Waffenfabriken des Islamischen Staats in Mossul

Die Wahrnehmung der Kämpfe in Aleppo und Mossul unterscheidet sich deutlich in der westlichen Öffentlichkeit

Telepolis, 16.12.2016

Telepolis

Seit ziemlich genau zwei Monaten läuft die Offensive der irakischen Armee, mit der der Islamische Staat (IS) aus Mossul vertrieben werden soll. Das Ziel ist längst nicht erreicht, aber Teile der Stadt sind bereits zurückerobert. Das ermöglicht Einblicke in die Funktionsweise des Dschihadisten-Regimes: Waffenexperten haben jetzt Fabriken untersucht, die den Gotteskriegern zur Rüstungsproduktion dienten. Ihr Befund, veröffentlicht in einem Report[1] der Gruppe Conflict Armament Research (CAR), zeigt: Die Islamisten haben Mörser, Raketen etc. in industriellem Stil hergestellt.

Recherche im ehemaligen Kalifatsgebiet

Vom 11. bis zum 16. November 2016 war ein CAR-Team mit der irakischen Armee im Osten Mossuls unterwegs. Eigentlich sollten die Experten anhand von verschossener Munition und anderem untersuchen, welche Waffen die Islamisten verwenden. Doch dann stieß die Gruppe auf sechs Waffenfabriken. Was sie dort vorfanden, war ihrer Einschätzung nach eine industrielle, komplexe und zentral organisierte Produktion.

Das war für die CAR-Experten neu, hatten sie doch in ihren bisherigen Untersuchungen nur von „semi-industrieller“ Waffenproduktion beim Islamischen Staat gesprochen. Bisher hatten sie die IS-Forschung mit Drohnen[2] in Ramadi und eine Waffenfabrik[3] in Falludscha untersucht.

Waffenfabriken in Mossul

Zur IS-Waffenproduktion gehören demnach zentrale Pläne und Qualitätsvorgaben, arbeitsteilige Produktion in verschiedenen Fabriken sowie eine Kontrollinstanz, die den Produktionsprozess überwacht: die Central Organisation for Standardisation and Quality Control (COSQC). Diese untersteht dem Soldiers‘ Bureau, Committee for Military Development and Production. Durch die straffe Organisation habe der IS Effizienz und Schnelligkeit erreicht: Noch im Oktober 2016 seien Mörsergeschosse produziert worden, wie die Kennzeichnung beweise. Doch die Art der Waffenproduktion habe nicht nur militärisch-ökonomische Gründe, schreiben die CAR-Experten:

Auch wenn die Befunde technischer Natur sind, müssen sie auch im Kontext der politischen Ambitionen des IS gesehen werden. Die Gruppierung will Vertrauen bei ihren Kämpfern wecken, dass sie eine „Staats“-Verwaltung aufgebaut haben. Einheitliche Farben, Namensgebung und Nummerierung von Waffen und Munition sind dafür entscheidend.

Der IS legt nach den Erkenntnissen der CAR-Experten Wert auf eine einheitliche Qualität der verwendeten Ausgangsmaterialien. Das sollte einheitliche Ergebnisse, also einen gleichbleibenden Standard der produzierten Waffen, garantieren. Der türkische Inlandsmarkt sei dabei die Hauptquelle, die Versorgung laufe von der Türkei über syrisches Gebiet nach Mossul. Sichergestellt wurden verschiedene Säcke und Behälter, etwa für Kaliumnitrat, Zucker oder Schmierfett, die türkische Warenbezeichnungen und Herstellerangaben hatten:

Neben dem lokal verfügbaren Material wie Stahl bezieht der IS die meisten seiner Produkte zur Herstellung explosiver Waffen aus der Türkei. Das zeigt, dass die Organisation in der Türkei ein größeres Einkaufsnetzwerk hat und dass es zweitens eine Versorgungsroute von der Türkei durch Syrien in den Irak gibt.

In dieselbe Richtung wie der CAR-Bericht gehen Recherchen der Zeit[4]. Demnach setzt der IS in Mossul Roboter ein, um feindliche Kampfflugzeuge in die Irre zu führen. Mit Hilfe von Propangas würden die Roboter das Mündungsfeuer schwerer Waffen simulieren. Ein Sprecher der Anti-IS-Koalition bestätigte, dass die Islamisten alles daran setzten, Ablenkungsmanöver effektiv durchzuführen.

Die Wochenzeitung beruft sich auf ein internes IS-Memo, das in der nordsyrischen Stadt Manbidsch (Manbij) gefunden wurde, als der IS dort im August vertrieben wurde. Dort hätten sich auch Hinweise gefunden, dass der IS an der Entwicklung von Drohnen arbeitet. Der IS sei inzwischen in der Lage, ein komplettes Minenfeld durch fliegende Kameras zu überwachen und die einzelnen Sprengsätze gezielt zu zünden.

Die Operation der irakischen Armee in Mossul hatte am 17. Oktober 2016 begonnen. Der Islamische Staat hält die Stadt seit mehr als zwei Jahren besetzt. In einer dortigen Moschee hatte ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi seinen bisher einzigen öffentlichen Auftritt als Kalif. Die nordirakische Stadt hat also für die Islamisten hohe symbolische Bedeutung, aber nicht nur für sie.

„Iraks Armee und Polizeikräfte wollen die Scharte auswetzen, die ihnen der IS im Juni 2014 zufügte, als 1.500 IS-Dschihadisten Mossul nahezu ohne Gegenwehr eroberten und 60.000 irakische Soldaten und Polizisten kampflos flohen“, schreibt[5] der Islamwissenschaftler Wilfried Buchta.

So rückt die irakische Armee mit 40.000 Mann an. Hinzu kommen die schiitischen „Volksmobilisierungseinheiten“, die bis zu 100.000 Mann aufbieten können, außerdem Peschmerga, also Streitkräfte der autonomen Kurdenregion im Nordirak, und amerikanische Militärberater. Die Zahl der IS-Kämpfer wird auf 4000-5000 geschätzt. Doch auch wenn die Übermacht des irakischen Staates theoretisch überwältigend ist – bislang hat die irakische Armee ihr Ziel nicht erreicht, noch immer hält sich der IS. Lediglich ein Viertel[6] der Stadt soll bislang eingenommen sein.

Hartnäckiger IS-Kampf

Zwar ist die Stadt mittlerweile eingekreist und der IS damit von allen Nachschubwegen abgeschnitten. Berichtet wird aber von Häuserkämpfen und Heckenschützen, die das Vorrücken erschweren. Hinzu kommen Selbstmordattentäter, Straßenblockaden, Autobomben, Sprengfallen und unterirdische Tunnel, die die Dschihadisten unter der Stadt angelegt haben sollen. Auch über Chlor- und Senfgas in minderer Qualität soll der IS verfügen.

Die Zahl der Todesopfer der irakischen Armee und der kurdischen Peschmerga sollen in die Hunderte gehen. Dass sie hoch ist, lässt sich vermuten, weil die irakische Regierung dazu keine Auskunft gibt. Journalisten ist die Reise nach Mossul untersagt. Ein genaues Bild ist zur Zeit kaum möglich. Berichten[7] zufolge harren in Mossul eine Millionen Menschen aus, Benzin, Wasser und Lebensmittel werden knapp.

Interessanterweise hält US-Verteidigungsminister Ashton Carter einen Sieg in Mossul bis zur Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten am 20. Januar 2017 dennoch für möglich[8]. Der ursprüngliche Zeitplan des irakischen Premiers Haider al-Abadi dürfte jedenfalls nicht mehr zu halten sein, wonach Mossul bis Jahresende eingenommen sein soll. Ein Armeesprecher sagte, er hoffe, die Armee rücke mit derselben Geschwindigkeit vor wie bislang. Das bedeute, wie die Nachrichtenagentur Reuters ausrechnete[9], dass Mossul frühestens Ende Januar erobert ist.

Mossul – Aleppo: Zwei Offensiven, zwei Wahrnehmungen

Schwierig zu beurteilen ist, wie weit das Vorgehen der irakischen Armee in Mossul dem syrisch-russischen in Aleppo, das ja international scharf kritisiert worden war, gleicht oder sich davon unterscheidet. Die drastischeren Bilder gibt es auf jeden Fall aus Aleppo, wo Assad und Putin brutal, aber am Ende im Sinne der Herrschaftssicherung effektiv vorgegangen sind. Aus Mossul gibt es weniger Bilder, Statistiken des Journalistenprojekts „Airwars“[10], das Luftangriffe in Syrien und im Irak erfasst, zeigen, dass nicht nur russische Flugzeuge in Syrien, sondern auch die USA und ihre Verbündeten im Irak Luftangriffe fliegen.

Die meisten zivilen Opfer gehen demnach auf russische Luftangriffe zurück, für Oktober und November verzeichnet die Statistik 133 und 215 zivile Opfer, bei 45 und 73 Opfern der Anti-IS-Koalition in Syrien und Irak. Dass auch dort Zivilisten getroffen werden, zeigte sich zum Beispiel bei Beginn der Mossul-Offensive Ende Oktober: So wurden bei einem US-Luftangriff[11] bei Mossul acht Angehörige einer Familie getötet. Kürzlich gab es auch Berichte[12] über Angriffe der irakischen Armee auf ein Krankenhaus, das dem IS als Stellung dienen soll.

Deutlich unterscheidet sich aber die Wahrnehmung von Aleppo und Mossul in der westlichen Öffentlichkeit. Während der Kampf der irakischen Armee korrekt als Kampf gegen eine islamistische Terrororganisation dargestellt wird, sprachen deutsche Medien bei Aleppo fast unisono von Rebellen. Unter den Tisch fiel dabei, dass im von Assad belagerten Teil von Aleppo islamistische Verbände[13] das Sagen hatten.

Von daher trifft die Schriftstellerin Daniela Dahn durchaus den Punkt, wenn sie moniert[14], dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird: In Mossul werden die Verbrechen des IS dargestellt, man erfährt, dass „die Terroristen in Mossul Zivilisten als Schutzschilde nehmen“. Nicht so in Syrien: „Nie hat man Vergleichbares von unseren mäßig gemäßigten Rebellen im Osten Aleppos gehört“, bemerkt Dahn.

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.conflictarm.com/download-file/?report_id=2454&file_id=2457
[2] http://www.conflictarm.com/download-file/?report_id=2416&file_id=2417
[3] http://www.conflictarm.com/download-file/?report_id=2391&file_id=2396
[4] http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-12/mossul-islamischer-staat-militaer-know-how-roboter
[5] https://www.baks.bund.de/sites/baks010/files/arbeitspapier_sicherheitspolitik_2016-29.pdf
[6] http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-iraq-weapons-idUSKBN143007
[7] http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-iraq-idUSKBN13Z0G9
[8] http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-iraq-usa-idUSKBN14008T
[9] http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-iraq-idUSKBN13Z0G9
[10] https://airwars.org
[11] https://www.theguardian.com/world/2016/nov/01/mosul-family-killed-us-airstrike-iraq
[12] http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-iraq-idUSKBN13Z0G9
[13] https://www.heise.de/-3567585.html
[14] https://www.freitag.de/autoren/daniela-dahn/die-guten-und-die-boesen


Autor: Dirk Eckert

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Waffenfabriken-des-Islamischen-Staats-in-Mossul-3572971.html