Ruhris sollen blechen

Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr will erneut die Fahrpreise erhöhen. Grund seien sinkende Landesmittel. Landesregierung fordert Verbünde zu Reformen auf. Fahrgäste verärgert

taz nrw, 16.03.2006, S. 1

taz nrw

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr will der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) die Fahrpreise im Nahverkehr erhöhen. Es handele sich um eine „vorgezogene Tarifanpassung“, sagte der VRR-Geschäftsführer Klaus Vorgang gestern bei einer Sitzung des VRR-Tarifausschusses in Essen. Statt zum 1. Januar 2007 sollen die Ticketpreise bereits zum 1. August 2006 im Schnitt um 4,9 Prozent steigen. Überdurchschnittlich angehoben werden die Preise für Einzeltickets sowie für Senioren- und Schülertickets.

Grund für die Preiserhöhung seien die seit Jahren „dramatisch sinkenden“ Landeszuschüsse für den Transport von Schülern und Schwerbehinderten sowie steigende Strom- und Dieselkosten, so Vorgang. Für 2006 rechnet der VRR mit einem Fehlbetrag von 16,6 Millionen Euro. Zuletzt wurden die Preise zum Jahreswechsel um 3,4 Prozent angehoben. Damals waren die gesunkenen Zuschüsse noch nicht mit einberechnet.

Die Landesregierung kritisierte die Preiserhöhung als „wenig kreativ“. „Die Verbünde müssen Einsparvorschläge erbringen“, betonte NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) gestern im Landtag. Er forderte „Strukturveränderungen“ bei den Verkehrsverbünden. Beispielsweise durch mehr Konkurrenz und unternehmerisches Handeln könne gespart werden, sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Olaf Lehne. Ganz ohne Mittelkürzungen werde es aber nicht gehen: „Wir werden auch einen Beitrag zur Sanierung des Bundeshaushaltes leisten müssen.“ Die FDP machte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) verantwortlich. Seine beabsichtigten Kürzungen von Bundeszuschüssen gefährdeten den Nahverkehr im ländlichen Raum. SPD-Verkehrsexperte Axel Horstmann sieht dagegen die Verantwortung bei der Landesregierung: „Sie sind verantwortlich dafür, dass jetzt eine Preiserhöhungswelle durch das Land rollt.“ Die Grünen warfen der Landesregierung vor, die Lage noch zu verschärfen.

Der Fahrgastverband Pro Bahn geht davon aus, dass der VRR seine Preise zum Jahreswechsel erneut erhöhen und sogar Züge streichen wird. Denn die wegfallenden Regionalisierungsmittel des Bundes seien noch nicht berücksichtigt worden. „Das trifft vor allem Menschen, die ohnehin wenig Geld haben und deshalb nicht Auto fahren“, kritisierte Oliver Stieglitz von Pro Bahn.

Mit dem zweimaligen Preisaufschlag steht der VRR bisher alleine da. Die übrigen Verkehrsverbünde bleiben bei nur einer turnusmäßigen Preisanpassung. „Trotz gekürzter Mittel ist bei uns keine weitere Erhöhung geplant“, sagt Ariane Weber vom Verkehrsverbund Rhein-Sieg. In der Region Aachen verteuern sich die Tickets ab April im Schnitt um 3,6 Prozent. Im Münsterland und in Ostwestfalen-Lippe stehen ab August neue Tarife an. Der Zweckverband Münsterland rechnet mit einer Erhöhung von bis zu 4,5 Prozent. „Wie viel es bei uns sein wird, steht noch nicht fest“, sagt Günter Krückemeier, Geschäftsführer der OWL Verkehr GmbH.


Autor: GESA SCHÖLGENS UND DIRK ECKERT