Endstation Sibirien

Russland auf dem Weg zur nuklearen Müllkippe

Sozialistische Zeitung - SoZ, 28.09.2000, Nr. 20, S. 9

Sozialistische Zeitung - SoZ

Alles „unbegründete Spekulation“: die französische Firma Cogema und das russische Atomministerium waren schnell mit ihrem Dementi, als im Februar dieses Jahres durchsickerte, dass in Russland ein internationales Endlager für Atommüll eingerichtet werden soll.

Doch Dementi hin, Dementi her: Inzwischen hat das Projekt konkrete Gestalt angenommen: Nach Berichten der Berliner Zeitung soll in Russland unter internationaler Aufsicht eine Atommülldeponie entstehen, die rund 10000 Tonnen Atommüll aufnehmen soll. Finanziert werden soll das Projekt durch den US-Trust „Non-Proliferation Trust II“ (NPT II), der 15 Milliarden US-Dollar aufbringen will. Insgesamt würde die Finanzierung komplett aus dem Ausland übernommen, so dass Russland keinen Pfennig bezahlen müsste. Als Standort ist das sibirische Krasnojarsk vorgesehen.

Die russische Regierung hat weitreichende Pläne in Sachen Atomenergie, vom Kraftwerksbau bis zum Endlager. „Wir planen in den nächsten 30 Jahren zunächst den Austausch der alten Anlagen, und gleichzeitig wollen wir etwa 30 neue Kraftwerke ans Netz bringen“, erklärte der russische Atomminister Jewgeni Adamow am 24.Juli 2000 im Deutschlandfunk.

Teil der russischen Atompläne ist auch die vom heutigen Außenminister Joseph Fischer stillgelegte Wiederaufarbeitungsanlage aus Hanau, die Siemens nach Russland exportieren möchte. Begründet wird der Verkauf der Anlage mit US-amerikanisch-russischen Abrüstungsverhandlungen. Beide Länder haben sich darauf geeinigt, insgesamt 68 Tonnen Plutonium zu vernichten. Die USA wollen ihre 34 Tonnen teils zu Brennstäben verarbeiten, teils direkt endlagern.

Russland setzt ganz auf die Verarbeitung zu Brennstäben und benötigt dazu die entsprechende Technologie. Mit Hilfe der Anlage aus Hanau kann Russland das Waffenplutonium verarbeiten und die gewonnenen Reaktorbrennstäben dann wieder verkaufen. Kurz: Russland würde in die Plutoniumwirtschaft einsteigen.

So könnte sich eine neue Arbeitsteilung in Sachen Atomenergie etablieren, wie sie sich zwischen sogenannter Erster und Dritter Welt bewährt hat. Russland liefert die Rohstoffe, also Brennstäbe, an den Westen und nimmt den giftigen Müll zurück.

Auch mögliche Transportwege sind bereits im Gespräch. Europäischer Atommüll könnte zur Aufarbeitung oder Endlagerung über die Ostsee nach St.Petersburg verschifft werden. Von dort ginge es per Bahn nach Krasnojarsk zur Wiederaufarbeitung. Japan wiederum könnte seinen Atommüll zum Hafen Wostotschni bringen, von wo aus es ebenfalls per Bahn weiter geht.

Den Plänen des russischen Atomministeriums steht bisher noch ein russisches Gesetz im Wege, das den Import von ausländischem Atommüll nach Russland verbietet. Doch eine Gesetzesnovelle liegt dem russischen Parlament, der Duma, bereits vor und soll noch dieses Jahr beraten werden.

Sollten die Pläne des russischen Atomministeriums Wirklichkeit werden, könnte auch Deutschland mit im Geschäft sein. Denn bisher ist unklar, wo Deutschland seinen Atommüll endlagern will. Die Bundesregierung hat die Erkundungsarbeiten am Salzstock Gorleben eingestellt, hält aber am nahe gelegenen Schacht Konrad fest. Dieser gilt aber nur als geeignet für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Somit hätte die Bundesrepublik bisher kein Endlager für hochradioaktive Abfälle.

Das grün geführten Umweltministerium in Berlin weiß allerdings, wie heikel die Auswahl von Standorten für ein Endlager ist. Deshalb soll die Öffentlichkeit einbezogen werden, um mögliche Widerstände schon im Vorfeld abzuschwächen. Bis zum Jahre 2002 soll der von Bundesumweltminister Jürgen Trittin eingesetzte „Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte“ Kriterien und Suchmethoden für ein neues atomares Endlager entwickeln. Diese sollen auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Erst wenn die Suchkriterien klar und akzeptiert sind, soll die Suche beginnen. Das soll im Jahr 2002 sein.

Denkfabriken wie die regierungsnahe Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) haben sich bereits eigene Gedanken zum Thema Endlager gemacht. Die DGAP tritt offen dafür ein, deutschen Atommüll nach Russland zu schicken und in Russland aus Waffenplutonium produzierte MOX-Brennelemente in deutschen Atomkraftwerken einzusetzen.

Auch in der Presse wird Deutschland immer wieder als potenzieller Interessent und Kunde eines russischen Atommülllagers genannt. „Zu ihren ‚wichtigsten Kunden‘ zählen die Russen Europas Atomstromkonzerne, selbstverständlich auch die deutschen“, schreibt etwa die Berliner Zeitung. An dem NPT-II-Projekt sind deutsche Firmen wie die Essener Gesellschaft für Nuklear-Service beteiligt. Die Essener Firma ist spezialisiert auf Castor-Transporte.

Bisher schreiben deutsche Gesetze vor, dass deutscher Atommüll hierzulande gelagert werden muss. Die Bundesregierung dementiert bisher Pläne für ein internationales Endlager: „Es wäre unverantwortlich, unseren Müll anderen Völkern aufzubürden“, so der Staatssekretär im Umweltministerium, Rainer Baake.

Doch die Idee, den weltweit produzierten Atommüll in einem internationalen Endlager loszuwerden, ist nicht neu. Im Gespräch sind neben einem russischen Standort eine durch Atomversuche verseuchte Pazifikinsel, ein ehemaliges Atomtestgebiet in Australien sowie ein Gelände in Kanada.


Autor: Dirk Eckert