Beten reicht nicht

In Köln formiert sich Widerstand gegen die Vertreibung Obdachloser aus dem Bahnhof

junge Welt, 25.05.2002, S. 4

junge Welt

Immer häufiger werden Obdachlose im Bahnhof als unerwünschte Personen angesehen und vom Ordnungspersonal willkürlich mit Platzverweisen belegt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung unter Obdachlosen, die der Kölner AK Umbruch durchgeführt und am Mittwoch in der Domstadt einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. In dem Arbeitskreis arbeiten Dozenten der Fachhochschule Köln und Fachleute aus den Kontakt- und Beratungsstellen für Obdachlose.

„Über 80 Interviews lassen erkennen, daß im Kölner Hauptbahnhof Menschen, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, unerwünschte Personen sind“, so der AK Umbruch, der deshalb von einer „dokumentierten Vertreibungspraxis“ spricht.

Nach der Studie des AK Umbruch sind 62,1 Prozent der Befragten schon mal vom Sicherheitspersonal des Bahnhofsverwiesen worden. Ein Drittel davon erhielt nicht mal eine Begründung, bei den restlichen zwei Dritteln sei die Begründung in den meisten Fällen „nicht stichhaltig“ gewesen.

Rund 80 Prozent der Befragten durchquerten den Bahnhof, um in der Nähe gelegene Hilfseinrichtungen zu besuchen. Die Hälfte nutze den Bahnhof als Kunden, also etwa zum Einkaufen. „Wohnungslose nutzen den Bahnhof damit so, wie das von der Bahn gewollt ist“, so die Sozialarbeiterin Rosemarie Herting: „als Konsumenten“. Doch auch dann könnten sie Ärger bekommen.

Herting, die als Mitarbeiterin in einem Kölner Wohnungslosenprojekt an der Erstellung der Studie beteiligt war, berichtet von einer Frau, die von der Bahnschutzgesellschaft ohne Begründung vor die Tür gesetzt worden sei, als sie auf dem Weg in das Reformhaus im Bahnhof war, wo sie regelmäßig kostenlos Reste bekam. Von den anderen Bahnhofsgästen unterschied sie sich nur dadurch, daß sie die Wohnungslosenzeitung Bank extra in der Hand hielt.

Nicht mal die Bestätigung einer Reformhausmitarbeiterin, dass die Frau Kundin sei, habe die Ordnungshüter umstimmen können, erzählt Herting. Für sie ist das ein eklatanter Fall von Diskriminierung. „Die Frau hat weder gebettelt, noch Alkohol getrunken oder eine Straftat begangen.“ Offensichtlich sei sie aufgrund ihres „äußeren Erscheinungsbildes“ vor die Tür gesetzt worden.

Die Diskriminierung wohnungsloser Mitbürger müsse beendet, der Bahnhof als öffentlicher Raum anerkannt werden, fordert jetzt der AK Umbruch. Der Kölner Rechtsanwalt Detlef Hartmann plädierte dafür, um den Bahnhof als öffentlichen Raum zu kämpfen. Bei der Bahn handele es sich um einen Monopolbetrieb, deshalb müsse der Zugang gestattet sein. Zweitens habe ein Bahnhof „funktional gemischte Räume“, etwa private Geschäfte und öffentliches Verkehrsnetz. „Juristisch ist die Lage hochumstritten.“ Andere setzten mehr auf Konsens. „Die Politik ist gefordert“, „wir müssen die Bahn ins Boot holen“, „Prominenz“ müsse dabei sein, waren nur einige der Vorschläge im Publikum. Einer schlug sogar vor zu beten. Er wolle ja nicht die Kraft des Gebetes schmälern, entgegnete ein Pfarrer vom evangelischen Sozialwerk. Aber: „Beten reicht hier nicht aus“.


Autor: Dirk Eckert