Via Appia – Die Mutter aller Straßen

Teile des ersten grossen Strassennetzes Europas stehen noch heute. Eine Fotoausstellung zeigt, wie sie inzwischen aussieht.

Impuls (SWR2), 29.11.2016

Radio SWR2

(Anmoderation: Das erste große Straßennetz in Europa errichteten die Römer. Ihre bekannteste Straße ist die Via Appia, die auch immer noch von Rom nach Brindisi führt. Die „Königin der Straßen“ ist heute ein beliebtes Ausflugsziel im Süden von Rom, aber auch sonst sieht man neben der neuen Straße noch immer die Zeugnisse der Antike. Wie die Straße heute aussieht, hat der deutsche Fotograf Martin Claßen dokumentiert. Seine Bilder sind übrigens bis zum 11. Dezember im Römisch Germanischen Museum in Köln zu sehen.)

Rombesucher kennen dieses Panorama: Ein antikes Straßenpflaster, in zweitausend Jahren ziemlich holprig geworden, aber eben doch genau so wie damals, als die alten Römer hier lang liefen. Daneben, am Straßenrand, die Überreste antiker Grabmäler. Und dahinter die großen Pinienbäume, die der ganzen Szene den so typischen italienischen Flair verleihen. Wer sich für die Antike interessiert, hier kann man so richtig ins Schwärmen k ommen. Joachim Blüher, der Direktor der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, kennt die Via Appia gut.

„Und die Via Appia Antica hat einfach eine große Schönheit. Es ist natürlich ein Ort, wo vor allen Dingen Touristen sind. Aber eben am Wochenende auch Römer. Und am Wochenende ist es eben so, darf man nicht durchfahren. Also man fährt sonst auch auf der alten Straße mit seinen Autos. Das halten die einfach aus. Aber an Sonntagen darf man es nicht, da wollen eben alle Leute spazieren gehen und da wollen sie auch nicht gestört werden. Und das können sie auch.“

Mit ihren Überresten im Süden von Rom ist die Via Appia heute die Römerstraße schlechthin. Hier soll Petrus Christus begegnet sein und ihn mit den Worten „Domine, quo vadis? – Herr, wohin gehst Du?“ begrüßt haben. Heute erinnert eine Kirche an diese Geschichte, die christlichen Katakomben ganz in der Nähe sind ein Touristenmagnet. Historisch gesichert dagegen ist, dass nach der Niederschlagung des Sklavenaufstands von Spartakus dessen Anhänger entlang der Via Appia gekreuzigt wurden.

Die Via Appia ist die erste römische Straße, die nach ihrem Erbauer benannt wurde und nicht nach dem Ort, zu dem sie hinführt. 312 v. Chr. hatte der Censor Appius Claudius Caecus mit dem Bau der Via Appia begonnen, am Ende führte sie rund 600 Kilometer von Rom bis nach Brindisi im Südosten Italiens und verband die Hauptstadt so mit dem wichtigen Hafen, in dem Waren aus dem östlichen Mittelmeerraum nach Rom umgeschlagen wurden. Schon in der Antike hieß sie deshalb Regina Viarum, „Königin der Straßen“.

Das römische Straßenetz war das erste seiner Art in Europa. Die Straßen dienten nicht nur dem Warentransport und den Reiseverkehr. Auch Legionen konnten schnell verlegt werden. Die Römer bauten ihre Straßen ohne große Rücksicht auf die Natur am besten schnurstracks geradeaus. Die Via Appia setzte auch in dieser Hinsicht Maßstäbe. Auf 62 Kilometern verläuft sie immer gerade. Das ist bis heute Rekord in Europa. Joachim Blüher:

„Und für das Römische Reich in seiner Existenz war nicht eine einzelne Straße wichtig, sondern das Straßennetz. Und das berühmte ‚Alle Straßen führen nach Rom’, das stimmte eben.“

Dass die Via Appia Antica bei Rom heute so gut erhalten ist, geht auf Papst Gregor XIII. zurück. Der entschied Ende des 16. Jahrhunderts, die Via Appia Nuova anzulegen. Sie verläuft von Rom aus parallel zur alten Straße, erst weiter südlich in Frattocchie trifft sie mit der Via Appia Antica zusammen. Ab dann gibt es nur eine Via Appia, die heute den offiziellen Namen Staatsstraße – Strada statale – Nummer 7 trägt. Stücke der antiken Straße lassen sich dort immer wieder finden. Mal taucht das römische Straßenpflaster als Bürgersteig auf, mal schlängelt sich die alte neben der neuen Via Appia durch die Landschaft, um dann wieder unter der modernen Straße zu verschwinden.

„Es gibt immer wieder Teilbereiche, wo die antike Straße ans Tageslicht kommt.“

Sagt Martin Claßen. Der deutsche Fotograf, auf Architekturfotografie spezialisiert, ist die gesamte Via Appia abgefahren und hat sie mit seine Kamera dokumentiert. Seine Bilder, derzeit ausgestellt im Römisch-Germanischem Museum Köln, zeigen die Via Appia in ihrer ganzen Länge. Da finden sich steinerne Meilensteine im Gebüsch, moderne Brücken und antike Aquädukte, am Straßenrand Pinienbäume und Industrieruinen. Sogar einen deutschen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg sieht man in der Mitte eines Kreisverkehrs. Martin Claßen:

„Es ist eine teilweise sehr triste Straße, eine sehr befahrene Straße, eine sehr einsame Straße. Und es ist natürlich diese Veränderung von Rom bis Brindisi: Es wird eigentlich, je weiter man südlich kommt, eigentlich immer ärmer. Und die Tristesse nimmt zu.“

Majestätisch wird es erst wieder am Ende der Straße in Brindisi. Dort markiert eine Säule das Ende der Via Appia. Über eine Freitreppe geht es hinunter in den Hafen, den die Via Appia seit 2000 Jahren mit Rom verbindet. Auch hier zeigt sich einmal mehr: Alle Straßen führen nach Rom. Italien hat seine berühmteste Straße längst für die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO nominiert, damit dieses Stück europäischer Kultur- und Verkehrsgeschichte erhalten bleibt.


Autor: Dirk Eckert

MP3: http://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swr2/impuls/beitraege/2016/11/29-via-appia.12844s.mp3