Der Unangepasste

Der Jurist Martin Gauger verweigerte den Eid auf Hitler. Das Landgericht Wuppertal widmet ihm eine Ausstellung

taz nrw, 18.07.2006, S. 2

taz nrw

Als Hitler 1934 nach dem Tod von Reichspräsident Hindenburg die deutschen Beamten auf sich vereidigen ließ, gab es nur wenige, die dem „Führer“ keine Treue schwören wollten. Einer von ihnen war Martin Gauger, gebürtiger Wuppertaler und damals Gerichtsassessor in Mönchengladbach. Sein Widerstand kostete den gläubigen Protestanten letztlich das Leben: Die Nazis ermordeten ihn am 15. Juli 1941 in der „Euthanasie“-Anstalt Sonnenstein-Pirna.

Zu seinem 65. Todestag zeigt das Landgericht Wuppertal nun die Ausstellung „Justiz im Nationalsozialismus“, eine Wanderausstellung, die für Wuppertal um lokale Aspekte ergänzt wurde. Gauger gilt heute als der einzige deutsche Justizangehörige, der den Eid auf Hitler nicht leisten wollte. Alle anderen machten bereitwillig mit – sofern die Nazis sie nicht ohnehin schon aus politischen oder rassischen Gründen entlassen hatten. Gauger hingegen setzte auch nach seiner Entlassung den Widerstand gegen die Nazis fort. Er bedauerte zwar den Verlust des Amtes. Aber er war auch froh, keinen Eid gegenüber jemandem geleistet zu haben, „der seinerseits an kein Recht und kein Gesetz gebunden ist“, schrieb er.

1935 setzte sich Gauger in seiner Dissertation kritisch mit der protestantisch-nazistischen Gruppierung der Deutschen Christen auseinander. Die Arbeit wurde 1936 nach Erscheinen sofort verboten. Noch 1935 ging Gauger als Jurist zur Bekennenden Kirche nach Berlin. Er überwarf sich jedoch mit der Kirche, als diese 1939 die rassischen Grundsätze der NSDAP anerkannte. Als er den Kriegsdienst verweigerte, wurde er entlassen.

Nach einem misslungenen Selbstmord floh er in die Niederlande. Einen Tag nach seiner Ankunft marschierte die deutsche Wehrmacht ein. Gauger wurde geschnappt und schließlich in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. 1941 starb er in der Gaskammer von Sonnenstein-Pirna. In seinem letzten Brief an seinen Bruder Siegfried schrieb er 1940: „Wenn einmal der Nebel sich zerteilt hat, in dem wir leben, dann wird man sich fragen, warum nur einige, warum nicht alle sich so verhalten haben.“ Da sollte er Recht behalten. „Die meisten Richter und Staatsanwälte haben sich den Verhältnissen im totalitären Staat angepasst – mit furchtbaren Konsequenzen“, erinnerte gestern zur Eröffnung der Wuppertaler Ausstellung NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter.


Autor: DIRK ECKERT