Rheintal will Ruhe

Die Rheinstädte beschweren sich über zunehmenden Bahnlärm im Rheintal. Der Bund muss die Modernisierung der Züge finanzieren, fordert die Bahn AG. Lärmgegner: Bahn macht, was sie will

taz nrw, 30.03.2007, S. 1

taz nrw

38 Rheinanlieger-Städte zwischen Köln und Mainz fordern mehr Geld für den Lärmschutz. „Das Tempo der Sanierung muss deutlich erhöht werden“, sagt Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD). Immer mehr Anwohner würden sich über den Zugverkehr im Rheintal beschweren. Bahn AG und Bundesregierung müssten mehr in Lärmschutz investieren und die Züge modernisieren. Außerdem sollten Betreiber mit lauten Wagen durch eine Lärmmaut zur Kasse zu gebeten werden.

Vor allem der zunehmende Güterverkehr, den Bahn-Chef Hartmut Mehdorn gestern in Berlin bei der Vorstellung der Jahresbilanz als einen Grund für den Unternehmenserfolg feierte, stört die Bahnanrainer. Entlang des Rheins fahren nach Angaben der Kommunen mittlerweile täglich 250 Güterzüge rechtsrheinisch und 80 linksrheinisch. In Bonn etwa sind laut Stadt zwischen 16 und 17 Uhr fast ständig die Bahnschranken unten. „Da kann von Lebensqualität keine Rede mehr sein“, sagt eine Sprecherin. Beschwerden von Bürgern hätten massiv zugenommen. In einem diese Woche unterzeichneten Papier, der „Koblenzer Erklärung“, verlangen die Rheinstädte zwar ausdrücklich keine Reduzierung des Gütertransports. Es müsse aber alles getan werden, was technisch, wirtschaftlich und rechtlich möglich ist, um den Schienenlärm zu reduzieren.

Die Bahn zeigt Verständnis für die Kritik der Bahnanwohner. Um den Lärm effektiv zu reduzieren, seien jedoch Investitionen des Bundes in eine neue Bremstechnik nötig, argumentiert NRW-Bahnsprecher Gerd Felser. Die Kosten für die Umrüstung aller Züge mit der K-Sohle, auch „Flüsterbremse“ genannt, seien mit 600 Millionen Euro zu hoch, als dass die Bahn das alleine finanzieren könne. Schon jetzt helfe die Bahn, finanziert vom Bund, den Betroffen mit Lärmschutzwänden und -fenstern. Auch die Gleise würden so modernisiert. „Der Mittelrhein steht auf unserer Prioritätenliste ganz oben“, bekräftigt Felser. Auf diese Weise könne der Lärm bis zum Jahr 2020 halbiert werden.

Eine Maut für laute Züge lehnt die Bahn aber ab. „Das würde den Güterzug unrentabel machen“, kritisiert Felser. „Schon ein Waggon macht den ganzen Zug zu laut.“ Für eine Lärmmaut hat sich Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) ausgesprochen. Bei der Vorstellung des nationalen Verkehrslärmschutzpakets im Februar dieses Jahres hatte er allerdings nur Gespräche darüber mit der Bahn angekündigt. Die Kritik der Rheinstädte weist sein Ministerium zurück. „Wir unterstützen die Kommunen, die Lärmprobleme haben“, sagt Sprecherin Alexandra Dittmann. Die Gelder für Lärmschutzmaßnahmen seien von 75 Millionen Euro im Jahr 2005 auf 150 Millionen Euro für 2007 verdoppelt worden. Nächsten Montag will Tiefensee die „Flüsterbremse“ in Bingen gemeinsam mit Bahnchef Mehdorn öffentlichkeitswirksam vorstellen.

Der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm geht die versprochene Hilfe nicht weit genug. „Die Bahn macht, was sie will“, kritisiert Sprecher Gert Bork. „Jeder Privatbetrieb muss sich an die Lärmschutzverordnung halten, nur die Bahn nicht.“


Autor: DIRK ECKERT