100 Tage Militär

philtrat, 30.09.2000, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 36, S. 15

philtrat Rezension

Die Tätigkeit des Militärs beschränkt sich nicht allein auf das Führen von Kriegen. Da werden Generäle in den Ruhestand verabschiedet, neue Waffen gekauft, oder Manöver abgehalten. Die Arbeit der Militärs ist alltäglich und allgegenwärtig. Einen „exemplarischen Tätigkeitsbericht“ über „das älteste und größte Gewerbe der Welt“ haben jetzt Ekkehard Krippendorf, Markus Euskirchen und Arend Wellmann vorgelegt.

In dem Buch 100 Tage Militär haben sie zusammengetragen, was sie Ende 1996 bis Anfang 1997 in den Medien an militärischen Aktivitäten fanden. Dabei sollten vor allem auch „die eher unspektakulären Aktivitäten des Militärs“ erfasst werden. Das Buch soll den LeserInnen so „die Alltäglichkeit dieser gesellschaftlichen Institution, seine ‚Universalität‘, für einen begrenzten Zeitraum exemplarisch … dokumentieren“.

Gewählt haben die Autoren für ihre Darstellung die Form der Chronik. So haben sie versucht, „die Ereignisse nicht nur faktisch zu registrieren, sondern sie eher als Geschichte zu erzählen“. Die Chronik ist geteilt in verschieden Bereiche. „Wir fragen nach dem gesellschaftlichen Handeln des Militärs auch jenseits der ihm offiziell und konstitutionell zugeschriebenen engen Aufgaben.“

Ein Bereich ist der dem Militär am häufigsten und offiziell zugeschriebene Zweck, die Landesverteidigung. Doch die Sichtung des Materials über militärische Aktivitäten macht für die Autoren deutlich, dass Landesverteidigung „nur eine, und keineswegs die wichtigste militärische Beschäftigung“ ist. Sie zählen folgende Tätigkeitsfelder auf: Landesverteidigung, Machterwerb, -erhalt und -verlust, internationale Militärintervention, Kriegsvorbereitungen, Personal und Organisation, Rüstung und Budget, Militärdiplomatie, symbolische Handlungen, Geschichte und zuletzt Diskussionen und Analysen.

Mit dem Blick auf hundert Tage in den Jahren 1996/97 ist den Autoren ein recht origineller Ansatz gelungen. Vieles kommt einem beim Lesen bekannt vor und wird in die Erinnerung zurückgerufen: Der Krieg im Kongo etwa, oder der 1996 beendete Krieg in Tschetschenien – nur der erste, wie wir heute wissen.

Wo gerade keine Kriege geführt werden, werden sie vorbereitet oder nachbereitet. Vorbereitungen sind etwa Schulung des Personals und Training (Manöver). Unter Nachbereitungen fallen u.a. zahlreiche Kriegsverbrecherprozesse, wie etwa das Tribunal in Ruanda. Selbst der frühere Geheimdienstchef von Ruanda blieb da nicht verschont und wurde Anfang 1997 an das Tribunal ausgeliefert.

Die Aufzählung lässt ahnen, wo die Probleme des Buches liegen. Zusammenhänge, etwa zwischen den Bereichen Rüstung und Militärintervention, können kaum hergestellt werden. Die Charakterisierung von Militär schwankt und reicht von der empirisch gemeinten Beschreibung „Militär in Aktion – keine Landesverteidiger, sondern organisierte Kriminelle des Machterwerbs und Machterhalts“ bis zum Vergleich des Militärs mit einem „Krebsgeschwür“, das alle Gesellschaften durchdringt, „deren politische Klassen sich seiner zur Durchsetzung ihrer Herrschaftsinteressen nicht entledigen können oder möchten“.

Das Militär als „vielleicht doch heilbare Krankheit am Körper der Staatenwelt“, wie die Autoren hoffen? Leider ist Militär eine gesellschaftliche Organisation und eben keine Krankheit oder Naturkatastrophe, weswegen solche Vergleiche völlig in die Irre führen.

Die Absicht der Autoren war, „militärische Aktivitäten weltweit darzustellen, zu kommentieren und der Kritik zu überantworten“. Doch auf die Kritik haben die Autoren selber verzichtet. Das Buch endet nach der Chronik mit einem recht kurzen Nachwort. Die Kritik des Militärs steht somit noch aus.

Ekkehard Krippendorff, Markus Euskirchen, Arend Wellmann: 100 Tage Militär. Exemplarischer Tätigkeitsbericht über das älteste und größte Gewerbe der Welt, Donat Verlag, Bremen 2000, 28 Mark.


Autor: Dirk Eckert