„Die Toten von Auschwitz mißbraucht“

VVN-Sprecher Gingold sieht neue Art der Auschwitz-Lüge.

philtrat, 30.04.1999, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 28, S. 10/11

Interview philtrat

Er habe nicht nur „Nie wieder Krieg“ gelernt, sondern auch „Nie wieder Auschwitz“, so die Rechtfertigung von Außenminister Joseph Fischer für den NATO-Krieg gegen Jugoslawien. In einer Ende April in der Frankfurter Rundschau erschienenen ganzseitigen Anzeige verurteilten Holocaust-Überlebende solche Äußerungen als „neue Art der Auschwitz-Lüge“. Für die philtrat sprach Dirk Eckert mit einem von ihnen, dem Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen (VVN-BdA), Peter Gingold. Der Dreiundachtzigjährige ist Mitglied des Auschwitz-Kommittees. Er selbst und seine Frau konnten mit ihrer zweijährigen Tochter untertauchen und der Deportation nach Auschwitz entgehen.

philtrat: „Gegen eine neue Art der Auschwitz-Lüge“ ist die Anzeige in der FR überschrieben. Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diese Weise an die Öffentlichkeit zu wenden?

Gingold: Die Infamie besteht doch darin, daß die Toten von Auschwitz dazu mißbraucht werden, den Krieg gegen Jugoslawien ideologisch zu rechtfertigen. Da soll gesagt werden, daß das, was heute passiert, so was ähnliches wie Auschwitz sei. Es ist doch kein Zufall, daß einige Wochen, bevor die Bombardierungen losgingen, Verteidigungsminister Scharping mit einer Gruppe von Bundeswehrsoldaten die Gedenkstätte Auschwitz besucht hat. Dort hat er erklärt, deutsche Soldaten müßten in den Kosovo, damit sich so etwas ähnliches wie Auschwitz nicht wiederhole.

Damit war dieser Krieg schon ideologisch vorbereitet. Wenn man beobachtet, welche Sprache gebraucht wird – „Genozid“, „Völkermord“, „KZ“ – da wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, das war ja die Absicht, als ginge es wirklich um eine Wiederholung, um so was ähnliches wie Auschwitz.

Joschka Fischer zum Beispiel sagt: Weil ich an Auschwitz denke, daher müssen wir, wie er sagt, den Menschenrechtsverletzungen mit einer militärischen Intervention entgegentreten. Wir, die Überlebenden von Auschwitz, und die meisten, die unterschrieben haben, sind ehemalige „Auschwitzer“ – und ich habe Angehörige, die in Auschwitz vergast worden sind – wir alle sind fassungslos, daß Auschwitz dafür mißbraucht wird, einen Bombenterror, einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien, zu rechtfertigen. Dieses Land wird in die Steinzeit zurückgebombt, und es wird genau das Gegenteil erreicht von dem, was man wollte, nämlich den Schutz der Bevölkerung.

philtrat: Wo sehen Sie den Unterschied zwischen Auschwitz und dem, was im Kosovo passiert?

Gingold: Auschwitz war die Ermordung von sechs Millionen Menschen der jüdischen Bevölkerung, von einer halben Millionen Sinti und Roma. Ich habe meine Tochter, mein zweijähriges Kind verstecken müssen, um es vor der Gaskammer zu retten. Heute wird der Eindruck erweckt, als würden die Flüchtlinge in die Vernichtungslager gebracht. So schlimm das auch ist, daß sie flüchten müssen und natürlich auch vertrieben werden.

philtrat: Deshalb der Begriff „Auschwitz-Lüge“?

Gingold: Die erste Auschwitz-Lüge besteht doch darin, überhaupt zu leugnen, daß es Gaskammern gegeben hat. Und die neue Auschwitz-Lüge besteht darin, daß man Auschwitz nicht mehr leugnet, sondern verharmlost und banalisiert. Schon wenn man es damit vergleicht, was im Kosovo passiert. Das wird sehr hochgeschraubt mit den „ethnischen Säuberungen“. Es stimmt ja nicht alles, was die Serben da angeblich machen sollen. Und was in Auschwitz passiert ist, wird auf diese Weise relativiert.

philtrat: Wie kam es zu der Anzeige in der FR?

Gingold: Mir und denjenigen, die das Geld für die Anzeige gespendet haben, ging es in erster Linie darum, den Text einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieser Text wurde als „Offener Brief“, unterschrieben von Überlebenden des Holocaust, direkt an den Verteidigungsminister und den Außenminister gefaxt und wahrscheinlich überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Die bekommen sicherlich sehr viele Briefe, und die wandern dann mehr oder weniger, wie ich vermute, alle in den Papierkorb. Dieser Brief erschien zuerst nur in kleinen Zeitungen und wurde überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Aber dadurch, daß er im Internet erschienen ist, sind einige darauf aufmerksam geworden und haben uns gesagt, dieser Brief wäre eine so wichtige Aussage gegen den Krieg in Jugoslawien, daß er einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden muß. Er müßte in einer großen Zeitung als Anzeige erscheinen.

philtrat: Wie waren die Reaktionen?

Gingold: Nachdem dieser Brief veröffentlicht wurde, am 23. April, habe ich unaufhörlich Anrufe bekommen mit Zustimmungen und ein Fax nach dem anderen. Jeden Tag kriege ich Berge von Briefen aus allen Teilen Deutschlands, von Professoren, Schriftstellern, Menschen unterschiedlichster Richtung. Einer der Professoren hat mir geschrieben, das wäre für ihn die wichtigste Aussage gegen diesen Krieg. Und ich habe so rührende Mitteilungen bekommen – ich muß sagen, es war einfach überwältigend!

Außerdem ist der Brief weiterverbreitet worden. Bei den Demonstrationen gegen den Krieg in Bonn, Kassel und vor allen Dingen Bremen wurde dieser Brief kopiert und verteilt. Ludwig Baumann, der ja bekannt ist als der Leiter des Deserteurenverbandes, einer der bekanntesten Deserteure aus dem Zweiten Weltkrieg, rief mich sofort an und sagte, er stehe jeden Abend an der Mahnwache in Bremen und verteile diesen Brief. Sogar als Plakat bei Demonstrationen wird der Brief vorangetragen.

philtrat: Der Brief bezieht sich immer wieder auf die UNO und beklagt, daß sie nicht entsprechend eingesetzt wurde. Die UNO wird sogar als „antifaschistisch“ bezeichnet. Wo ist da der Zusammenhang?

Gingold: Die UNO wurde ja geschaffen, um in Zukunft Gewalt und Kriege zu verhindern. Das steht so ungefähr auch in der Charta, das haben wir in der Anzeige auch zitiert. Letzten Endes ist das eine Errungenschaft des Widerstands gegen den Nazi-Faschismus. Durch den 8. Mai, die Anti-Hitler-Koalition und den Widerstand in ganz Europa, durch den der Nazi-Faschismus niedergerungen wurde – unter unermesslichen Opfern -, kam es zur Gründung der UNO. Wir sehen die UNO als eine Errungenschaft des antifaschistischen Widerstands.

philtrat: Allerdings können auch mit der UNO Kriege geführt werden. Die USA haben das schon gemacht, im Golfkrieg 1991 zum Beispiel. Das war formal durch die UNO abgesegnet.

Gingold: Das würde ich auch so sehen, daß die UNO auch für so etwas mißbraucht wurde. Dagegen haben wir damals auch protestiert. Aber diesmal läuft ja ein Krieg mit Ausschaltung der UNO, ohne Auftrag der UNO oder der OSZE. Mit der Absicht, daß nur noch die NATO das Sagen hat und die UNO als eine Einrichtung zur Verhinderung von Kriegen für alle Zukunft ausgeschaltet werden soll.

philtrat: An anderer Stelle beziehen sie sich auf das sogenannte Münchner Diktat von 1938 und die Aufteilung der Tschechoslowakai. Ist das vergleichbar mit heute?

Gingold: Man hat mit dem Münchner Abkommen Hitler dazu ermutigt, überhaupt den Krieg vorzubereiten. Das muß man einfach so sehen. Der Unterschied zu Jugoslawien besteht auch darin, daß Milosevic ja nicht angetreten ist, die Welt zu erobern, mit einem Vernichtungs-, Ausplünderungs- und Eroberungsfeldzug. Man kann ihn einschätzen wie man will, von mir aus kann man ihn als Kriegsverbrecher bezeichnen, aber er ist ja nicht angetreten, nach der Weltmacht zu greifen. Er hat kein einziges NATO-Land überfallen.

Außerdem wird häufig argumentiert, der Krieg sei von Seiten der Alliierten und des Widerstands ein gerechter Krieg gewesen. Daran habe ich mich ja auch beteiligt, gegen Hitler-Deutschland, und es war fürwahr ein gerechter Krieg. Dann werden Vergleiche mit dem Krieg gegen Jugoslawien gezogen, als wäre der Krieg gegen Jugoslawien auch ein gerechter Krieg, weil es darum ginge, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Sicherlich werden Menschenrechte verletzt, aber der historische Vergleich ist einfach unmöglich.

philtrat: In Ihrem Brief ist die Rede vom „Münchner Diktat“, „mit dem die CSR zerstört wurde, wie heute Jugoslawien zerstört werden soll“.

Gingold: Als es in den Rambouillet-Verhandlungen darum ging, daß die jugoslawische Regierung das Abkommen unterschreiben soll, gab es das Diktat, das Ultimatum „entweder ihr unterschreibt alles, oder es wird bombardiert“. Wenn sie alles unterschrieben hätten, wäre das im Grunde genommen eine totale Kapitulation gewesen, das heißt ganz Jugoslawien sollte durch NATO-Truppen besetzt werden. In München hatte Hitler gedroht, entweder wird ein Teil der Tschechoslowakei ausgeliefert, oder es kommt zum Krieg.

philtrat: Ist das vergleichbar?

Gingold: Sehr vergleichbar. Es ist daran zu erinnern, daß mit dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 sich die Ministerpräsidenten Frankreichs und Englands mit Hitler und Mussolini darauf einigten, die Regierung der Tschechoslowakei zu zwingen, bedingungslos alle Forderungen Hitlers gegenüber der CSR zu akzeptieren, so vor allem die Abtretung des Sudetengebietes an Deutschland. Unter Androhung eines Krieges beugte sich die Regierung der CSR dem Diktat, dem Ultimatum. Also insofern vergleichbar mit dem Diktat in Rambouillet, als unter Androhung der Bombardierung die totale Kapitulation gegenüber der NATO verlangt war, nur daß die jugoslawische Regierung sich dem nicht unterworfen hat.


Autor: Dirk Eckert