portrait

Der gescheiterte Verhandlungskünstler

taz, 02.01.2007, S. 2

taz - die tageszeitung

Viel Zeit lässt sich Martin Prager nie. Wenn der Anwalt für Insolvenzrecht einen Fall als Insolvenzverwalter übernimmt, dann muss es ganz schnell gehen – getreu seiner Devise, dass die ersten drei Tage für einen Insolvenzverwalter die wichtigsten sind. Und dass er keinesfalls mehr als drei Monate hat. Schnell, aber nicht hektisch. „Der Job eines Insolvenzverwalters ist es, Verhandlungskünstler zu sein“, sagt Prager.

Auch bei BenQ Mobile ist Prager so vorgegangen. Vor drei Monaten hatte das Amtsgericht München den promovierten Juristen aus der Kanzlei Pluta zum vorläufigen Insolvenzverwalter des Handybauers bestellt. Bis 1. Januar 2007 muss das Unternehmen schwarze Zahlen schreiben, sonst ist Schluss – daran ließ Prager von Anfang an keinen Zweifel. Sofort schickte er seine Anwälte in die Firmenzentrale von BenQ Mobile nach München und ins Werk nach Kamp-Lintfort in Nordrhein-Westfalen.

Der 51-jährige Familienvater wollte Entschlossenheit zeigen, die Kontrolle im Betrieb übernehmen und damit den Handyproduzenten noch retten. Deshalb stellte er sich schnell der Presse und ließ sich per Videokonferenz ins Werk von BenQ Mobile nach Kamp-Lintfort schalten, um die dortigen Beschäftigten zu beruhigen. Dabei präsentierte er sich tatsächlich freundlich, ruhig, besonnen und sogar witzig. Kurzfristig hatte er damit Erfolg. Die Produktion konnte vorläufig weitergehen.

Doch bald schlug Prager andere Töne an. Er kündigte ein radikales Sanierungsprogramm an. Von den 3.000 Arbeitsplätzen sollten erst 1.000 wegfallen, dann zum Entsetzen der Belegschaft sogar 2.000. Mit den verbliebenen 1.000 Mitarbeitern plante Prager, Handys für andere Hersteller zu entwickeln.

Ansprüche an den ehemaligen Mutterkonzern Siemens zu stellen, lehnte der in Baden-Baden geborene Österreicher dagegen von Anfang an ab. Viele Beschäftigte und Politiker hatten das gefordert, sie sahen den Konzern in der moralischen Verantwortung. Siemens hatte seine Handysparte erst ein Jahr zuvor an BenQ verkauft. Tatsächlich erklärte sich Siemens nach Verhandlungen mit der IG Metall bereit, einen Nothilfefonds einzurichten.

Prager setzte dagegen bis zuletzt auf einen Käufer, der den deutschen Handyhersteller übernimmt. Schließlich hatte er das auch in seinem bis dahin vielleicht interessantesten Fall geschafft: Für eine Nachfolgegesellschaft des gescheiterten Regionalflugzeugbauers Dornier in Oberpfaffenhofen fand er damals einen Investor, der immerhin 110 der 140 Mitarbeiter übernahm. Bei BenQ scheint ihm ein solcher Coup jedoch versagt zu bleiben.


Autor: DIRK ECKERT