Journalismus im Kollektiv

Das Rheinische JournalistInnenbüro verfasst nun schon seit zwei Jahrzehnten seine Widerworte - Ferienlektüre 2.

Volksstimme, 10.07.2003,

Rezension Telepolis

„Rheinische Zeitung“ war einst der Name einer Zeitung, die Karl Marx im 19. Jahrhundert in Köln herausgegeben hat. In Anlehnung daran hat sich das Rheinische JournalistInnenbüro (RJB) aus Köln vor zwanzig Jahren ganz unbescheiden seinen Namen gegeben. Der Anspruch der JournalistInnen war dabei von Anfang an, gesellschaftskritische Beiträge in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bringen. Nord-Süd-Themen, Afrika, Asien, Gewerkschaftsarbeit, Rassismus, Migration und Asyl gehören bis heute zu der Themenpalette des RJB.

Zum Betriebsjubiläum haben die kritischen JournalistInnen jetzt einige Reportagen, Kommentare, Analysen und politischen Essays aus den letzten Jahren als Buch veröffentlicht. „Widerworte. Journalismus im Kollektiv“ heißt das kleine Bändchen, das neben den Texten auch eine kleine Geschichte des journalistischen Kollektivbetriebs enthält. Es ist überraschend, was die kritischen JournalistInnen über die Jahre alles im Radio unterbringen konnten: Das RJB erinnerte am 11. September 2002 unter dem Stichwort „verdrängte Geschichte“ statt an den Anschlag auf das World Trade Center ein Jahr zuvor an den Militärputsch in Chile 1973 oder prangerte die zynische Gesundheitskampagne der Weltbank an, die Menschen, die nicht mal sauberes Trinkwasser haben, als Schutz vor Krankheiten allen Ernstes Händewaschen mit Seife empfohlen hat. Oder erzählte die aufregende Geschichte um den Aufenthalt des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch in Australien – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Neben der journalistischen Arbeit hat sich das Kollektiv, das mit Einheitslohn und ohne Hierarchien offenbar prima lebt, immer wieder in sozialen Bewegungen engagiert und etwa Initiativen unterstützt oder Veranstaltungen organisiert. So stellte das RJB während des Golfkriegs 1991 Mitarbeiter frei, um an der Kölner Antikriegszeitung „desert“ mitzuarbeiten oder engagierte sich in Kampagnen gegen den Ölmulti Shell und dessen Engagement in Nigeria. In den letzten Jahren unterstützte das Büro, in dem gegenwärtig zwei Journalistinnen und drei Journalisten arbeiten, vor allem die Solidarität mit Flüchtlingen und Illegalisierten, etwa bei „kein mensch ist illegal“ oder der „Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen“.

So hoch geschätzt die Arbeit das RJB auch ist – diverse Gruß- und Glückwunschadressen von Hörfunk-RedakteurInnen belegen das -, so blieben doch Zensurversuche, Prozesse und Konflikte in all den Jahren nicht aus. Streit um Formulierungen, zu kritische Passagen über Unternehmen oder Gewerkschaften führten schon mal dazu, dass Beiträge nicht gesendet wurden und RJB-Mitglieder wenn nicht Arbeitsverbot, so doch keine Aufträge mehr bekamen. Mit einem kritischen Beitrag zu den Lageberichten des Auswärtigen Amtes, auf deren Grundlage Asylsuchende abgeschoben werden, machte sich das RJB auch bei der rot-grünen Bundesregierung unbeliebt, die den verantwortlichen Sender – allerdings erfolglos – aufforderte, „zukünftig ähnlich einseitige und unausgewogene Berichte“ zu vermeiden.

Kritisch anzumerken bleibt allerdings, dass es sich bei den abgedruckten Texten nur um eine winzige Auswahl dessen handelt, was das RJB in zwanzig Jahren verfasst hat – eine Art „Best of“-Platte eben. Dem interessierten Publikum bleibt daher nur das Warten auf ein Fortsetzungsbuch. Auch das Internet hilft nicht weiter, denn eine Homepage hat das RJB nicht. Was nicht weiter verwunderlich ist: Schon die Einführung von Computern war im JournalistInnenbüro lange umstritten, wie Ex-Mitglied Werner Balsen schön beschreibt.

Beliebtestes Argument der Computer-GegnerInnen damals: Schon Eduardo Galeono hatte gesagt, beim Schreiben müsse man sich „die Hände schmutzig machen“, also mit Schreibmaschine, Schere und Klebstift hantieren. Zum Glück beurteilt der lateinamerikanische Schriftsteller das Internet nicht so negativ. „Als Netzwerk hat das Internet definitiv einen sehr wichtigen Freiraum geschaffen, um unabhängige Sichtweisen darzustellen, die gewöhnlich von Fernsehen und Printmedien ignoriert werden.“ Womit dem Aufbruch des RJB in virtuelle Welten nichts mehr im Wege steht.

Rheinisches JournalistInnenbüro: Widerworte. Journalismus im Kollektiv, Verlag -Assoziation A, Berlin, Hamburg, Göttingen 2003.


Autor: Dirk Eckert