnte nun vermuten, dass die Gewerkschaften bessere Pressearbeit machen müssten. Doch die ist laut Köhler und Jost gar nicht so schlecht: Beide attestieren den Gewerkschaften, den Journalisten mehr Angebote zu machen als die Arbeitgeber. Sie liefern Zitate und stellen den Konflikt emotional und personalisiert dar. Die Arbeitgeber würden ihre Pressearbeit erst während des Streiks intensivieren.

Allerdings wirkt die Pressearbeit der Gewerkschaften nicht so, wie diese es gerne hätten, mussten die beiden Forscher feststellen: Zwar gelänge es den Gewerkschaften „mit medienwirksamen Aktionen erfolgreicher darin zu sein, Medienberichterstattung zu initiieren“. Auch als Personen tauchten sie in den Medienberichten öfter auf als ihre Gegenspieler.

Wenn in den Medien aber die Folgen des Tarifkonflikts diskutiert würden, dann zeigten sich „deutliche Parallelen zu den Pressemitteilungen der Arbeitgeberverbände“, kritisiert die Studie. Außerdem würden dort die Angebote der Arbeitgeberseite tendenziell wohlwollender bewertet als die Forderungen der Gewerkschaften. „Vermutlich ist diese Parallele kein Ausdruck der kommunikativen Dominanz der Arbeitgeberverbände, sondern spiegelt vielmehr mediale Relevanzkriterien wider“, so das Wissenschaftler-Duo. Allerdings schaffe es letztlich keine Seite, die Medien komplett zu vereinnahmen, „da die Journalisten vor allem auf eigene Recherche bauen“.

Politische Ausrichtung

Wenn von „den Medien“ die Rede ist, muss natürlich beachtet werden, dass es sich um Durchschnittswerte handelt. Von den sogenannten Leitmedien[9] sind manche eher linksliberal einzuordnen, andere sind rechts und konservativ. Entsprechend unterschiedlich dürfte auch die Berichterstattung über Tarifkonflikte ausfallen: Wer politisch links ist, wird wohl eher die Arbeitnehmer in ihrem Tarifkampf unterstützen. Neoliberal und konservative eingestellte Menschen lehnen Arbeitskämpfe dagegen ab und sorgen sich eher um den Standort Deutschland, den sie durch hohe Löhne in Gefahr sehen.

Diese grundsätzlichen politischen Unterschiede schlagen sich nicht nur in der Parteienlandschaft, sondern auch in der Medienwelt nieder: Wie Christina Köhler und Pablo Jost bestätigen können, sehen liberale Medien (Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, taz) eher die Arbeitgeber in der Verantwortung, den Tarifkonflikt zu beenden und thematisieren die Folgen für die Arbeitnehmer.

Bei konservativen Zeitungen (FAZ, Handelsblatt, Welt) sei es umgekehrt, diese betrachteten die Folgen für die Arbeitgeber:“Allerdings wird das Arbeitnehmerlager selbst sowie dessen Forderungen sowohl von den Konservativen als auch von den Liberalen deutlich negativer bewertet als die Arbeitgeberseite.“ Grund dafür sei, dass es meistens um Konflikte mit hoher Betroffenheit geht, bei denen die Arbeitnehmerseite immer schlechter wegkomme. „Die redaktionelle Linie verliert also an Einfluss, wenn die eigene Leserschaft von den Streikmaßnahmen potenziell betroffen ist“, folgern die Autoren.

Und es gibt Unterschiede zwischen Boulevard und Qualitätszeitungen. So berichten Boulevardmedien (Bild, Berliner Kurier) nur über Tarifkonflikte mit hoher Betroffenheit. Sie machen die Arbeitnehmer dafür verantwortlich und bewerten sie deutlich negativer als Qualitätszeitungen oder die Nachrichtenagentur dpa, Hintergründe werden kaum beleuchtet.

Die Qualitätszeitungen sind da gründlicher, in der Bewertung des Tarifkonflikts sei bei den konservativen Medien aber eine deutliche Boulevardisierung zu bemerken, so die Studie: „Sie sind in Sachen Personenzentrierung und Emotionalität der Artikel auf ähnlichem Niveau wie die Boulevardmedien; bei der Fokussierung auf den Konfliktcharakter übertreffen sie diese sogar.“

Gut weg kommt dagegen die Nachrichtenagentur dpa, der die Studie bescheinigt, sie zeige „bei der Berichterstattung über Tarifkonflikte die geringsten Tendenzen einer boulevardesken Darstellung“. Sie emotionalisiere am wenigsten, rücke eher Sachthemen als Personen ins Blicklicht und sei auch „inhaltlich am ausgewogensten“.

Fazit: Insgesamt recht ausgewogen

Wenn Gewerkschaften in Streikzeiten nicht gut weg kommen, dann liegt das also daran, dass am meisten über Konflikte mit hohem Betroffenheitsgrad berichtet wird: „Gewerkschaften werden weder in Spitzenmomenten der Konflikte noch im Verlauf der Konflikte mit hoher Betroffenheit aus einer günstigen Perspektive dargestellt. Die Arbeitnehmerperspektive kommt lediglich in der Einigungsphase und bei Tarifkonflikten mit angenommener geringerer Betroffenheit zum Tragen“. Die Arbeitgeber würden deswegen aber nicht automatisch besser erscheinen.

Insgesamt gesehen kommen die deutschen Leitmedien im Durchschnitt dennoch ganz gut weg: „Inhaltlich erweist sich die Berichterstattung über alle Medien und Konflikte hinweg als recht ausgewogen“, schreiben Christina Köhler und Pablo Jost. „Dennoch bleibt festzustellen, dass die Arbeitnehmerseite und deren Forderungen insgesamt negativer dargestellt werden.“

Das liege daran, dass die Tarifkonflikte der Lokführer und der Piloten die größte mediale Resonanz gehabt hätten, was sich auch in der Studie niederschlage: „Es sind vor allem solche Tarifkonflikte, die das mediale und damit öffentliche Bild der Beziehungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften prägen.“

Links in diesem Artikel:

[1] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/lokfuehrer-weselsky-beklagt-pogromstimmung-gegen-die-gdl/10966802.html
[2] https://www.welt.de/wirtschaft/article1309127/Claus-Weselsky-der-Scharfmacher-der-Lokfuehrer.html
[3] http://www.taz.de/!5029191/
[4] http://www.mdr.de/nachrichten/bahn-lokfuehrer-schlichtung-gdl100.html
[5] http://www.fr.de/wirtschaft/flughafen-streik-chaos-bleibt-nach-streik-an-flughaefen-aus-a-782766
[6] http://www.tagesspiegel.de/mediacenter/fotostrecken/wirtschaft/streiks-in-deutschland-streikrepublik-deutschland/11741798.html
[7] http://www.n-tv.de/wirtschaft/Ist-der-Megastreik-gerechtfertigt-article12576186.html
[8] http://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/shop/dokumente/obs_arbeitshefte/AH89_Tarif_WEB.pdf
[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Leitmedium

 


Autor: Dirk Eckert

Quelle: http://www.heise.de/-3686481