„Linkes Sektierertum vermeiden“

Seit 20 Jahren gibt es die Alternative Liste an der Uni Köln. Warum die Gruppe nie zerfallen ist und welche Zukunft linke Politik an der Uni hat, erklärt AL-Mitbegründer und -Mitglied Dieter Asselhoven

taz köln, 04.11.2004, S. 4

Interview taz köln

taz: Herr Asselhoven, die Alternative Liste der Uni Köln feiert heute Abend 20. Geburtstag. Sie waren von Anfang an dabei. Hätten Sie gedacht, dass die AL so lange Bestand hat?

Dieter Asselhoven: Zumindest so lange, wie ich an der Uni bin… Aber ich wusste damals ja nicht, wie lange ich überhaupt eingeschrieben sein würde.

taz: Sind Sie der einzige aus der Gründerzeit, der noch dabei ist?

Dieter Asselhoven: Fast, es gibt Leute, die sehr lange dabei sind, eine mittlere Generation und jüngere Leute. Auch Erstsemester kommen zur AL und steigen direkt mit ein.

taz: Wie kam es zur Gründung der AL?

Dieter Asselhoven: Damals gab es an den Unis spontaneistische, subkulturell orientierte Gruppen, die die Uni als Experimentierfeld für postpubertäre Aktivitäten nutzen wollten. Ein Teil davon hat sich organisiert und an den Grünen orientiert. Mit deren Aufstieg hofften wir, auf die Universitäten Einfluss nehmen zu können, über die Landeshochschulgesetzgebung zum Beispiel. Damals war noch nicht abzusehen, welche Entwicklung die Grünen nehmen würden.

taz: Gab es einen konkreten Anlass für die Gründung?

Dieter Asselhoven: Ja, einen Sexismusvorfall an der Uni. Die Vorläufer der AL waren Basisgruppen. Ein Teil davon wollte in der AStA-Zeitung pornografische Bilder abdrucken. Das hat zur Spaltung geführt. Die mit einer antipatriarchalen Position haben die AL gegründet.

taz: Mit welchem Erfolg?

Dieter Asselhoven: Witzigerweise war es so, dass die allererste Kandidatur 1984 auch fast die erfolgreichste war: Wir bekamen 17 von 51 Sitzen. Seitdem schwankt die AL zwischen 20 und 30 Prozent der Stimmen, abhängig davon, wie viele Gegenkandidaturen es aus dem gleichen Spektrum gibt – Grüne oder Rosa Liste etwa. Der Höhepunkt war nach Tschernobyl, da hatte die AL 18 Sitze und 35 Prozent der Stimmen.

taz: Es ist ungewöhnlich, dass eine Hochschulgruppe aus dem linksalternativen Milieu der 80er Jahre so lange überlebt.

Dieter Asselhoven: Ja, in anderen Uni-Städten gab es auch solche Gruppen. Von denen sind fast keine mehr übrig.

taz: Warum ist die AL nie zerfallen?

Dieter Asselhoven: Das liegt auch an den Verhältnissen an der Kölner Universität, die Mehrheit ist sehr reaktionär und wirtschaftsliberal. Es sind immer nur ganz knappe linke Mehrheiten unter Einbezug auch von reformistischen Bündnispartnern möglich. Das zwingt linke Gruppen zum Kompromiss und dämpft auch in den Gruppen die Schärfe, in der Konflikte ausgetragen werden können.

taz: Das ist alles? Gegenwärtig erschüttert der Israel-Palästina-Konflikt viele linke Gruppen. Geht das an der AL vorbei?

Dieter Asselhoven: Eine Antifa-Gruppe muss die Frage, ob die unbedingte Solidarität mit dem Staat Israel die moderne Form von Antifaschismus ist, natürlich bis zur letzten Konsequenz führen. Bei der AL dagegen gibt es einen allgemeinpolitischen Ansatz und eine gemeinsame Praxis an der Uni. Insofern kann ein Dissens in einer Einzelfrage auch ausgehalten werden.

Außerdem hat sich die AL immer Zeit gelassen, solche Dinge auszudiskutieren. Meistens wurde dabei versucht, möglichst viele Leute mit einzubeziehen, damit die Gruppe nicht handlungsunfähig wird oder sich spaltet. Die AL muss sich schließlich jedes Jahr Wahlen stellen und versucht, 20 bis 30 Prozent der Wählerinnen und Wähler zu überzeugen. Da muss sie linkes Sektierertum vermeiden, erst recht in der Außendarstellung.

taz: Die Linke hat sich nach den gesellschaftlichen Umbrüchen von 1989 stark verändert. Die AL scheint unverändert linksradikal zu sein.

Dieter Asselhoven: Nein, die AL ist eigentlich nicht linksradikal, einzelne Mitglieder schon. Die AL ist da offen, in der Alltagspolitik ist sie aber pragmatisch und taktisch flexibel. Das finde ich als Linksradikaler auch gut so. Was ’89 betrifft: Die Leute aus der Gründungszeit waren Linke und zum Teil Linksradikale nicht wegen der DDR, sondern trotz.

taz: Wo ist heute der Schwerpunkt der AL-Arbeit?

Dieter Asselhoven: Ganz klar die Uni, vor allem Bildungs- und Sozialpolitik. Aber auch das, was links vom Mainstream zur politischen Sozialisation gehört: also ein umfassender Begriff von antifaschistischer Arbeit, antipatriarchale Grundpositionen, Antikriegspositionen. Wir versuchen, neue Leute zu politisieren, ohne dass die sich gleich für eine politische Parteilinie entscheiden müssen.

taz: Demnächst sind Wahlen an der Uni, wie stehen die Chancen für die AL?

Dieter Asselhoven: Leider ist es momentan so, dass die AL mit ihren Aktivitäten an der Basis nur das künftige akademische Subproletariat erreicht, vor allem an der Philosophischen Fakultät und bei den Pädagogen. Früher hatte die AL mal starke Hochburgen bei Medizinern und zum Teil Naturwissenschaftlern, weil da die Diskussion „Verantwortung der Wissenschaft“ lief. Das ist fast völlig weggebrochen. Diejenigen, die durch diese elitäre Bildungspolitik vielleicht die Chance haben aufzusteigen, können wir momentan durch unsere Art linksradikal-pragmatischer Politik nicht erreichen. Das ist auch eine Schwäche der AL.

taz: Sind dann linke Mehrheiten an der Uni Köln noch möglich?

Dieter Asselhoven: Da ist bisher noch kein richtiges Rezept entwickelt worden. Das politische Spektrum an der Uni polarisiert sich immer mehr zwischen Alternativer Liste und „Unabhängigen“. Andere Gruppen werden immer unwichtiger. Tendenziell bleibt vielleicht als einzige Alternative, Daueropposition zu betreiben und Rekrutierungs- und Sozialisierungsarbeit zu machen. Oder wir überlegen, ob man mit technokratischen Gruppen mit sozialem Touch wie Fachschaftslisten neue AStA-Mehrheiten organisieren kann.

taz: Was hat die AL in 20 Jahren bewirkt?

Dieter Asselhoven: Mal abgesehen von der politischen Arbeit, wo wir etwa in der Bioethik-Diskussion bundesweit punkten konnten, oder unserem Buch „Wer wird Revolutionär?“: Es müssten zwischen 1.000 und 2.000 Leuten irgendwann auf einer Wahlliste der AL gestanden haben und so mit linker, radikalökologisch-basisdemokratischer Politik in Berührung gekommen sein. Dadurch ist vielleicht etwas in die Gesellschaft durchgesickert.

taz: Wo sind die Ex-ALer heute?

Dieter Asselhoven: Leider ist es nie gelungen, eine Struktur für Leute zu entwickeln, die den antiautoritären, linken Ansatz außerhalb der Uni fortsetzen wollen. Uniabgänger sind immer allein in den Berufsalltag eingestiegen und dann verschwunden. Aber von einigen wissen wir leider zu genau, was sie heute machen, von den grünen Kriegsbefürwortern und Sozialabbauern Kerstin Müller und Jörg Frank zum Beispiel.

taz: Bleibt die Frage: Wen wird es länger an der Uni Köln geben, Dieter Asselhoven oder die AL?

Dieter Asselhoven: Ich habe mal Leuten versprochen, dass ich als Letzter gehe. Das will ich auch einhalten.

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Dieter Asselhoven, 50, promoviert in Pädagogik an der Uni Köln und ist bei der Alternativen Liste aktiv seit ihrer Gründung. Von 1987 bis 1989 saß er für die Grünen im Kölner Rat, 2004 kandidierte er für die Ökologische Linke bei der Kölner Kommunalwahl.

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Alternative Liste

1984 wurde sie gegründet, mittlerweile ist die Alternative Liste (AL) – abgesehen von den Jusos – die einzige linke Hochschulgruppe an der Kölner Uni. Bei den letzten Studierendenparlamentswahlen kam die Gruppe, die sich selbst „deutlich links vom angepassten rot-grünen oder PDS-Mainstream“ verortet, auf 11 von 51 Sitzen.

Heute Abend feiert die AL ihren 20. Geburtstag im Unikum. (22 Uhr, Universitätsstr. 16b). Ein weiterer Grund zum Feiern: Das AL-Quizbuch „Wer wird Revolutionär?“ (Eichborn) erlebt eine zweite Auflage.

Infos: http://www.al.uni-koeln.de

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Autor: Dirk Eckert