„Flüchtlinge in jeden Stadtteil“

Klaus Jünschke vom Vorstand des "Kölner Appells gegen Rassismus" fordert dezentrale Unterbringung für Flüchtlinge. Nur durch Hilfe könne Verwahrlosung verhindert werden

taz köln, 04.02.2004, S. 1

Interview taz köln

taz: Herr Jünschke, nach der neuen Kriminalstatistik der Polizei ist Köln mit über 12.000 Diebstählen im Jahr Hauptstadt der Taschendiebe. Der „Kölner Appell gegen Rassismus“ sagt hingegen, die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeichne ein schiefes Bild. Warum?

Klaus Jünschke: Wenn man sich die PKS anschaut, steht da zum Thema Wirtschaftskriminalität noch nicht einmal eine halbe Seite. Dabei wissen wir doch, dass die größten Schäden von den so genannten Weißen-Kragen-Tätern verursacht werden.

taz: Taschendiebstähle sind also kein Problem?

Jünschke: Ich möchte das keinesfalls relativieren. Diese Taschendiebstähle müssen aufhören. Aber wir wollen, dass dieses Phänomen als soziales Phänomen analysiert wird. Die verfehlte Flüchtlingspolitik der Stadt Köln in den letzten 20 Jahren, die Art der Unterbringung und die vernachlässigte Betreuung haben dazu geführt, dass wir in der Stadt Verwahrlosungszonen geschaffen haben und das Problem die heutige Dimension annehmen konnte. Die organisierte Kriminalität spielt dagegen kaum eine Rolle. Aus Besuchen und Gesprächen mit den betroffenen Kindern und Familien wissen wir, dass es sich in den meisten Fällen um nichts anderes handelt als um das Ergebnis von Verwahrlosung der Kinder, die groß wurden, ohne jemals einen Kindergarten oder eine Schule von Innen gesehen zu haben.

taz: Wie sollte denn mit straffällig gewordenen Kindern umgegangen werden?

Jünschke: So wie in Köln normalerweise mit Kindern umgegangen wird. Das ist zwar nicht durchgängig kinderfreundlich, aber damit wäre schon viel gewonnen. Der Rom e.V. und andere Träger der Kinder- und Jugendhilfe, die mit Flüchtlingen arbeiten, sind dafür entsprechend personell und finanziell auszustatten.

taz: Das Land NRW hat zehn Lehrerstellen für Flüchtlingskinder versprochen…

Jünschke:…und anstatt zuzugreifen, hat OB Schramma ablehnend reagiert. Viel lieber hätte er vom Land ein paar geschlossene Heime genommen. Das ist wirklich skandalös. Große Töne spucken – „Ganz Köln ist UNICEF“ und „Kölsche lassen keinen allein“ – und gleichzeitig Flüchtlingskindern eine Kindheit in Schule und Kindergarten verweigern.

taz: Was sollte in Köln konkret gemacht werden?

Jünschke: Alle 83 Kölner Stadtteile müssen Flüchtlinge aufnehmen. Im Moment haben wir eine Konzentration von Flüchtlingen in den Stadtteilen, in denen jetzt schon viele Migranten leben. Wir brauchen wie in Münster kleine Einrichtungen für maximal fünfzig Flüchtlinge, die auch sozialpädagogisch betreut werden. Nötig sind Integrationshilfen wie bei jedem Kontingentflüchtling oder Aussiedler, etwa zum Erlernen der deutschen Sprache.

taz: Kölns Polizeipräsident Steffenhagen wirft den Grünen und Unterstützergruppen vor, sie würden in Kauf nehmen, dass die Stadt Anziehungspunkt für kriminelle Familienclans bleibt. War denn Köln im Umgang mit kriminellen Flüchtlingen bisher zu nachgiebig?

Jünschke: Wir haben in Köln eine 20-jährige Tradition der Abschreckung. Erst seit einem halben Jahr – weil die Grünen das zur Bedingung für ihre Regierungsbeteiligung gemacht haben – gibt es einen Runden Tisch für Flüchtlingsfragen. Zum ersten Mal wird unter Beteiligung der Stadt darüber nachgedacht, dass nicht die Flüchtlinge das Problem sind, sondern ihre Unterbringung.

taz: Wie verhält sich die Polizei?

Jünschke: Die Polizei ist in diesen Gremien präsent. Ich habe den Eindruck, dass die Polizei mit ihrer repressiven Politik beweisen will, dass sie alles ihr Mögliche tut. Dabei sieht sie nicht, dass es um soziale Probleme geht, die sozial zu lösen sind und mit polizeilichen Methoden nur verschlimmert werden.

Infos: http://www.koelnerappell.de


Autor: Dirk Eckert