Eingeschränkte Solidarität

Metin Serefoglu muss Recht bekommen

taz köln / taz nrw, 04.04.2002, Nr. 94, S. 2

Kommentar taz köln taz nrw taz ruhr

Immer noch ist Metin Serefoglu nicht wieder eingestellt. Was war sein Vergehen, weswegen wurde der Arbeiter einer Lüdenscheider Maschinenfabrik fristlos vor die Tür gesetzt? Den Betriebsfrieden hat er gestört, sagt seine ehemalige Firma. Weil er nicht an einer Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge von New York und Washington teilnehmen wollte. Das war’s? Nein, Serefoglu hat noch mehr gemacht. Er hat darauf hingewiesen, dass es in seiner Firma niemand für nötig befunden hatte, eine Schweigeminute für die 30.000 Erdbebenopfer in der Türkei abzuhalten oder für die 300.000 Kriegsopfer in Bosnien. Ich will um alle Menschen gleich trauern und lehne Gewalt grundsätzlich ab, begründete er seine Weigerung.

Damit hat er genau den wunden Punkt getroffen: Nach den Anschlägen in Amerika war Deutschland schnell dabei, die Flaggen auf Halbmast zu hängen, der Kanzler verkündete „uneingeschränkte Solidarität“, für SPD-Fraktionsvize Struck waren wir alle Amerikaner. Im Einschleimen beim großen Bruder jenseits des Atlantiks gab es schnell kein Halten mehr. Der Springer-Verlag hat die Solidarität mit Amerika sogar in Arbeitsverträge aufgenomen. Die gleiche Reaktion bei Todesopfern in der Türkei, in Bosnien, in Ruanda – undenkbar. Ein Kanzler, der vor die Presse tritt und „Heute sind wir alle Türken“ verkündet? Guter Scherz.

Serefoglu hat genau das Richtige getan: Er hat dieser Gesellschaft ihre Doppelmoral vorgehalten – und das in einer Situation, wo es nun wirklich keiner hören wollte. Dafür gebührt ihm Anerkennung. Serefoglu muss wieder eingestellt werden.


Autor: DIRK ECKERT