Open Air statt Grand Hotel

Das Geschäft mit der Zimmervermietung läuft schlechter als erwartet. Hotels und Pensionen fühlen sich als WM-Verlierer, weil die Fans sich für günstige alternative Unterkünfte entscheiden

taz nrw, 17.06.2006, S. 2

taz nrw

Die Welt zu Gast? Von wegen. Aus Sicht der Hotels und Pensionen in Nordrhein-Westfalen hat das Motto der Fußballweltmeisterschaft ein bisschen viel versprochen. Nach gut einer Woche WM ist bei ihnen Ernüchterung eingekehrt: Das große Geschäft mit der Zimmervermietung ist bislang ausgeblieben.

Mit gerade mal 20 Prozent mehr Gästen während der Weltmeisterschaft rechnet zum Beispiel der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Nordrhein inzwischen. Die Hotels in Köln und Umgebung sind nach Zählung des Wirtschaftsverbands im Schnitt zu 60 Prozent ausgelastet. Zwischen den Spieltagen beträgt die Auslastung nur 40 Prozent, an den Spieltagen steigt sie auf 75 Prozent. Komplett ausverkauft ist bisher eine einzige Nacht, wegen des Spiels England gegen Schweden am 20. Juni. Auch den anvisierten Zimmerpreis von 190 Euro pro Person und Nacht konnten die Hotels nicht halten: Gegenwärtig liegt der Durchschnittspreis bei 165 Euro.

„Die Erwartungen waren wohl zu hoch gesteckt“, räumt Christoph Becker, Geschäftsführer des Dehoga Nordrhein, ein. Dabei hat sein Verband noch Glück: Köln ist WM-Spielort, und dementsprechend kommt wenigstens das WM-Publikum. Die meisten anderen Gäste, mit denen im Juli normalerweise zu rechnen sei, blieben nämlich während der WM zuhause, erklärt Becker.

Die Hotels sehen den Grund für die leer stehenden Zimmer beim Weltfußballverband FIFA, der nicht so viele Tickets verkauft hat, wie angekündigt. Dominica Rudnick vom Renaissance Hotel in Bochum sagt: „Viele Fans aus Übersee haben auch kurzfristig abgesagt, weil sie kein Visum bekommen haben.“ Wie geplant gekommen sind allerdings die schwedische und polnische Nationalmannschaft: „Eins von den beiden Teams, die in Dortmund spielen, ist immer bei uns untergebracht“, sagt Rudnick. Auch im Steigenberger Hotel in Dortmund wohnen nicht die gemeinen Fußballfans. „Bei uns übernachten diejenigen, die von Sponsoren zu Spielen eingeladen wurden“, sagt Nicole Becker.

Während im Steigenberger die Nacht im Doppelzimmer unter der Woche 100 bis 115 Euro kostet, zahlen die Fans bei der Zimmervermittlung „Ein Dach für Fans“ wenig bis gar nichts. An einer Hotline werden auch kurzfristig noch Privatzimmer vermittelt (siehe Artikel unten). Organisator Marc Bialojahn spricht vom Ausnahmezustand. „Das Telefon klingelt in einer Tour“, sagt er.

Ihn wundert es nicht, dass die Hotels nicht gut ausgelastet sind. „Das Geld sitzt nicht mehr so locker“, sagt er. Beate Kneuer-Dörner von der Dortmunder Jugendherberge vermutet einen anderen Grund für die bessere Auslastung. „Wir sind international bekannter als einzelne Hotels“, sagt sie.

Selbst 40 Euro pro Nacht, die das WM-Camp in den Dortmunder Westfalenhallen nimmt, sind offensichtlich zu teuer. An einzelnen Tagen übernachten 1.000 bis 1.500 Fans in den improvisierten Schlafabteilen, die aus mehr als fünf Kilometern Messestellwänden zusammen gebaut wurden. Die Kapazität liegt bei 4.000 Schlafplätzen. Sollte die deutsche Nationalmannschaft aber ins Viertelfinale oder sogar ins Halbfinale kommen, rechnet Pressesprecher Andreas Weber mit Belegungszahlen „in einer neuen Dimension“.


Autor: DIRK ECKERT UND KATHARINA HEIMEIER