„Freiwilligkeit funktioniert nicht“

Das Land darf Gleichstellung nicht den Hochschulen überlassen, sagt Gleichstellungsbeauftragte Marlies Diepelt

taz nrw, 02.01.2007, S. 2

Interview taz nrw

taz: Frau Diepelt, die Landesregierung will die Hochschulen besonders fördern, die viele Absolventinnen und Professorinnen haben. Sind Sie damit zufrieden?

Marlies Diepelt: Nein, leider wird in Zukunft bei der leistungsorientierten Mittelvergabe nur noch die Zahl der Absolventinnen berücksichtigt, nicht mehr der Professorinnen.

taz: Dafür wird die Zahl der Professorinnen beim Verteilen der Gelder aus dem Innovationsfonds berücksichtigt.

Marlies Diepelt: Ob die Verschlechterung dadurch aufgefangen werden kann, wird sich zeigen. Ich glaube aber nicht, dass diese Mittel ausreichen werden. Schließlich müsste noch viel mehr für Frauenförderung getan werden.

taz: Der Grundgedanke von Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart ist ja, auch bei der Gleichstellung nur auf Wettbewerb und Anreize zu setzen.

Marlies Diepelt: Das reicht nicht, das Land muss steuernd eingreifen. Wir, die Gleichstellungsbeauftragten vor Ort, können den Hochschulleitungen nur Vorschläge machen. Wenn das Land Mittel für die Umsetzung bereitstellen würde, wäre das sehr hilfreich. Wir brauchen eigenständige Förderprogramme für Wissenschaftlerinnen.

taz: Könnte ein Wettbewerb unter den Hochschulen nicht für neue Lösungen sorgen?

Marlies Diepelt: Das glaube ich in diesem Fall nicht. Den Wettbewerb haben wir ja immer schon. Ich arbeite an einer drittmittelstarken Hochschule und muss trotzdem jedes Jahr um Gelder zur Frauenförderung kämpfen. Immer kommen kurzfristige Investitionen dazwischen: für Großgeräte, Fachdisziplinen oder Neubauten. Frauen an den Hochschulen zu halten, ist dagegen eine langfristige Aufgabe.

taz: In vielen Fächern gibt es heute schon mehr Studentinnen als Studenten. Woran krankt die Gleichstellung?

Marlies Diepelt: Die meisten Frauen steigen nach dem Examen, spätestens nach der Promotion aus, weil sie eine Familie gründen wollen. Der Wissenschaftsbetrieb funktioniert nicht wie ein Industriebetrieb mit geregelten Arbeitszeiten. Seminare zum Beispiel finden häufig in den Abendstunden statt. Das ist sehr schlecht mit Familie und Erziehungsarbeit zu vereinbaren.

taz: Was schlagen Sie vor?

Marlies Diepelt: Der Gesetzgeber muss ran. Sonst passiert gar nichts. Teilzeitstellen, Job Sharing und Telearbeit müssen gefördert werden. Wir brauchen auch mehr Betreuungseinrichtungen. Das fehlt hier in Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern. Das Prinzip Freiwilligkeit funktioniert einfach nicht.

MARLIES DIEPELT, 57, ist Gleichstellungsbeauftragte der RWTH Aachen und Sprecherin der NRW-Gleichstellungsbeauftragten.


Autor: DIRK ECKERT