Braune marschieren weiter

Am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, wollen Neonazis in Leverkusen demonstrieren. Eine antifaschistische Gegendemo ist angemeldet

taz köln, 01.11.2004, S. 1

taz köln

Neuer Nazi-Alarm im Rheinland: Nach der Demonstration in Köln-Kalk Mitte Oktober wollen Nazis nun in Leverkusen aufmarschieren. Ausgerechnet am 9. November, dem 66. Jahrestag der von den Nazis so genannten „Reichskristallnacht“, soll im Leverkusener Stadtteil Opladen ein Fackelmarsch stattfinden. Das zynische Motto der Neonazis: „Gegen einseitige Vergangenheitsbewältigung“.

Anmelder der Nazi-Demo soll nach Angaben der Antifaschistischen Aktion Leverkusen (AALEV) der einschlägig bekannte Neonazi Axel W. Reitz vom „Kampfbund deutscher Sozialisten“ sein, der auch beim Nazi-Aufmarsch in Kalk mitwirkte. Doch auch eine Leverkusener Gruppe namens „Leverkusener Aufbruch“ ruft zu dem Marsch auf, um „gegen die Vereinnahmung der deutschen Geschichte durch offensichtlich antideutsche Gruppierungen“ zu protestieren.

„Rechtsextremismus ist ein Problem in Leverkusen“, sagt Florian Schnaier, Sprecher der Antifaschistischen Aktion. Rechtsextreme Schmierereien und Aufkleber gehörten zum Stadtbild, in Leverkusen könnten sich so genannte „Kameradschaften“ völlig ungestört treffen, darunter das „Aktionsbüro Westdeutschland“, das dort „regelmäßig“ zusammenkomme. Zu dem Aktionsbüro gehört auch der „Leverkusener Aufbruch“, eine Gruppierung, die sich durch eine krude Mischung aus Rechtsextremismus, Rudi-Dutschke-Zitatfetzen und Widerstandsrhetorik („dem System Feuer machen“) auszeichnet.

Nicht zuletzt hat in Opladen Markus Beisicht seine Anwaltskanzlei. Beisicht ist nicht nur Aktivist der Kölner Gruppierung „Pro Köln“, die bei den Kommunalwahlen in Köln in den Rat und alle Bezirksvertretungen gewählt wurde, sondern laut Antifa auch Anwalt von Axel W. Reitz.

Die Leverkusener Polizei ließ verlauten, sie wolle sich im Laufe der kommenden Woche dazu äußern, wie sie mit den Neonazis umgehen will. Wie Radio Leverkusen berichtete, ist am Freitag ein in solchen Fällen übliches Koordinationsgespräch der Polizei mit dem Antragsteller der rechtsextremen Demonstration nicht zustande gekommen.

Unbehelligt werden die Nazis in Leverkusen auf jeden Fall nicht bleiben. Eine antifaschistische Gegendemonstration ist schon angemeldet. „Erinnern heißt handeln“, mahnt das Antifaschistische Forum Leverkusen (AFL) mit Blick auf den 9. November. „Wir empfinden es als eine nicht zumutbare Provokation, dass Rechtsradikale den 66. Jahrestag der ,Reichspogromnacht‘ zum Anlass nehmen, ihre menschenverachtende Ideologie und ihr den Nationalsozialismus verherrlichendes Geschichtsbild zu propagieren“, heißt es in einer Erklärung der Antifaschisten. Die Leverkusener Bürgerinnen und Bürger müssten nun ein Zeichen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus setzen.

Oberbürgermeister Ernst Küchler (SPD) hat die Leverkusener und dabei besonders die Ratsmitglieder aufgerufen, am 9. November an der Gedenkstunde für die Opfer der Pogromnacht teilzunehmen. Am 9. November 1938 wurde in Leverkusen-Opladen die jüdische Synagoge geschändet und niedergebrannt. Am Platz der ehemaligen Synagoge findet am Jahrestag des Verbrechens wie jedes Jahr die Gedenkfeier der Stadt Leverkusen statt.

Das Antifaschistische Forum will diesen und nächsten Montag über Gegenaktivitäten beraten. Jeweils 19.30 Uhr, Kulturausbesserungswerk, Kolberger Straße 95a, Leverkusen. Weitere Infos: http://www.antifa-forum.tk


Autor: Dirk Eckert