„Das erinnert an Castor-Transporte“

Der Protest gegen den Naziaufmarsch am 1. Mai in Dortmund war ungewöhnlich heftig, sagt Historiker Holger Heith vom Archiv für soziale Bewegungen. Krawalle schadeten aber dem Ansehen in der Bevölkerung, warnt er

taz nrw, 03.05.2007, S. 1

Interview taz nrw

taz: Herr Heith, rund 2.000 Menschen haben am 1. Mai in Dortmund deutlich gemacht, dass sie keinen Nazi-Aufmarsch wollen. Sogar eine S-Bahnstrecke wurde sabotiert, um die Nazis an der Anreise zu hindern. Hat Sie das überrascht?

Holger Heith: Ich war von der Heftigkeit des Protestes sehr überrascht. Ich hatte gehofft, dass viele Leute kommen. Das Ausmaß der Krawalle war für das Ruhrgebiet aber ungewöhnlich – das erinnerte an Castor-Transporte, Kreuzberg oder das Hamburger Schanzenviertel.

taz: Wie erklären Sie sich das?

Holger Heith: Eine Ursache ist sicher, dass Gewalt sich gegenseitig potenziert. Rechte Gewalttaten nehmen zu, das weiß man aus den einschlägigen Berichten von Polizei und Verfassungsschutz. Von daher wächst auf Seiten der extremen Linken die Bereitschaft, sich den Nazis mit gewalttätigen Aktionen entgegenzustellen. Was letztlich immer die Polizisten trifft, weil man bei öffentlichen Demonstrationen natürlich nicht an die Nazis rankommt.

taz: Welche Rolle hat die Dortmunder Polizei gespielt?

Holger Heith: Bei Beginn der Demonstration erschien mir die Polizei sehr kooperativ. Am Megafon war ein sehr freundlicher Polizeisprecher. Dies ist natürlich mit dem üblichen Habitus der Antifa beantwortet worden: Auf solche Nettigkeiten geht man nicht ein. Von daher ist die Antifa von Anfang an auf Konfrontation gegangen.

taz: Die Polizei wird jetzt kritisiert, weil sie die Nazis zum Veranstaltungsort eskortiert hat.

Holger Heith: Aufgrund der Zahlenverhältnisse musste sie das tun. Die Polizei muss auch die körperliche Unversehrtheit von Faschisten beschützen, solange diese keine Straftaten begehen. Im Vorfeld der Demonstration war die Polizei allerdings nicht sonderlich clever, als sie den Nazis gute Demorouten gegeben hat. Das hat auch Unmut ausgelöst.

taz: Unterm Strich war der Protest gegen den Naziaufmarsch doch erfolgreich: Die Nazis konnten nicht frei marschieren.

Holger Heith: Man macht sich aber bei der Mehrheit der Dortmunder Bürger keine Freunde, wenn man Container anzündet und Polizisten mit Steinen beschmeißt. Insofern sind solche Aktionen zum Teil kontraproduktiv. Andererseits ist es nur mit physischer Präsenz möglich, den Nazis nicht die Straße zu überlassen. Bei vielen Aktionen aus dem bürgerlichen Spektrum wird den Nazis aber de facto die Straße überlassen. Gerade für jüngere Menschen ist es deshalb wesentlich attraktiver, sich an anderen Aktionen zu beteiligen, die einem jüngeren, martialischen Habitus entsprechen.

taz: Ist es etwa nur Krawallmacherei, wenn Fensterscheiben eingeschmissen und Mülltonnen angezündet werden?

Holger Heith: Nein, mit dem Vorwurf der Krawallmacherei spricht man denjenigen, die sowas machen, ja alle politischen Absichten ab. Dem größten Teil der Anwesenden ging es aber sicher ehrlich darum, den Nazi-Aufmarsch zu verhindern. Und nicht um Krawall.

taz: In Dortmund gibt es eine relativ offene Naziszene. Wächst jetzt der Widerstand in der Bevölkerung dagegen?

Holger Heith: Es ist eine größere Sensibilität da. Bis zum Beginn der Krawalle waren neben den üblichen jungen schwarz Vermummten auch sehr viele ältere Menschen da, Menschen mittleren Alters und mit Kindern. Der Protest wird also von mehreren Schichten der Bevölkerung getragen. Darunter sind natürlich auch junge Autonome, Punker, Angehörige der Alternativszene. Denn die sind wegen ihres Aussehens den Übergriffen von Faschisten viel öfter ausgesetzt als der situierte bürgerliche Antifaschist.

HOLGER HEITH, 39, ist Historiker und arbeitet im Archiv für soziale Bewegungen in Bochum.


Autor: DIRK ECKERT