Ist es wirklich in Israels Interesse, die Unesco zu verlassen?

Israel folgte den USA, die sich wegen "fortgesetzten anti-israelischen Vorurteilen bei der Unesco" aus der UN-Kulturorganisation ausklinkten

Telepolis, 06.11.2017

Telepolis

Als die US-Regierung den Rückzug aus der UN-Kulturorganisation Unesco bekannt gab, begründete[1] sie das auch mit „fortgesetzten anti-israelischen Vorurteilen bei der Unesco“. Das hatten auch israelische Politiker immer wieder beklagt. Daher kündigte die israelische Regierung am selben Tag ebenfalls den Austritt aus der Organisation an (Die USA verlassen die Unesco[2]), die unter anderem für ihr Weltkulturerbe-Liste bekannt ist.

Keiner wunderte sich, warum bei dieser Sachlage nicht Israel zuerst aus der Unesco ausgetreten ist. Stattdessen feierten einschlägige pro-israelische Blogger und Medien die Trump-Entscheidung als großartige Unterstützung von Israel. „Die Unesco hat sich zuletzt immer stärker von einer Kultur- und Bildungsorganisation in ein Kampf- und Propagandainstrument gegen Israel verwandelt“, behauptete[3] „Audiatur Online“. „Tatsächlich scheint gegenwärtig die beste Möglichkeit, der Israelfeindlichkeit in Uno-Einrichtungen etwas Substanzielles entgegenzusetzen, der Austritt aus ihnen zu sein.“

Der Publizist Wolfram Weimer sah auf der „Achse des Guten“[4] bei den Vereinten Nationen gleich eine ganze Verschwörung am Werk: „Vor allem islamistische und links-ökologische Positionen haben in der UNESCO starke Seilschaften gebildet, um ihre Weltanschauungen zu propagieren. So werden aggressive Israel-Kritik, ökologische Aktivisten und Genderthemen eifrig voran getrieben.“

Weniger an die Grünen als an die Römer erinnert fühlte[5] sich der Blog „Tapfer im Nirgendwo“: Schon länger leugne die Unesco „die Wichtigkeit des Judentums für Jerusalem und führt einen Krieg fort, den das Römische Reich vor zweitausend Jahren gegen Israel begann“. Und auch die taz fand[6]: „Israels geplanter Austritt ist die logische Konsequenz, die der Serie einseitiger und blinder Entscheidungen folgen musste.“

Unesco in der Kritik

Tatsächlich beklagt Israel seit Jahren eine feindliche Haltung[7] der Unesco. 2011 etwa nahm die UN-Organisation Palästina als Vollmitglied auf. Ob das antiisraelisch ist, kann man zwar bezweifeln: Wer eine Zweistaatenlösung und einen Staat Palästina an der Seite Israels im Interesse von Israel für geboten hält, sollte auch nichts gegen die Aufnahme Palästinas in die Unesco haben. Aber die israelische Regierung stufte das als unfreundlichen Akt ein und hatte dabei auch die Unterstützung der Obama-Regierung, die die Zahlungen der USA an die Unesco einstellte.

Andere Resolutionen sind tatsächlich gegen Israel und zur Unterstützung der palästinensischen Seite gedacht: So verabschiedete das Welterbekomitee im Oktober 2016 eine Resolution zum Jerusalemer Tempelberg, der nur den islamischen Namen „al-haram asch-scharif“ enthielt und jeden jüdischen Bezug vermied. Nach Protesten wurde eine entschärfte Version verabschiedet, in der immerhin die Klagemauer vorkam.

Als „Besatzungsmacht“ in Jerusalem wurde Israel in einer anderen Resolution vom Mai 2017 bezeichnet, was dort für Protest sorgte, weil Israel Jerusalem als Hauptstadt und damit per definitionem nicht unter Besatzung ansieht.

Hebron ohne Judentum

Richtig empört war Israel aber, als die Unesco im Juli 2017 Hebron und das Grab der Patriarchen zum palästinensischen Welterbe erklärte[8], ohne die jüdische Geschichte zu erwähnen[9]. In dem entsprechenden Nominierungs-Dokument[10] ist nur davon die Rede, das Hebron für Juden, Christen und Moslem ein heiliger Ort sei.

Ansonsten aber wird die Geschichte der Stadt von den Persern zum Hellenismus bis zu den Römern nur über die Herrscher definiert (auf Seite 54). Letztere, heißt es dort, hätten die Stadt zweimal zerstört, unter Vespasian und Hadrian beim Bar-Kochba-Aufstand. Dessen Nennung ist übrigens die einzige wörtliche Erwähnung des Judentums in Hebron, was man als Spitze gegen Israel lesen darf.

Premierminister Benjamin Netanjahu kritisierte in seiner Rede[11] vor den Vereinten Nationen das Auslassen der Juden sarkastisch-treffend als „fake history“: „Darüber können Sie im neuesten Unesco-Report nichts lesen, aber wenn Sie wollen, in einer etwas gewichtigeren Publikation. Sie heißt ‚Die Bibel‘. Ich kann sie nur empfehlen. Ich habe gehört, sie hat viereinhalb Sterne bei Amazon.“

Israelische Kultur weltweit anerkannt

Der Nahost-Konflikt hat also die Unesco erreicht und Israel musste hier Niederlagen einstecken. Und nun? Interessanterweise haben alle Kommentatoren, die sich so engagiert für den Austritt Israels aus der Unesco aussprechen, akribisch die Israel-feindlichen Aktivitäten der Unesco aufgelistet – und zugleich völlig ignoriert, was die Unesco für Israel gebracht hat. So fehlte dann auch jede Abwägung, ob sich ein Austritt aus der Unesco für Israel unterm Strich lohnt. Oder ob sich Israel damit sozusagen ins eigene Fleisch schneidet.

Man nehme nur mal die Welterbekonvention, der Israel 1999 beigetreten ist: Seither wurden neun Stätten als Weltkulturerbe anerkannt[12]. 18 weiter stehen auf der Liste[13] möglicher weiterer Welterbe-Stätten. Anerkannt sind Zeugnisse aus allen Zeiten menschlicher Besiedlung: Die Höhlen im Karmelgebirge etwa zeugen von Neandertalern. Seit der Bronzezeit besiedelt ist Akkon am Nordrand der Bucht von Haifa, seine Altstadt ist seit 2001 Welterbe. Die Ortschaften Megiddo, Hasor und Be’er Scheva sind aus der Bibel bekannt und ihre Überreste mittlerweile entdeckt und ausgegraben. Ein Zeugnis der jüdischen Geschichte ist auch die Festung Masada am Toten Meer, die 2001 als Weltkulturerbe anerkannt wurde.

Die Unesco hat also anerkannt, was in der arabischen Welt immer noch aus politischen Gründen bestritten wird: Es gibt eine jüdische Vergangenheit in Palästina und auch eine Gegenwart, symbolisiert etwa durch die Weiße Stadt von Tel Aviv mit ihrer Bauhaus-Architektur. Was die meist aus Deutschland geflohenen jüdischen Architekten dort im 20. Jahrhundert geschaffen haben, ist seit 2003 Unesco-Weltkulturerbe. Sie sind damit „von außergewöhnlicher Bedeutung“ und müssen „daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden“, wie es in der 1975 in Kraft getretenen Welterbekonvention[14] heißt.

„Reflexartiger Hass“

Und das sind nur einige der bisher anerkannten jüdischen Stätten. Weitere Kandidaten sind frühe Synagogen aus Galiläa, der See Genezareth und Umgebung, das antike Caesarea sowie die ersten Kibbutzim, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch wenn das politische Israel den amerikanisch-israelischen Austritt aus der Unesco begrüßte, gibt es deshalb auch nachdenkliche Stimmen.

So schrieb[15] Seth J. Frantzman[16] in der Jerusalem Post, israelische Politiker hätten so viele populistische Attacken auf die Unesco gefahren, dass viele Israelis einen „reflexartigen Hass“ hätten und gar nicht realisierten, dass diese Organisation mit der Nekropole von Bet Sche’arim die jüdische religiöse Erneuerung und mit Masada die jüdische Geschichte anerkannt hätten. Ein Rückzug sei bei aller berechtigten Kritik „der falsche Weg, den Ärger auszudrücken und wird nicht den erwünschten Erfolg haben“: „Israel ist in einer anderen Position als die USA. Denn es ist in Israels Interesse, mehr Weltkulturerbe-Stätten zu bekommen.“

Frantzman plädiert dafür, sich mehr in der Unesco zu engagieren. Gerade nach der Wahl der französischen Ex-Ministerin Audrey Azulay zur neuen Unesco-Chefin sei ein Rückzug völlig falsch, argumentiert er, denn die 45-Jährige hat jüdisch-marokkanische Wurzeln und gilt auch in Israel als ideale Besetzung. Man solle die neue Direktorin einladen, um ihr zu zeigen, wie Israel die Weiße Stadt bewahrt, schlug Frantzman vor. Israel solle andere Länder bei der Denkmalpflege unterstützen und so Versuche kontern, jüdische Geschichte etwa in Hebron verschwinden zu lassen. Es sei nun mal eine Tatsache, dass die Palästinenser eine automatische Mehrheit bei der Unesco hätten und es wäre merkwürdig, wenn sie diese nicht nutzen würden, gibt er zu bedenken. Die Frage sei aber, wie Israel damit umgeht:

Statt gegen die Palästinenser zu arbeiten, sollte sich Israel für gemeinsame archäologische Arbeit einsetzen, im Sinne der Verpflichtung der Unesco für Frieden, Bildung und Kultur. Unterstützt man die palästinensische Arbeit, kann Israel seine Kooperation herausstellen und zahlreiche Stätten von seiner eigenen Warteliste durchbringen.

Überraschtes Israel

Möglicherweise sehen das auch andere israelische Politiker so. Offiziell loben zwar alle Trumps Entscheidung. Aber hatte Israel eine andere Wahl, als jubelnd zuzustimmen und ebenfalls die Unesco zu verlassen? Dass es hinter den Kulissen anders aussah, berichtete[17] jedenfalls die Zeitung Haaretz unter Berufung auf namentlich nicht genannte Regierungskreise. Demnach hatten die USA Israel über ihren „pro-israelischen“ Schritt vorher gar nicht informiert. Netanjahu habe dann seine Reaktion in einer wenige Minuten dauernden Telefonkonferenz mit seinen Beratern und Mitarbeitern des Außenministeriums getroffen. Darin hieß[18] es:

„Wir hoffen, dass die Organisation einen anderen Weg einschlagen wird, aber wir setzen darauf nicht unsere Hoffnungen, daher bleibt meine Anweisung, die Organisation zu verlassen, bestehen, und wir werden uns daran machen, dies umzusetzen.“

Es ist also bislang nur eine Ankündigung, deren Umsetzung noch aussteht. Das war vielleicht nicht das dümmste, was die israelische Regierung in dieser Situation tun konnte, in die sie Donald Trump offenbar gebracht hatte.

Links in diesem Artikel:

[1] https://www.state.gov/r/pa/prs/ps/2017/10/274748.htm
[2] https://www.heise.de/tp/features/Die-USA-verlassen-die-Unesco-3860798.html
[3] https://www.audiatur-online.ch/2017/10/17/austritte-aus-der-unesco-warum-die-usa-und-israel-richtig-handeln/
[4] http://www.achgut.com/artikel/die_unesco_ist_korrupt_und_ideologisch
[5] https://tapferimnirgendwo.com/2017/10/12/die-usa-und-israel-treten-aus-der-unesco-aus/
[6] http://www.taz.de/!5452657/
[7] http://www.haaretz.com/israel-news/1.816955
[8] http://www.haaretz.com/israel-news/1.800138
[9] http://whc.unesco.org/en/news/1685/
[10] http://whc.unesco.org/document/159613
[11] http://www.haaretz.com/israel-news/1.813336
[12] http://de.wikipedia.org/wiki/Welterbe_in_Israel
[13] http://whc.unesco.org/en/tentativelists/state=il
[14] http://www.unesco.de/infothek/dokumente/uebereinkommen/welterbe-konvention.html
[15] http://www.jpost.com/Opinion/Israel-and-US-should-work-with-new-UNESCO-head-end-opposition-507498
[16] http://sethfrantzman.com
[17] https://www.haaretz.com/israel-news/1.817213
[18] http://embassies.gov.il/berlin/NewsAndEvents/Pages/Israel-kuendigt-Austritt-aus-UNESCO-an.aspx

 


Autor: Dirk Eckert

Quelle: http://www.heise.de/-3879469