Das Klischee vom dickbauchigen Kapitalisten

Gibt es das - Antisemitismus in der Linken? Ja, sagt Thomas Haury in einem Vortrag bei Attac Köln. Schon wenn Linke die Welt in Gut und Böse teilen, reproduzieren sie antisemitische Denkmuster, argumentiert der Freiburger Soziologe

taz köln, 11.12.2004, S. 4

taz köln

Der Veranstaltungstitel war provokant gewählt und verfehlte seine Wirkung nicht. „,Antizionismus‘ – Antisemitismus von links“ war der Vortrag überschrieben, den der Freiburger Soziologe Thomas Haury am Donnerstag auf Einladung von Attac, Friedensbildungswerk und anderen in der Jugendherberge Deutz hielt. Unter den Globalisierungskritikern hatte das intern schnell für Aufregung gesorgt. Vor allem die bei Attac Köln aktiven Sozialisten mit antizionistischer Tradition sahen sich und nicht zuletzt ihre jüdischen beziehungsweise israelischen Genossen schlichtweg diffamiert.

Um so überraschender war es dann nach dieser deftigen Ankündigung, dass Antizionismus bei Haury eher am Rande vorkam. Dafür sorgte schon der Aufbau seines Vortrags, in dem es weder um den Zionismus als jüdische Nationalbewegung ging, die zur Gründung des Staates Israel führte, noch darum, wer diesen wann und warum ablehnte, also irgendwie Anti-, Post- oder Nicht-Zionist war. Kurz gesagt: Es ging eigentlich um Deutschland und Antisemitismus.

Haury begann – nachdem er kurz das Verhältnis der bundesrepublikanischen Linken nach 1945 zum Staat Israel skizziert hatte – mit einer Definition des Antisemitismus vor und nach 1945. Dann nahm er sich die Linke und deren „Tendenz, binär zu denken“ vor. Wenn Globalisierungsgegner die Welt von „skrupellosen Multis und fiesen Banken“ beherrscht, wenn Linke die „Völker“ der Welt vom „Geld“ unterdrückt sehen, wenn Attac gegen „Geld, Handel und Zins“ agitiere und sich „den“ Kapitalisten als dicken Mann mit Zigarre konstruiere, dann würden sie strukturell ähnlich denken wie Antisemiten, argumentierte Haury. Denn die Zweiteilung der Welt in Gut und Böse, die Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse und die Konstruktion des guten deutschen Volkes sind nach Haury die entscheidenden Merkmale des klassischen Antisemitismus.

Haury verortete diese bestimmte linke Weltsicht, die er „proto-antisemitisch“ oder auch „potenziell antisemitisch“ nannte, beim Antiimperialismus. So kam er zu seiner Hauptthese: Wenn Linke den Konflikt im Nahen Osten durch die antiimperialistische Brille betrachten, müssten sie – seiner Ansicht nach logisch völlig zwangsläufig – vom Antiimperialismus über den Antizionismus zum Antisemitismus kommen. Oder konkret: Wer die Welt in böse Imperialisten vs. gute Völker einteile, müsse als erstere die Juden, als letzteres die Palästinenser ansehen und könne gar nicht anders, als den Staat Israel abzulehnen und ihn zum Beispiel als „ein einziges Kontinuum des Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ zu dämonisieren.

Linke, die diese Logik auf die Spitze treiben, landeten schließlich beim Antisemitismus mit allem, was heute, nach 1945, dazugehöre: „penetrante, obsessive Gleichsetzung“ von israelischer Politik und Nationalsozialismus etwa oder Relativierung der deutschen Verbrechen. „Das schwingt gerade hier in Deutschland immer mit“, so Haury.

Die anschließende Diskussion verlief – für dieses Thema – erstaunlich friedlich. Das mag auch daran gelegen haben, dass sich keiner der rund 50 Zuhörer zu dem von Haury kritisierten, platten Gut-Böse-Weltbild bekennen wollte. Kritik gab es vor allem an Haurys Methodik. Einige fanden, dass er zu willkürlich Zitate von allen möglichen, völlig irrelevanten linken Kleingruppen mische. Dass Haury zu Beginn des Vortrages auch noch mit Zitaten operiert hatte, in denen er selber „Zionisten“ durch „Juden“ ersetzt hatte, kritisierten viele als „methodisch unsauber und unwissenschaftlich“.

Wieder andere fanden nicht jede Personifizierung unzulässig. „Der Kapitalist mit dickem Bauch ist eine gerechtfertigte Personifizierung“, meinte eine Zuhörerin. Dass die Polit-Agitation viel schwieriger ist, wenn das Mittel der Vereinfachung verboten ist, musste am Ende auch Haury zugeben. „Das Problem kann ich leider nicht lösen“, räumte er ein.


Autor: Dirk Eckert