Weiße Farbe für den Papst

Die jüdische Gemeinde in Köln bereitet sich auf den Papstbesuch vor. Auch wenn die frische Wandfarbe in der einzigen Synagoge der Domstadt noch nicht trocken ist: das Programm steht

taz nrw, 08.08.2005, S. 4

Reportage taz nrw

„Kommen Sie doch mal hier hoch, dann haben Sie ungefähr den Blick, den auch der Papst haben wird.“ Michael Rado steht auf den erhöhten Platz vorne im Betsaal der Kölner Synagoge. Da, zwischen den beiden siebenarmigen Leuchtern, wird Josef Ratzinger sitzen, wenn er während des Weltjugendtages der jüdischen Gemeinde Kölns einen Besuch abstattet. Das Oberhaupt der katholischen Kirche hier in der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen? „Das ist eine Super-Sache“, freut sich Vorstandsmitglied Rado.

In Kölns einziger Synagoge laufen die Vorbereitungen für den Papstbesuch auf Hochtouren. Im Eingangsbereich tragen Handwerker weiße Farbe auf. Neue Lampen sind schon angebracht. Beim Besuch von Ratzinger soll alles hell erleuchtet sein. Rado hofft, dass auch außerhalb der Synagoge manchem ein Licht aufgeht. Leider gebe es „in dem ein oder anderen Land oder Kopf“ immer noch christlichen Antisemitismus, bedauert er. Wenn der Papst beim Weltjugendtag auch seine „älteren Brüder“ besuche, wie es der Reisemarschall des Papstes formuliert habe, dann habe das eine „enorme Symbolkraft“.

Antisemitismus kennt die Kölner Gemeinde gut. Im Jahr 321 erstmals urkundlich erwähnt, wurden die Juden 1424 vertrieben und durften erst wieder ab 1794 in der Domstadt wohnen. Das setzten die französischen Besatzer durch. Im Erdgeschoss der Synagoge erinnern einige Vitrinen an Geschichte und Verfolgung der Juden in Köln. Neben Kultgegenständen finden sich hier vor allem Bilder und erläuternde Texte zum Holocaust. In einer Vitrine steht eine Tora-Rolle, die während der Reichspogromnacht im November 1938 aus einer anderen Kölner Synagoge gerettet worden war. Insgesamt sechs Synagogen zählte die Stadt damals, alle wurden zerstört. Die Synagoge, die Ratzinger besuchen will, ist die einzige, die nach 1945 wieder aufgebaut wurde.

Auch wenn die Farbe noch nicht trocken ist, das Programm für den Papstbesuch ist fertig: Nach der Begrüßung geht es in die Trauerhalle, dann in den Betraum. Gebete, Gedenken an die Opfer des Holocaust und Ansprachen stehen auf dem Programm. Ein gemeinsamer Gottesdienst soll es aber nicht werden, betont die Gemeinde. Man bevorzuge die Bezeichnung „Festakt“. Auch gebetet werde nicht gemeinsam, die Gebete würden nur vorgetragen – so kompliziert kann das Zusammentreffen von Weltreligionen sein. Die Gäste sind ausgewählt, Spitzen von Politik und anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland wurden eingeladen. Der Westdeutsche Rundfunk überträgt live aus dem typischen 1950er-Jahre-Raum, der eine Extra-Empore für die Frauen hat: die Gemeinde ist orthodox. Weil sie eine „Einheitsgemeinde“ sei, könne sie nur orthodox sein, erläutert Michael Rado. „Der Nicht-Orthodoxe kann zu den Orthodoxen gehen, aber nicht umgekehrt.“ Liberale Strömungen im Judentum seien deswegen aber nicht ausgeschlossen, im Gegenteil, der Vorstand fördere ihre Aktivitäten ausdrücklich, beteuert Rado.

Jetzt hofft die Gemeinde, nicht auf den Renovierungskosten sitzen zu bleiben. Seit dem Wiederaufbau der Synagoge 1958/59 sei keine Grundsanierung mehr erfolgt, sagt Rado. 230.000 Euro koste die jetzige Renovierung, leider gebe es bislang keine staatlichen Zuschüsse. Dabei sei es erst das zweite Mal, dass ein Papst überhaupt eine Synagoge betritt – und das erste Mal in Deutschland.

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Die jüdische Gemeinde in Köln

5.000 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde in Köln. Die meisten kamen erst in den letzten 15 Jahren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Viele sind Akademiker, waren Kulturdezernent, Ingenieur oder Psychologe, sagt Michael Rado, eines der vier Vorstandsmitglieder. Die Gemeinde helfe ihnen, sich zurecht zu finden. „Wir machen hier eine Menge Integrationsarbeit.“ Unter anderem hat die Synagogengemeinde eine Krabbelgruppe, eine Grundschule, eine Religionsschule sowie einen Studentenverbund und einen Frauenverein. Ein Altersheim und ein koscheres Restaurant gibt es auch – und den Friedhof.

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Autor: DIRK ECKERT