Saudi-Arabien und der Islamismus

Die Spur des Terrors

Sozialistische Zeitung - SoZ, 31.03.2002, S. 11

Sozialistische Zeitung - SoZ

Die Analyse der CIA war im politischen Washington nicht erwünscht. Es gibt keine Verbindung zwischen Al Qaida und dem Regime im Irak, hatte der Geheimdienst Anfang 2002 befunden. CIA-Chef George Tenet musste Mitte März nachlegen. Es sei ein Fehler, „den Irak oder den Iran als Sponsoren des Terrorangriffe“ auszuschließen, hieß es jetzt.

Doch der Versuch, einen Angriff auf Irak auf diese Weise zu rechtfertigen, ging schief. Sofort stellten CIA-Mitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden wollten, gegenüber der Presse klar, dass sie keine Erkenntnisse über eine Verbindung des Saddam-Regimes zu den Terroranschlägen von New York und Washington haben.

In Washington kam zusammen mit George W. Bush jedoch eine Reihe von Leuten ins Weiße Haus, die das Regime in Bagdad lieber gestürzt sehen wollen. Interessant für die US-Politik nach dem 11.September ist eine Artikelserie, die in Deutschland von der Welt veröffentlicht wurde. Zwei Journalisten bekamen Zugang zu Entscheidungsträgern, um ein freundliches Bild vom Innenleben der Administration zu zeichnen. Dafür wurden sie mit Insiderinformationen versorgt.

Demzufolge plädierte der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz bei den Beratungen am 15.September vehement für einen sofortigen Schlag gegen den Irak. Für Wolfowitz, legt der Artikel nahe, ging es dabei gar nicht um eine Mittäterschaft Iraks. Vielmehr wollte er eine alte Rechnung mit Saddam Hussein begleichen. Wolfowitz hatte es schon 1991 für einen Fehler gehalten, dass die Offensive abgebrochen und Hussein an der Macht belassen wurde.

Lediglich Außenminister Colin Powell machte darauf aufmerksam, dass für einen Angriff auf den Irak auch Beweise vorgebracht werden müssten – wegen der Verbündeten. Die Mehrheit war für einen Angriff auf Afghanistan und eine Verschiebung eines Angriffs auf den Irak. Weitere Beweise wurden nicht eingefordert, die Täterschaft Bin Ladens galt bereits vier Tage nach dem 11.September als erwiesen.

Einen Angriff auf den Irak macht außer Powell niemand vom Nachweis der Mittäterschaft abhängig. Insofern verwundert es auch nicht, dass der CIA-Bericht, der später den Irak entlastete, keine Auswirkungen auf die US-Politik hatte. Das Votum steht seit dem 15.September fest: Irak kommt später.

Völlig anders verhält es sich beim Fall Saudi-Arabien. Kein Land der Erde steht enger in Verbindung zum islamistischen Terror, und das sowohl ideologisch – mit der Glaubensrichtung der Wahhabiten – wie auch finanziell. Beispiel Bosnien: Dort wurde jahrelang ein gemäßigter, liberaler Islam praktiziert.

Nach dem Krieg war das Land pleite. Aus Saudi-Arabien kam frisches Geld, Moscheen wurden gebaut. Ende letzten Jahres war die Saat aufgegangen: Erstmals ging eine Gruppe junger Männer als Mudjaheddin an die Öffentlichkeit.

Aber Saudi-Arabien hat einen großen Verbündeten, das Land, das bestimmt, wer zur Allianz gegen den Terror gehört und wer nicht. Edward L. Morse und James Richard verwiesen in der amerikanischen Fachzeitschrift Foreign Affairs (März/April 2002) auf die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von saudi-arabischen Öllieferungen: „Die saudische Führerschaft [im Ölgeschäft] kann deswegen garantieren, dass Washington helfen wird, Saudi-Arabien zu verteidigen. Das bedeutet nicht nur, die Ölfelder des Königreichs und dessen territoriale Integrität zu verteidigen, sondern auch das Haus der Familie Saud.“

Dieses Arrangement hat Tradition: Es geht auf das Jahr 1945 zurück. Damals trafen sich der amerikanische Präsident Roosevelt und der saudische König Abd al-Aziz Ibn Saud auf einem US-Kriegsschiff im Suezkanal und leiteten die Politik ein, die den USA Zugriff auf die saudischen Ölfelder sicherte (vgl. Michael T. Klare, „Die Geopolitik des Krieges“, SoZ 24/2001).

Mit seinen Ölvorkommen von einem Viertel der geschätzten weltweiten Vorkommen und einem Anteil von 11% an der Weltproduktion ist Saudi-Arabien ein Schlüsselland für das Funktionieren der Weltwirtschaft im Sinne der reichen, kapitalistischen Länder.

Doch die Unterstützung Saudi-Arabiens fordert ihren Preis. Im Land selbst herrscht ein mittelalterliches Regime, gegen das der Mullah-regierte Iran liberal und weltoffen scheint. Das Regime, seine Ideologie und die finanziellen Ressourcen brachten auch Figuren wie Osama Bin Laden hervor, die im Ausland den Islamismus gewaltsam verbreiteten.

1994 erklärte Saudi-Arabien schließlich, in Zukunft keine Gruppen mehr zu unterstützen, die auf Gewalt bei der Verbreitung des Islam setzen, und gab damit zu, genau dies bisher getan zu haben. US-Präsident Clinton sagte im Gegenzug zu, Riad gegen den Irak zu unterstützen. Die Militärhilfe für das Regime in Riad war mit 33,5 Mrd. Dollar sogar größer als die, die Israel aus Washington bekam.

Saudi-Arabien wiederum förderte in den 90ern auch in Palästina die Verbreitung des Islamismus. Nachdem Arafat sich im Golfkrieg auf die Seite Saddam Husseins geschlagen hatte, unterstützte Saudi-Arabien nur noch fundamentalistische Gruppierungen wie Islamischer Jihad und Hamas. Diese Saat geht derzeit in den Selbstmordanschlägen auf.


Autor: Dirk Eckert