Ausstellung in Halle: Krieg als Kulturprodukt

Kriege gibt es erst seit der Jungsteinzeit. Sie sind eine Erfindung des Menschen. Archäologen sehen sie deshalb als kulturelles Phänomen.

Impuls (SWR2), 11.01.2016

Radio SWR2

Anmoderation:

Warum gibt es eigentlich Krieg? Auf diese einfache Frage hat die Wissenschaft bisher die unterschiedlichsten Antworten gefunden. Manchen meinen, dass Menschen eben von Natur aus aggressiv und gewalttätig sind. Andere argumentieren, die Anarchie der Staatenwelt sei die Ursache für Krieg. Die Archäologie gibt eine ganz andere Erklärung. Sie setzt auf Ausgrabungen, und die Fundlage ist eindeutig, wie jetzt eine Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt:

Manuskript Dirk Eckert:

Kriege gibt es erst seit der Jungsteinzeit, dem Neolithikum. Krieg ist also eine Erfindung des Menschen. Jahrtausende hat der moderne Homo sapiens die Erde bevölkert – ohne Kriege zu führen. Der Archäologe Michael Schefzik vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle:

O-Ton Schefzik:

„Damit ist auch klar, dass Krieg ein kulturelles Phänomen ist. Der Mensch ist nicht verdammt, aus seinen genetischen Anlagen heraus, Krieg zu führen. Er kann das, unter bestimmten Voraussetzungen. Aber diese bestimmten Voraussetzungen müssen eben gegeben sein. Und damit ist es ein kulturelles Phänomen.“

Gewalt unter Menschen gibt es zwar schon immer. Spanische Archäologen haben zum Beispiel einen 400.000 Jahre alten Schädel gefunden, der zwei tiefe Einschlaglöcher hat. Möglicherweise ist das der erste nachgewiesene Mord der Menschheitsgeschichte. Doch Kriege als geplante, organisierte und gewalttätig ausgetragene Gruppenkonflikte, in denen das Töten der Gegner legitim ist, lassen sich erst seit der Jungsteinzeit nachweisen. Michael Schefzik:

O-Ton Schefzik:

„Krieg kann man erst feststellen ab der Jungsteinzeit, ab der Neolithisierung. Also in Mitteleuropa etwa 5500 vor Christi Geburt beginnt es mit Ackerbau und Viehzucht, die Menschen werden sesshaft, es kommt zu einem enormen Bevölkerungszuwachs, Hierarchien bilden sich aus. Ressourcen werden angehäuft und stellenweise auch knapp. Und man ist an die eigene Scholle gebunden, durch die Felder, die man bestellen muss und schützen muss, in denen man aussäht, und Monate später die Ernte einbringt.“

In der Jungsteinzeit tauchten erstmals Kriegswaffen auf. Zum Beispiel Holzkeulen, die teilweise heutigen Baseballschlägern verblüffend ähnlich sind. Oder Schwerter, Beile und Streitäxte, die zum Fällen von Bäumen völlig ungeeignet waren. Solche Waffen wurden nun auch als Grabbeigaben verwendet. Auch das war neu, voher wurde den Toten eher Schmuck oder Nahrung als Wegzehrung mitgegeben. Für die Archäologie sind die Waffen als Grabbeigaben ein Hinweis darauf, dass sich die Menschen nun als Krieger verstanden.

O-Ton Schefzik:

„Man kann praktisch jedes Gerät, jede Jagdwaffe, jedes Werkzeug, zum Töten von Menschen verwenden. Und das ist auch immer so gemacht worden. Aber: Mit dem Neolithikum kommen jetzt erstmals Geräte, die keinen anderen Zweck erfüllen können als Menschen zu töten. Und das sind zum Beispiel diese Steinkeulen, die an einen Holzstiel geschaftet waren, oder aber auch reine Holzkeulen, von denen wir hier ein Drittel des gesamteuropäischen Bestandes zusammengetragen haben, ganz interessante Stücke.“

Menschliche Siedlungen weisen ab der Jungsteinzeit Befestigungen auf. Offenbar war der Schutz nötig, um sich gegen Überfälle zu sichern. Ebenfalls ab der Jungsteinzeit gibt es Schlachtfelder mit Überresten wie Pfeilspitzen oder später Gewehrkugeln. Und es gibt Massengräber mit Toten, deren Skelette auf Kriegsverletzungen schließen lassen. Die Archäologen aus Halle haben ein solches Massengrab mit 47 Toten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ausgegraben. Es stammt aus der Schlacht von Lützen, wo sich 1632 die Truppen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf und des kaiserlichen Generals Albrecht von Wallenstein gegenüberstanden. Die Archäologin Anja Grothe:

O-Ton Grothe:

„Und diese 47 kennen wir inzwischen durch die Untersuchungen von archäologischer und anthropololgischer Seite eben sehr genau. Und können im Prinzip dann auch ein sehr genaues Bild jedes einzelnen Individuums nachzeichnen. Einmal, was sein Leben angeht, nämlich die Lebensumstände, unter denen die Soldaten zu leben und zu leiden hatten. Und dann natürlich auch die Todesursachen, die sich eben ganz besonders an den Schädeln der Soldaten zeigen. Mehr als die Hälfte ist durch Kopfschüsse von Reiterpistolen und Reiterwaffen getötet worden an jenem Tag.“

Das Massengrab mit seinen 47 Toten ist heute im Museum in Halle konserviert. Es zeigt, dass der Krieg, das grausame Erbe der Jungsteinzeit, noch immer seine Opfer fordert. Pessimisten würden jetzt sagen, dass wir mit Krieg leider genau so leben müssen wie mit den guten Seiten der neolithischen Revolution. Ein Zurück in die Zeit vor Sesshaftigkeit und Ackerbau ist ja wohl nicht möglich. Andererseits beweisen viele Friedensverträge, dass Kriege kein Schicksal sind, sondern auch beendet werden können. Hierauf setzt jedenfalls Michael Schefzik seine Hoffnung:

O-Ton Schefzik:

„Menschen sind in der Lage, zu kommunizieren. Und Menschen sind in der Lage, sich zu versöhnen. Und das sind die Grundvoraussetzungen, um gewalttätige Konflikte und Krieg zu vermeiden. Menschen können deeskalieren, sie müsen es nur wollen und tun. Und wenn man Glück hat, dann passiert eben dies. Und wenn man Pech hat, dann greift der Mensch leider immer wieder – oder Teile der Menschen -, zu dieser anderen Option, nämlich Krieg.“

ENDE


Autor: Dirk Eckert

MP3: http://mp3-download.swr.de/swr2/impuls/beitraege/2016/01/11-krieg-als-kulturprodukt.12844s.mp3