Kölns historische Größe verharrt im Konjunktiv

Auch die jüngste historische Studie offenbart, wie wenig von der römischen Geschichte Kölns bekannt ist. Die Quellenlage ist dürftig. Und so bemüht Werner Eck im ersten Band der Kölner Stadtgeschichte die Geschicke anderer Städte und seine Vorstellungskraft, um das Leben in Köln zu rekonstruieren

taz köln, 09.02.2005, S. 4

Rezension taz köln

Köln, das hätte nach der Idee der römischen Gründer die Hauptstadt ihrer Provinz Germanien werden sollen. In der Kölner Bucht siedelten die Römer die bis dahin rechtsrheinischen Ubier an und bauten ihnen eine Stadt, das „oppidum Ubiorum“, die Ubierstadt, aus der das heutige Köln entstand. Doch der Cherusker Arminius setzte mit seinem Sieg über den römischen Feldherrn Varus und dessen Legionen im Jahre 9 n. Chr. der römischen Eroberung ein jähes Ende. Aus der Provinz Germanien wurde nichts, und so wurde Köln auch nicht ihre Hauptstadt.

War das wirklich so? Werner Eck kommt im ersten Band der neuen Kölner Stadtgeschichte, der seit Jahresende vorliegt, zu einer etwas anderen Darstellung. Der Professor für Alte Geschichte an der Universität Köln wertet die Rolle Kölns in dieser Zeit gegenüber bislang gängigen Darstellungen deutlich auf. Folgt man seinen Ausführungen in „Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum“, dann war die Ubierstadt am Rhein nicht nur als Provinzhauptstadt geplant – sie war es auch tatsächlich, zumindest für kurze Zeit.

Ausführlich zeichnet Eck die Germanienpolitik Roms nach, von Caesars Eroberungen bis zu Augustus. Über Letzteren schreibt er: „Ende des Jahres 8 v.Chr. ging er wie alle anderen davon aus, dass er dem Reich eine neue Provinz erobert hatte: Germanien“. In Köln wurde wohl kurz darauf der Provinzaltar errichtet. „In diesem heiligen Bezirk wurde zumindest für einige Jahre, vielleicht fast für eineinhalb Jahrzehnte, frühestens von ca. 7 v.Chr., eher einige Jahre später, bis 9 n.Chr. der Provinzialkult mit wechselnden Priestern aus verschiedenen Stämmen durchgeführt“, schreibt Eck.

„Historische Plausibilität“

Auch nach der Varusschlacht dauerte es noch einige Jahre, bis Rom den Versuch aufgab, Germanien bis zur Elbe zu erobern. Erst unter Domitian, wahrscheinlich 85 n. Chr., wurden schließlich am Rhein zwei Provinzen eingerichtet: Nieder- und Obergermanien. Davor war das Gebiet von der Schweiz bis zur Rheinmündung ein Militärbezirk Germania mit zwei Heereskommandanturen.

Liest man Ecks Stadtgeschichte, fällt vor allem auf, wie wenig von der römischen Geschichte Kölns bekannt ist. Die Quellenlage ist äußerst schlecht. Selbst von großen Gebäuden wie einer wahrscheinlich vorhandenen Rennbahn gibt es keine Überreste. Bei der schriftlichen Überlieferung sieht es oft nicht besser aus. Aus der Zeit von 98 bis 254 n.Chr. etwa gibt es überhaupt keine geschriebenen Nachrichten über Köln.

Eck bedient sich deswegen nicht nur der gängigen Hilfsmittel eines Historikers. „Es bleibt deshalb kein anderer Weg, als mit einer an den bekannten Ereignissen und Strukturen ausgerichteten Imagination zu versuchen, die Wirkungen der Reichspolitik auf die Stadt tastend zu beschreiben“, schildert Eck eine seiner Methoden. An anderer Stelle spricht er von „Überlegungen historischer Plausibilität“, die er anstellen müsse. Außerdem macht Eck immer wieder Anleihen bei vergleichbaren Städten, um das Leben im römischen Köln zu rekonstruieren. So gesehen dürfte Ecks Ansatz, die Geschichte Kölns in römischer Zeit als Geschichte „im Rahmen des Imperium Romanum“ zu betrachten, auch der Not, also der schlechten Quellenlage, geschuldet sein.

Sklaverei ist kein Thema

Das Verfahren scheint manchmal etwas gewagt und führt Eck oft in den Konjunktiv. Aber wahrscheinlich blieb ihm gar nichts anderes übrig – ganze Seiten wären andernfalls leer geblieben. Dafür kann sich das Ergebnis sehen lassen. Eck ist eine klassische und zudem flüssig geschriebene Stadtgeschichte gelungen. Umfassend handelt der Historiker die Ereignis- und Sozialgeschichte des römischen Kölns ab und vermittelt ein rundes Bild nicht nur von der Stadt, sondern auch vom zur Kolonie gehörenden Umland, das vom Vinxtbach im Süden bis nach Gellep bei Krefeld im Norden reichte.

Etwas irritierend ist allerdings die Kapitelanordnung. Nachdem Köln zur Kolonie erhoben wurde, die Bürgerkriegswirren nach Neros Tod um das Jahr 69 überstanden hatte und schließlich zur Provinzhauptstadt von Niedergermanien gemacht wurde, unterbricht Eck plötzlich die chronologische Abfolge. Es folgen mehrere systematische, teils etwas langatmige Kapitel über Köln als Provinzhauptstadt, über Organisation und Gebäude, die Bevölkerung in der Stadt wie in der gesamten Kolonie, Religion und schließlich Wirtschaft.

Bei Letzterem fällt negativ auf, welch geringen Stellenwert Eck der Sklaverei beimisst. Er hat die Sklaven im Kapitel Bevölkerung versteckt, dort im Unterkapitel über den „Rechtsstatus der Bevölkerung“. Da schreibt er dann lapidar, dass sich „der rechtliche und ökonomische Stellenwert der Sklaverei im römischen Köln (…) bei unserer Dokumentation nicht angemessen beurteilen“ lässt.

Das ist dann doch etwas mager, hat die schlechte Quellenlage in ähnlichen Fällen Eck schließlich nicht davon abgehalten, andere Kolonien heranzuziehen und den Lesern somit wenigstens eine Vorstellung davon zu geben, wie es in Köln gewesen sein könnte.

So meint Eck beispielsweise schlussfolgern zu können, dass Kaiser Constantin das Christentum möglicherweise vom Kölner Bischof Maternus vermittelt bekommen haben könnte, das er schließlich zur Staatsreligion machte. Wieder sind es Indizien, die zur Beweisführung reichen müssen. Constantin war mehrmals in Köln und ließ eine feste Brücke über den Rhein bauen und rechtsrheinisch mit dem Kastell Deutz befestigen. Da muss er dann wohl auch Maternus kennengelernt haben, sagt Eck – und „nach aller Wahrscheinlichkeit“ habe dieser „einen tiefen Eindruck“ auf Constantin gemacht.

Doch trotz dieses unmittelbaren Kölner Einflusses auf den römischen Kaiser war das Ende des römischen Kölns nahe. Die genauen Umstände sind mal wieder völlig unklar, aber Eck kämpft wacker gegen die Quellenlage. Im Jahr 355 eroberten die Franken Köln. Das Römische Reich war ihrem Ansturm nicht mehr gewachsen. Wie weitgehend die Stadt damals zerstört wurde, ist unklar, wahrscheinlich brannte unter anderem das Haus mit dem berühmten Dionysosmosaik nieder. Rom konnte Köln zwar noch einmal zurückerobern, aber schon bald residierten hier nachweislich fränkische Könige. Grabinschriften in lateinischer Sprache, aber auch Kirchen wie St. Severin, St.Gereon und vielleicht St. Ursula, die in dieser Zeit erbaut wurden, sprechen dafür, dass Köln selbst in diesen Zeiten des Umbruchs ständig bewohnt war.

Das fränkische Colonia

Auch die Lage des Doms beziehungsweise der Bischofskirche, die dort vorher stand, könnte ein Indiz für die Kontinuität städtischen Lebens sein. Bis zur Stadterweiterung im 11. Jahrhundert lag diese an der damaligen Nord-Ost-Ecke der Stadt. Erklärbar wäre diese nicht zentrale Lage nach Eck damit, dass dort seit den Tagen der ersten Christengemeinde ununterbochen die wichtigste christliche Kirche Kölns steht – ein neuer Platz wurde nie gesucht. Das ist freilich wieder nur eine „Überlegung historischer Plausibilität“. Aber eine Überlegung, die erklärt, warum der Dom da steht, wo er steht. Und die den Weg ins fränkische Colonia weist und damit zum Band 2 der Stadtgeschichte: „Köln im Frühmittelalter“.

Werner Eck: Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum. Greven Verlag, Köln 2004, 900 Seiten, 75 Euro, in Leder und Leinen 130 Euro


Autor: DIRK ECKERT