Die Munitionsfabrik

Die erste Eisenhütte im Ruhrgebiet arbeitete auch für die Rüstung: In Oberhausen finden Archäologen bei Grabungen eine rostige Kanonenkugel

taz nrw, 22.04.2006, S. 4

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Rund ist die handgroße Eisenkugel nicht, Oxidation hat über Jahre an ihr gefressen. Doch die Archäologen in Oberhausen freuen sich über eine solche Entdeckung. Denn das dreckige Etwas ist eine historische Kanonenkugel und der erste spektakuläre Fund bei den Ausgrabungen im Stadtteil Osterfeld. Seit März graben dort das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege und das Rheinische Industriemuseum nach den Resten von „St. Antony“ – der ersten Eisenhütte des Ruhrgebiets.

Für die Fachleute ist das ein Fund, wie sie ihn sich insgeheim erhofft hatten. Zwar ist das Ziel der Grabungen eigentlich die Eisenhütte selbst, die 1758 in Betrieb ging. Man sucht ihre Fundamente und die Reste des Hochofens. Manchmal stoßen die Archäologen jedoch auch auf Kuriositäten wie die verrostete Kanonenkugel. „Diese Beifunde sind oft noch spannender, vor allem für Besucher, die sehen wollen, was produziert wurde“, sagt Burkhard Zeppenfeld, der als Historiker beim Rheinischen Landesmuseum die gesamte Ausgrabung betreut. Die Kanonenkugel wurde wohl auf St. Antony hergestellt und ist das erste und bislang einzige fertige Produkt, das ausgegraben wurde. Ansonsten stießen die Ausgräber auf Eisenreste und Schlacken oder Steingutscherben – oder auch den Tonkopf einer Pfeife.

Eine Rüstungsschmiede war St. Antony nach Einschätzung von Zeppenfeld dennoch nicht. Entscheidend für die Entwicklung der Eisenindustrie im Ruhrgebiet Anfang des 19. Jahrhunderts sei nicht das Militär gewesen, sondern die Eisenbahn. „Bis um 1880 wurden Waffen meist in staatlichen Manufakturen hergestellt“, erklärt er. Und von denen habe keine im Ruhrgebiet gearbeitet. Erst Ende des 19. Jahrhunderts stiegen Privatunternehmen wie Krupp in großem Stil in die Waffenproduktion ein. Da war St. Antony allerdings schon stillgelegt. 1877 wurde dort die Gießerei geschlossen, der letzte Hochofen ging 1844 außer Betrieb.

Munition für die Waffen wurde hingegen schon im 19. Jahrhundert von privaten Unternehmen produziert. Auch die St. Antony-Hütte lieferte in Kriegszeiten Kanonenkugeln. Die wurden beispielsweise 1864 im Krieg gegen Dänemark verschossen und verhalfen damit Preußen unter seinem Kanzler Otto von Bismarck und Österreich zum Sieg. In der Folge fielen so die Herzogtümer Schleswig und Lauenburg an Preußen und Holstein an Österreich. Eine der ältesten Aufnahmen, die von St. Antony erhalten ist, stammt aus diesem Jahr und zeigt, wie wohl preußische Soldaten Kanonenkugeln für den Krieg abholen (siehe Foto). Die Hütte wird sich in Sachen Rüstung schlicht nach der Nachfrage gerichtet haben, vermutet Zeppenfeld nach dem Fund. Wie heutige Rüstungsbetriebe hätte die Hütte sicher nicht nur einen Kunden beliefert. „Mit Kanonenkugeln konnte man in Kriegszeiten den Betrieb am Laufen halten“, sagt er.


Autor: DIRK ECKERT