Nach dem Goldabbau

Die Donau vergiftet, die Theiß tot

Sozialistische Zeitung - SoZ, 02.03.2000, Nr. 5, S. 10

Sozialistische Zeitung - SoZ

Als am 30.Januar im rumänischen Baia Mare der Begrenzungswall eines Auffangbeckens der Aurul- Goldmine nach starken Regenfällen wegrutschte, war die Katastrophe perfekt: 100.000 Kubikmeter Schlamm, vergiftet mit Zyanid und Schwermetallen, wurden in den nächsten Fluss, den Lapus, gespült. Zyanid wird beim Goldabbau benutzt, um das Gold aus dem Gestein zu lösen. Vom Lapus wurde das Gift weiter in den Semos getragen, dann in die Theiß und schließlich in die Donau.

Als in der rumänischen Stadt Turnu Margerele Messungen in der Donau durchgeführt wurden, zeigte sich, dass die Grenzwerte um das Siebenfache überschritten wurden. Die Theiß gilt inzwischen als toter Fluss, und Berichte aus der Region sprechen von vergifteten Pferden, Eseln, Wildschweinen und Rehen, die aus der Theiß gezogen wurden. Die Bilder von toten Fischen gingen durch das Fernsehen. Das Trinkwasser ist vergiftet, Fischer stehen vor dem Nichts.

„Das gesamte ökologische System und Leben ist in der Theiß für die nächsten 10-15 Jahre zerstört“, erklärte Serbiens Umweltminister Branislav Blazic. Schwermetalle wie Zink, Blei und Kupfer würden sich im Flussschlamm ablagern, dadurch würde „praktisch jedes Leben in der früher fischreichen Theiß vernichtet“. Gleiche Töne kommen aus Bulgarien: dort ist das Donau-Naturschutzgebiet Serbarna in Gefahr. „Die Donau ist unser Leben. Eine vergiftete Donau bedeutet auch eine Lebensbedrohung vieler Bulgaren“, erklärte ein Regierungsmitglied. „Eine ökologische Katastrophe könnte nicht nur das Donaudelta, sondern langfristig auch dem Tourismus am Schwarzen Meer schaden.“

János Gönczy, Regierungsbeauftragter in Ungarn, schätzte, dass es ein bis zwei Jahre dauern werde, bis die Theiß wiederbelebt sei. Gönczy geht weiter davon aus, dass einzelne Tierarten, die bisher in der Theiß lebten, für immer ausgerottet sind. Das ungarische Landwirtschaftsministerium sprach im Februar von 500 Tonnen totem Fisch, die bis zu diesem Zeitpunkt aus der Theiß geholt wurden.

Unglücksursache unklar?

Schon im April 1999 hatten Anrainer gegen die Umweltgefahren der Goldproduktion in Baia Mare protestiert. Es wurde eine staatliche Untersuchungskommission eingesetzt, die zu dem Schluss kam, dass der Goldabbau keine Gefahr für die Umwelt darstelle. In den Monaten Mai, Juni und September kam es zu den ersten Zyanidunfällen. Menschen klagten über Gesundheitsbeschwerden, Haustiere verendeten.

Das Auffangbecken selbst war schlampig gebaut. Experten kritisieren heute, die Innenwände des Beckens seien senkrecht statt schräg, außerdem liege die Oberfläche des Zyanids nur einen halben Meter unter dem Beckenrand. Vorgeschrieben seien drei Meter. Das lokale Gesundheitsamt hat jetzt in einem Abwassergraben nahe der Anlage Zyanidverschmutzungen festgestellt. Die Existenz eines Lecks ist also mehr als wahrscheinlich. Der Chef des Umweltamts von Baia Mare ordnete nach dem Unglück an, dass der Begrenzungswall des Rückhaltebeckens der Aurul-Goldmine um zwei Meter aufgestockt wird.

Drei Wochen später entging Baia Mare knapp der Neuauflage der Umweltkatastrophe: Ein Auffangbecken drohte nach starken Niederschlägen überzulaufen. Die Behörden ordneten die Öffnung des Deichs an, der Inhalt wurde über Rohre in ein anderes Auffangbecken geleitet. Laut Zeitungsberichten sind die Rohre allerdings nicht dicht.

Die rumänische Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen „fahrlässiger Umweltverschmutzung durch Mangel an Aufsicht, mangelnde Wartung der Geräte und mangelnder Sorgfalt“. Auch Experten der Vereinten Nationen sind in die Region gefahren. Ihr Bericht steht noch aus.

Die Aurul-Mine selbst gehört dem rumänischen Staat und dem australischen Bergbauunternehmen Esmeralda, das die Federführung bei dem Projekt hat. Das in der Mine gewonnene Gold wird zu 100% an den rumänischen Staat verkauft. Dessen Umweltminister Tomescu mahnte nach der Katastrophe erst mal zur Ruhe: „Erst muss das Ausmaß der Schäden festgestellt werden, dann werden wir die Gesetze durchsetzen.“

Auch das australische Unternehmen Esmeralda Exploration Limited zeigt bisher demonstrative Gelassenheit. Siebzehn Tage, nachdem das Zyanid in die Flüsse lief, schrieb Unternehmenssprecher Chris Codrington auf der Homepage des Unternehmens: „Während der vergangenen Woche gab es eine Anzahl von lokalen, nationalen und internationalen Presseberichten von der Zyanidverseuchung der Theiß und der Donau. Die meisten dieser Berichte haben spekulativ versucht, einen Zusammenhang des Dammbruchs und der Verseuchung der Flüsse herzustellen.“

Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass das Austreten der Zyanid-Lösung und das Fischsterben zusammenhingen, so Codrington. Für das australische Unternehmen sprang die australische Regierung in die Bresche: Der Umweltminister bedauerte die schwere Schädigung der Umwelt und bot Hilfe bei der Reinigung der verseuchten Flüsse an.

Die grenzüberschreitende Umweltverschmutzung hat auch die EU- Kommission auf den Plan gerufen. EU-Umweltkommissarin Margot Wallström entwarf ein Papier mit dem Titel „Bergbau und nachhaltige Entwicklung“. „Wir brauchen für ganz Europa eine Untersuchung, was passieren kann und wo – und eine Abschätzung, ob die Vorkehrungen ausreichend sind“, erklärte sie bei einem Besuch vor Ort. Kurz darauf anberaumte Gespräche mit „Euromine“, dem Dachverbands der Bergbauindustrie in Europa, brachten allerdings keine Ergebnisse.

Die Bergbauindustrie wehrte sich gegen verschärfte Richtlinien im Bergbau. Unfälle wie in Rumänien seien nicht typisch für die gesamte Industrie. Vielmehr handele es sich um ein „Osteuropa-Problem“. So konnte die EU-Kommissarin nur die Schaffung einer schnellen Eingreiftruppe ankündigen. Diese solle herausfinden, „was geschah, welche Schäden entstanden und wie diese abzumildern und zu beheben sind“, so die Kommissarin.

Weniger zögerlich als die EU geht Ungarns Regierung vor. Sie will den Staat Rumänien und die Firma Esmeralda als Betreiberin der Mine beim Europäischen Gerichtshof verklagen. Ziel der Klage sei die Pfändung des Vermögens des australischen Mehrheitseigentümers Esmeralda, wie ein Vertreter Ungarns erklärte.

Der Jurist räumte ein, dass aus Esmeralda „nicht viel herauszuholen“ sei, da das Unternehmen nur über wenig Eigenkapital verfüge. Das Unternehmen hat ein Nettovermögen von rund 9,2 Millionen Euro. Ungarn spekuliert auf die abschreckende Wirkung einer Verurteilung: Sollte Esmeralda schuldig gesprochen werden, droht der Firma der Konkurs. Auch Jugoslawien will sich der Klage anschließen.

Indirekt beteiligt sind an der Aurul-Goldmine außer dem rumänischen Staat und dem australischen Bergbauunternehmen auch europäische Banken, nämlich das Bankhaus Rothschild und die Dresdner Bank, die das Projekt mitfinanziert haben. Rund 30 Millionen Dollar betrugen die Investitionen, eine Laufzeit von acht bis zehn Jahren war geplant. Insgesamt sollte die Goldgewinnung rund 150 Millionen Dollar einbringen.

Teure Investitionen in Umweltschutz oder Sicherheitsmaßnahmen mussten nicht getätigt werden, das Gold wird mit dem giftigen Zyanid aus dem Gestein gewaschen – ein billiges und schmutziges Geschäft. „Giftintensive Technologien dieser Art können heutzutage nicht überall in der Welt eingesetzt werden“, schreibt eine österreichische Zeitung. „In Staaten, in denen es wirksame Umweltgesetze gibt, wäre das Risiko viel zu groß. Bei einem Unfall wie dem in Baia Mare bliebe den Betreibern nach Zahlung aller Kompensationen kein großer Profit mehr.“

Deutsche Banken verdienen mit

Pikant ist der Unfall auch für die Investorin Dresdner Bank: Die Bank hat den Verhaltenskodex „Banken und Umwelt“ der UN-Umweltorganisation UNEP unterschrieben, in dem sich die Unterzeichnerinnen verpflichten, „sowohl im Inland als auch im Ausland“ die gleichen Maßstäbe bei der Einschätzung von Umweltrisiken anzuwenden und ihren Kunden Informationen über Umweltrisiken zugänglich zu machen.

Die internationale Menschenrechtsorganisation FIAN fordert die Dresdner Bank jetzt zu Entschädigungszahlungen auf. „Das Verhalten der Dresdner Bank ist ein Skandal“, so die Vorsitzende des deutschen Zweigs von FIAN, Petra Sauerland. „Der Bank waren alle Schwierigkeiten beim Goldabbau mit Zyanid bekannt. Bereits 1995 haben wir die Bank auf die Risiken des Goldabbaus mit Zyanid hingewiesen.“

Die Umweltkatastrophe von Baia Mare hindert deutsche Banken bisher allerdings nicht daran, genau so weiterzumachen wie bisher. Mit Unterstützung der Deutschen Bank plant die kanadische Firma TVX auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki die Goldgewinnung mit Zyanid. Die Bevölkerung wehrt sich seit Jahren gegen das Projekt, nicht zuletzt deshalb, weil die Auffangbecken in der Nähe eines Naturschutzgebiets entstehen sollen, das die griechische Regierung für das europäische Projekt Natura 2000 ausgewiesen hat.


Autor: Dirk Eckert