„Ein sehr effizienter Herrscher“

Herodes der Große war kein kindermordender Despot, sagt Linda-Marie Günther, Geschichtsprofessorin an der Ruhr-Uni Bochum. Eine "Herodes-Konferenz" in Bochum soll nächste Woche das Wirken des jüdischen Königs erforschen

taz nrw, 21.06.2007, S. 4

Interview taz nrw

taz: Frau Günther, Sie veranstalten am 29. Juni in Bochum die 2. Herodes-Konferenz. Kürzlich will der israelische Archäologe Ehud Netzer das Grab des Königs in der Nähe von Jerusalem gefunden haben. Ändert das Ihr Bild von Herodes?

Linda-Marie Günther: Überhaupt nicht. Flavius Josephus hat den Tod und die Bestattung von Herodes in dessen Festung Herodeion detailliert beschrieben. Netzer hat ja deswegen dort nach dem Grab gesucht.

taz: Das Grab war aber leer. Reichen Ihnen die Beweise, die Netzer vorgelegt hat?

Linda-Marie Günther: Ja, ich wüsste nicht, warum es nicht das Grab sein sollte. Es scheint das herrscherliche Mausoleum zu sein.

taz: Geht es darum auch bei der Herodes-Konferenz?

Linda-Marie Günther: Die Konferenz ist natürlich schon länger geplant. Diesmal geht es um das Verhältnis von Herodes zu den Juden, also seinen Untertanen, aber auch zu den Juden in der Diaspora. Wenn wir gewusst hätten, dass jetzt gerade das Grab gefunden wird, hätten wir die Archäologie wahrscheinlich stärker thematisiert. Oder Herodes als Bauherrn.

taz: Herodes ist vor allem durch den Kindermord von Bethlehem bekannt, wie ihn die Bibel erzählt. Hält diese Geschichte der modernen Herodes-Forschung stand?

Linda-Marie Günther: Nein, die Kindheitsgeschichte Jesu war einer gewissen Legenden- und Mythenbildung unterworfen. Dazu gehört die Bedrohung des Helden – in diesem Fall durch den Kindermord.

taz: Wie würden Sie den König beurteilen?

Linda-Marie Günther: Herodes war ein sehr effizienter Politiker. Er hat seine Machtmittel optimal eingesetzt zur Stabilisierung und Vergrößerung seiner Herrschaft. Er hat das Reich Judäa in ungefähr der Größe des Davidischen Königreichs wiederhergestellt. Das ist vor und nach ihm nicht mehr erreicht worden.

taz: Er war aber von Rom abhängig.

Linda-Marie Günther: Ja, das ging nicht mehr anders. Aber auch die Römer und gerade Kaiser Augustus waren auf Könige wie Herodes angewiesen. Sie wollten ihr Reich stabilisieren und brauchten an den Grenzen loyale Herrscher, die in ihren Gebieten Frieden herstellen konnten. Das hat Herodes in ganz hervorragender Weise geleistet.

taz: Herodes gilt vielen als Despot, bestenfalls als zynischer Realpolitiker. Wie ist er zu diesem Ruf gekommen?

Linda-Marie Günther: Das liegt zum Teil an der Bibel. Er wird aber auch oft mit seinem Sohn Herodes Antipas verwechselt. Das ist der, der mit der Hinrichtung Jesu und dem Tod von Johannes dem Täufer zu tun hatte. Außerdem hat der antike Autor Flavius Josephus kein gutes Bild von Herodes gezeichnet. Er ist aber fast die einzige Quelle.

taz: Ist das negative Bild so unberechtigt? Herodes hat drei seiner Söhne umbringen lassen, um seine Macht zu sichern.

Linda-Marie Günther: Das klingt jetzt so, als hätte er Meuchelmörder geschickt. Fakt ist: Es fanden Hochverratsprozesse statt, die die Rechtsgrundlage für die Hinrichtungen waren. Sicher, wenn man mit den Opfern sympathisiert, mag man die Anklagen für ungerechtfertigt und fingiert halten.

taz: Sie halten die Prozesse für rechtsstaatlich?

Linda-Marie Günther: Natürlich gab es damals keinen Rechtsstaat im modernen Sinne. Aber es gab formale Vorschriften für Prozesse und die sind eingehalten worden. Herodes war römischer Bürger, seine Söhne auch. Wenn ein römischer Bürger zum Tode verurteilt wurde, konnte er an Rom appellieren. Kaiser Augustus hat dann Herodes die letzte Entscheidung überlassen. Der hat dann die Hinrichtungen befohlen. Aber die Prozesse waren rechtsstaatlich.

taz: Rechtstaatlich unter den Bedingungen einer Monarchie.

Linda-Marie Günther: Aber Monarchie ist nicht per se Despotie oder Tyrannis. Dass politische Gegner einen alleinigen Machthaber immer zum Tyrannen und Despoten stilisieren, ist klar. Das ist eben Propaganda.

taz: In welche Kategorie fällt Herodes?

Linda-Marie Günther: Er ist eine Mischung aus Monarch und Militärdiktator. Wobei er seinen militärischen Apparat nur für römische Interessen einsetzen durfte.

taz: Sind Sie eigentlich fasziniert von der Person Herodes?

Linda-Marie Günther: Man kann sich wohl kaum längere Zeit mit einer historischen Figur beschäftigen, die man langweilig findet. Gerade wenn verschiedene Meinungen aufeinander prallen, wird es spannend. Die Forschung zu Herodes hat in Deutschland nach 1945 leider stark nachgelassen.

taz: Warum?

Linda-Marie Günther: Herodes wurde schon zu Lebzeiten von gewissen fanatischen jüdischen Kreisen verteufelt, weil er die jüdische Opposition gegen die römische Fremdherrschaft unterdrückt hat. Nach 1945, kurz nach dem Holocaust, konnte kein deutscher Wissenschaftler Herodes zu einem guten Herrscher erklären. Das wäre falsch aufgefasst worden.

taz: Der Fund des Herodes-Grabes ist in Israel aber sehr positiv aufgenommen worden.

Linda-Marie Günther: Das wundert mich auch etwas. Aber das Interesse liegt sicher auch daran, dass Israel die Westbank für sich reklamiert. Genau dort liegt das Herodeion. Und jetzt haben auch noch die Palästinenser Herodes für sich entdeckt – weil er eine arabische Mutter hatte. So wird Herodes schon wieder zum Politikum. Schon im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde das, was man für seine Leistungen beziehungsweise Fehler hielt, für andere Dinge instrumentalisiert. Und das hat eben seinen Niederschlag gefunden bei Flavius Josephus und in der Bibel.

LINDA-MARIE GÜNTHER, 54, ist Professorin für Alte Geschichte an der Ruhr-Uni Bochum.

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Herodes der Große

Geboren um ca. 73 v.Chr., enstammt Herodes der Große einer wohlhabenden Familie. Nach dem Einfall der Parther in Judäa 40 v.Chr. flüchtete er nach Rom und ließ sich dort zum König von Judäa ernennen. Er eroberte Jerusalem und regierte bis zu seinem Tod im Jahr 4 v.Chr. Viele Juden akzeptierten ihn nie als König, weil er aus keinem der jüdischen Stämme kam.

Die 2. Bochumer Herodeskonferenz zum Thema „Herodes und die Juden“ findet am 29. Juni 2007 an der Ruhr-Uni statt. Die Beiträge der 1. Konferenz sind im Franz Steiner Verlag erscheinen (Linda-Marie Günther (Hg.): Herodes und Rom, Stuttgart 2007, 28 Euro).


Autor: DIRK ECKERT