ausbildungsplätze

Noch eine Lebenslüge

taz nrw, 12.09.2006, S. 1

Kommentar taz nrw

Guntram Schneider hat sich nicht sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Gerade mal 400 Euro Ausbildungsvergütung würde ein Lehrling im Rahmen des Ausbildungsprogrammes bekommen, das der NRW-Gewerkschaftschef von der Landesregierung fordert. Wenn der Vorschlag von der FDP gekommen wäre, hätten Gewerkschafter wahrscheinlich sofort einen verdeckten Einstieg in eine Billiglohnausbildung vermutet. Dass die Gewerkschaften so einen Vorschlag überhaupt machen, zeigt, wie dramatisch die Lage am Arbeitsmarkt ist: 57.000 junge Menschen werden nach Gewerkschaftsschätzungen in 2006 ohne Lehrstelle bleiben.

Doch nicht mal auf so eine Billiglösung will sich die schwarz-gelbe Landesregierung einlassen. Sie bleibt bei ihrem kategorischen Nein zu außerbetrieblicher Ausbildung. Arbeitsminister Laumann verweist stattdessen auf Projekte wie das „Externe Ausbildungsmanagement“, mit dem ausbildungswilligen Betrieben bei der Auswahl von Bewerbern geholfen werden soll. Neulich tourte er damit durch den Rhein-Erft-Kreis. Dort gibt es noch 480 offene Lehrstellen, die Manager sollen jetzt die Betriebe und mit ihren künftigen Lehrlingen zusammenbringen.

So sinnvoll solche Projekte auch sein mögen, sie lösen das Grundproblem nicht: Die Zahl der Ausbildungsplätze nimmt rapide ab und es gibt weit mehr Bewerber als offene Stellen. Doch das scheint die Schwarz-Gelben nicht zu kümmern. Wie schon bei den Arbeitslosen wird nun bei den Jugendlichen ohne Lehrstelle so getan, als wäre alles nur ein Vermittlungsproblem. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers muss sich jetzt entscheiden. Entweder er räumt auch hier auf mit den von ihm sonst gegeißelten Lebenslügen der Union: Mit Appellen an die Unternehmen, mehr auszubilden, ist es eben nicht getan ist. Oder er folgt seinem beton-liberalen Koalitionspartnern in dessen unerschütterlichen Glauben, dass der Markt alles von selbst regelt.


Autor: DIRK ECKERT