„Solche Dinge werden leider schnell verdrängt“

Die Bundesrepublik ist als Nato-Mitglied mitverantwortlich für die Bombardierung der Brücke von Varvarin 1999, sagt der ehemalige Bonner SPD-Abgeordnete Hans Wallow. In Köln wird heute über die Klage der Opfer entschieden

taz köln, 16.06.2005, S. 4

Interview taz köln

taz: Heute wird der 7. Senat des Oberlandesgerichts Köln sein Urteil im Rechtsstreit der Bürger von Varvarin gegen die Bundesrepublik Deutschland fällen. Wie wird die Entscheidung ausfallen, Herr Wallow?

Hans Wallow: Ich befürchte, dass die Klage der Angehörigen der Opfer des Bombenangriffs auf die Brücke von Varvarin erneut abgewiesen wird. Wünschen würde ich mir natürlich, dass die 35 jugoslawischen Kläger Recht bekämen.

Denn wenn Demokratien Krieg führen und dabei Unschuldige töten, dann müssen sie sich auch anschließend wie Demokratien verhalten: Es muss aufgeklärt werden, was da passiert ist, und die Menschen müssen entschädigt werden. Die Bundesrepublik war an diesem Krieg aktiv beteiligt, also trägt sie auch eine Mitverantwortung. Immerhin hat der Kölner Richter im Gegensatz zu seinem Kollegen vom Bonner Landgericht Fragen gestellt, die auf einen Willen zur Aufklärung hindeuten.

taz: Sie haben den Fall Varvarin ausführlich recherchiert. Wie ist es an jenem 30. Mai 1999 zu der Bombardierung der Eisenbahnbrücke von Varvarin gekommen, bei der zehn Menschen ihr Leben verloren haben, dreißig verletzt wurden?

Hans Wallow: Die militärische Zerstörungsindustrie der Nato im Krieg gegen Jugoslawien arbeitete hochgradig arbeitsteilig. Die Deutschen waren mit 14 Tornados beteiligt, sechs davon hatten die Aufgabe, ganz vorn die gegnerische Raketenabwehr auszuschalten. Die anderen hatten potentielle Ziele zu fotografieren und dann zur Auswertung zu geben. Die deutschen Tornados hatten in 46 Missionen, besonders im Hinterland, die Ziele aufgeklärt und eines der aufgeklärten Ziele war auch die „Highway-Bridge Varvarin“. So war es auf der Nato-Karte eingezeichnet. Aber diese Brücke gab es in dem Ort gar nicht. Wahrscheinlich war vielmehr eine Autobahnbrücke in der Nähe gemeint. Diese 15 Kilometer entfernte Autobahn führt tatsächlich direkt in den Kosovo. Allerdings ist die bis über das Kriegsende hinaus heil geblieben. Stattdessen bombardierten zwei Kampfjets der Nato die altersschwache Eisenbahnbrücke von Varvarin.

taz: Warum?

Hans Wallow: Unmittelbar nach der Feststellung, dass man dort ein rein ziviles Ziel bombardiert hat, sagte der deutsche Presseoffizier, das seien Piloten gewesen, die ihr Ziel wohl nicht gefunden hätten. Und nach meiner Kenntnis vor Ort stimmt das.

taz: Sie gehen also von einem mörderischen Irrtum aus?

Hans Wallow: Ich gehe davon aus, dass es sich um das gehandelt hat, was die Militärs verniedlichend einen „Fehlwurf“ nennen. Die Piloten nennen ihre Bombardierungen übrigens „Licht anmachen“.

taz: Wie sind Sie überhaupt auf den Fall Varvarin gekommen?

Hans Wallow: Ich habe als Bundestagsabgeordneter am 16. Oktober 1998 mit über die Beteiligung der Bundesrepublik an dem Krieg gegen Jugoslawien abgestimmt. Ich habe damals nicht dagegen gestimmt. Auch wenn ich der Propaganda für diesen angeblichen „humanitären Einsatz“ von vorneherein nicht so recht glaubte, habe ich mich nur der Stimme enthalten. Als vor dem Bonner Landgericht dann das erste Mal über den Fall von Varvarin verhandelt wurde, bin ich in die Gerichtsverhandlung gegangen, um zu hören, was das für Auswirkungen hat, wenn ich eine politische Entscheidung im Parlament treffe.

taz: Und was haben Sie gehört?

Hans Wallow: Was dort in dieser jugoslawischen Kleinstadt mit ihren 4.000 Einwohnern, rund 200 Kilometer vom Kosovo und 180 Kilometer von Belgrad entfernt, passiert ist, hat mich stark berührt. Denn an diesem Fall lässt sich auch erkennen, welche nicht nur materiellen, sondern auch seelischen Schäden ein solcher Krieg erzeugt, wie absolut zerstörerisch er wirkt.

Ein Beispiel: Ich habe Zoran und Vesna Milenkovic kennen gelernt. Er ist heute der Bürgermeister von Varvarin; sie ist Juristin, wuchs in Süddeutschland auf und spricht perfekt Deutsch. Durch den Tod ihrer 15-jährigen Tochter Sanja durch eine Splitterbombe ist die Beziehung der beiden zerbrochen. Sie leben getrennt, auch ihre Ehe ist zerstört worden.

taz: Obwohl Sie der Kriegspropaganda nicht getraut haben, haben Sie nicht gegen den Krieg gestimmt?

Hans Wallow: Ich bin kein Pazifist. So finde ich beispielsweise das Nichteingreifen in Kambodscha oder in Ruanda immer noch eine Tragödie. Bei wirklich nachgewiesenem Völkermord bin ich dafür, dass man dort eingreift. Ich hatte von Anfang an meine erheblichen Zweifel, ob ein solcher Fall im Kosovo vorliegt – aber ich habe auch die Bilder von den Flüchtlingstrecks aus dem Kosovo im Fernsehen gesehen, habe die Legenden von der ethnischen Säuberung gehört.

Das hat bei mir persönlich zu einer Bereitschaft der Hilfe geführt. An der Verhältnismäßigkeit der Mittel hatte ich jedoch ganz große Zweifel, deswegen habe ich mich der Stimme enthalten. Doch nach dem, was ich heute weiß, war auch das ein schwerer Fehler. Aber damals hatte ich diese Information nicht. Wir sind einer Propagandalüge aufgesessen, mit fatalen Folgen.

taz: Wie erklären Sie sich, dass sich trotzdem heute niemand mehr für den Jugoslawien-Krieg zu interessieren scheint?

Hans Wallow: Das ist Verdrängung. Denn natürlich ist es ein unangenehmes Gefühl, über die Folgen dieses Krieges diskutieren zu müssen. Denn das Blutbad von Varvarin ist nur ein schrecklicher Fall von vielen. Es sind unzählige nicht-militärische Ziele bombardiert worden, darunter auch Krankenhäuser. Man rechnet ungefähr, dass 1.000 Zivilisten bei diesem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg umgekommen sind.

Auch die deutschen Militärs haben immerhin über 400 Raketen verschossen – natürlich nicht auf Rebhühner, sondern auch auf Menschen. Sie haben also auch Tod und Verderben gebracht. Kein deutscher Fernsehsender hat darüber bisher eine Dokumentation produziert. Damit möchte man sich lieber nicht beschäftigen. Solche unangenehmen Dinge werden leider wahnsinnig schnell verdrängt – was die Gefahr der Wiederholung in sich birgt. Da sollte man sich auch durch die deutsche Nichtbeteiligung am Irak-Krieg nicht täuschen lassen.

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Ein „Fehlwurf“ und seine Folgen

Am 30. Mai 1999, dem 68. Tag des Bombenkriegs gegen Jugoslawien, bombardierten Nato-Flugzeuge eine kleine Eisenbahnbrücke im serbischen Varvarin. Zehn Zivilisten starben, zahlreiche wurden verletzt. Überlebende und Angehörige haben in Bonn, am Sitz des Verteidigungsministeriums, das Nato-Mitglied Bundesrepublik Deutschland auf Entschädigung verklagt. In erster Instanz hat das Landgericht Bonn die Klage abgewiesen, weil Kriegsopfer keine individuellen Entschädigungsansprüche an gegnerische Länder stellen könnten. Heute entscheidet in zweiter Instanz das Oberlandesgericht Köln.

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Hans Wallow hat die Ereignisse von Varvarin in einer szenischen Lesung verarbeitet: „Es geschah in unserem Namen – Die Brücke von Varvarin“ wurde schon in Halle und Berlin aufgeführt, dort mit Katharina Thalbach. In Köln hat Wallow bislang noch kein Theater für die Lesung gefunden.

DET/PAB

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HANS WALLOW, 65, ist Ministerialrat a.D. und war bis 1998 SPD-Bundestagsabgeordneter. Inzwischen ist er aus der SPD ausgetreten und bei der Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit aktiv. Er lebt in Bonn und arbeitet als freier Autor. Infos: http://www.hans-wallow.de


Autor: PASCAL BEUCKER UND DIRK ECKERT