Ein kleines Manchester im Bergischen Land

Wo Friedrich Engels Mehrwert und Profit kennen lernte: Die Textilfabrik Ermen & Engels in Engelskirchen/Agger gehört heute zum Verbund "Rheinisches Industriemuseum"

Neues Deutschland, 06.06.2002, S. 13

Neues Deutschland Reportage

Eine dreiviertel Stunde mit der Regionalbahn von Köln entfernt, mitten im Bergischen, liegt Engelskirchen. Die bergige Gegend ist ländlich geprägt. In den Dörfern findet sich ab und zu ein Betrieb, manchmal ein Supermarkt oder ein Autohändler. So ist das auch in Engelskirchen an der Agger, doch an der Stelle, an der die Agger einen Bogen macht, bietet sich ein merkwürdiges Bild: Eine stattliche Villa in neoklassizistischem Stil, wie sie hier wohl kaum jemand vermutet hätte, liegt zwischen Agger und Hauptstraße. Dann eine ehemalige Fabrik, dahinter eine Kirche.

Die Anordnung ist kein Zufall: Mitte des 19.Jahrhunderts gründete hier ein Wuppertaler Unternehmer namens Friedrich Engels mit seinem englischen Geschäftspartner Peter Ermen die Baumwollspinnerei Ermen & Engels. Für sich baute er die Villa, für die Arbeiter die Kirche. Die Namensgleichheit mit dem Co-Autor des Kommunistischen Manifests ist kein Zufall. Der Firmengründer war der Vater des berühmten Sozialisten.

Museum des Strukturwandels

Heute befindet sich in den ehemaligen Fabrikgebäuden von Ermen & Engels ein Museum. Gezeigt wird neben der Baumwollspinnerei vor allem, wie in der Fabrik an der Agger Strom gewonnen wurde. Die letzten Turbinen, 1907 in Gotha hergestellt, können Besucher noch heute besichtigen. Der Landschaftsverband Rheinland hat sich 1984 entschlossen, einige ehemalige Betriebe, darunter die Baumwollspinnerei in Engelskirchen, in ein dezentrales Museumskonzept aufzunehmen. So soll der Strukturwandel an „authentischen“ Schauplätzen dargestellt werden, wie Thomas Schleper, der Leiter des Museums, erläutert.

Mit diesem Konzept könnten Museum und Denkmalschutz unter einen Hut gebracht werden. „Das ist eine Investition in die Fläche“, so Schleper, der das Konzept auch „ein stückweit demokratischer“ nennt. Jedes Museum hat ein besonderes Schwerpunktthema. In Bergisch Gladbach wird Papierproduktion gezeigt, Metallverarbeitung in Solingen. In der Oberhausener Zinkfabrik Altenberg befindet sich die Zentrale des Rheinischen Industriemuseums. Energie am Beispiel Elektrizität ist das Thema von Engelskirchen. „In Engelskirchen kann man den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sehen“, erklärt Schleper. In der Tat: Die gesamte Anlage wurde nach dem Ende der Fabrik 1979 aufwendig restauriert, vom alten Zustand zeugen nur noch Fotos. In der ehemaligen Spinnerei sind heute das Museum, außerdem Büros, Wohnungen und Arztpraxen untergebracht. Auch das Rathaus und die Feuerwehr haben ihren Platz auf dem Gelände von Ermen & Engels gefunden.

In der Villa sitzt heute der Bergische Abfallwirtschaftsverband. Nur ein Gebäude hat den Wandel der Zeiten bisher unverändert überstanden: die Kirche. Sie konnte sogar expandieren. In einem ursprünglich als neuem Bauwolllager gebauten Gebäude sitzt heute die Caritas. Der Familie Engels gehören noch heute diverse Grundstücke und Mietshäuser in Engelskirchen. Die Unternehmer lebten über hundert Jahre wie die Adligen in dem Dörfchen an der Agger. Sogar eine Familiengruft gibt es.

Den Grundstein für diesen Reichtum hatte Friedrich Engels senior gelegt, als er 1837 die Fabrik Ermen & Engels eröffnete. Der ältere Engels war der Prototyp eines patriarchalischen Unternehmers. Der eigene Wohnsitz neben der Fabrik, die Sorge ums Seelenheil der Arbeiter zeugen davon. Nicht zuletzt richtete Engels eine „Unterstützungskasse“ ein, die der Bürgermeister des Ortes lobte, weil sie die Armenkasse der Gemeinde entlaste. „Denn wer hat, dem widerfährt Gottes Gnade und Gabe reichlich“, verkündete der Prediger Samuel Collenbusch in seiner „Erklärung biblischer Wahrheiten“. Diesem protestantischen Pietismus, der die Ideologie zur Produktionsweise lieferte, hing auch der alte Engels an. „Arbeit ist dem Menschen Bedürfnis, wenn er nicht verkommen will. Ich sehe das schon deutlich an Engelskirchen. Früher waren die Leute (…) faul und liederlich. Jetzt herrscht wirklich schon ein andrer Geist dort, und ich muss mich verwundern, wie mancher frühere Nichtsnutz ein fleißiger Arbeiter und wirklich gesitteter geworden ist. Dabei nimmt der Wohlstand sichtbarlich zu“, schrieb Engels senior den ehemaligen Wuppertaler Pfarrer Snethlage.

Die Wirklichkeit freilich sah anders aus – auch in Engels eigener Fabrik. Kein Wunder, hatte Engels doch Engelskirchen unter anderem deshalb als Standort für eine Fabrik nach englischem Vorbild ausgewählt, weil die Arbeitskraft dort so billig war. „Das Dorf Engelskirchen enthält mehrere hundert Einwohner, und die Umgegend ist ziemlich angebaut, so dass es nicht an Händen fehlt. Der Schulbezirk zählt allein 147 schulpflichtige Kinder von 6 bis 13 Jahren. Die Bewohner sind sehr arm und sehen mit Sehnsucht einer neuen Nahrungsquelle entgegen“, schrieb er an seinen Geschäftspartner Ermen. „Kinder wird man verhältnismäßig weit billiger (…) wie bei uns haben können“, wie Engels voller Begeisterung nach einer Erkundungsreise 1837 an Ermen schrieb. „Ich muss gestehen, dass ich selten eine Stelle gesehen habe, die alles so in sich vereinigt, was von einer in jeder Beziehung zweckmäßigen Fabrikanlage verlangt wird.“

Die Arbeitsbedingungen bei Ermen & Engels waren hart. 1852 schrieb der Schulpfleger Düner an den „Königlichen Landrath“ und forderte eine Untersuchung „wegen übermäßiger Beschäftigung der Arbeiter in der Fabrik zu Engelskirchen selbst an Sonn- und Feiertagen und namentlich auch der jugendlichen Arbeiter, die noch nicht zur 1. hl. Kommunion aufgenommen sind“.

„Zwölf Stunden täglich…“

Die Arbeitszeiten sind in einem Brief des Pfarrers Fischer aus Lindar, ebenfalls von 1852, dokumentiert: „zwölf Stunden täglich, an den Samstagen aber sogar fünfzehn Stunden“. Die Produktion von Mehrwert hatte damals wenig mit Humanismus zu tun. „Denn es ist ausgemacht, dass unter den Fabrikanten die Pietisten am schlechtesten mit den Arbeitern umgehen, ihnen den Lohn auf alle mögliche Weise verringern, unter dem Vorwande, ihnen Gelegenheit zum Trinken zu nehmen“, wusste Friedrich Engels junior bereits 1839 aus eigener Anschauung in Wuppertal. Der Konflikt mit dem Vater – dem „fanatischen und despotischen Alten“, wie Engels 1845 an Marx schrieb – und der Familie war vorprogrammiert. Dem Sohn, der 1845 die Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ verfasst hatte und sich an der 48er Revolution beteiligte, sperrte der Vater zeitweise die Gelder. Erst nach dem Scheitern der Revolution trat Engels wieder in die Firma ein. Nach dem Tod des Vaters 1860 fiel die Fabrik in Engelskirchen an Engels Brüder.

Friedrich Engels junior leitete bis 1869 die Fabrik von Ermen & Engels in Manchester. In Engelskirchen gefiel es ihm sowieso nicht. Von Preußen zur Fahndung ausgeschrieben, kam er nur selten ins Bergische. „Der Winter ist in Engelskirchen schmählich langweilig“, schrieb er 1871 an seinen Bruder Rudolf. 142 Jahre, bis 1979, wurden in der Fabrik Ermen & Engels Textilien produziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Fabrik zwar noch eine kurze Blüte in den westdeutschen Wirtschaftswunderjahren, als der Bedarf an Stoffen und Kleidung wieder zunahm, aber in den Siebzigern wurde die Konkurrenz aus Billiglohnländern zu stark. Bis zu 600 Beschäftigte hatte die Baumwollspinnerei zu Höchstzeiten im 19.Jahrhundert. Gegen Ende waren gerade noch 30 Menschen beschäftigt.

„Ermen und Engels sieht sich zur Liquidation gezwungen“, vermeldete die „Oberbergische Volkszeitung“ am 11.Januar 1979. Auch andere Betriebe an Rhein und Ruhr mussten schließen. Heute ist Deutschland nicht mehr unter den zehn führenden textilproduzierenden Ländern der Welt. Würde Friedrich Engels senior heute Textilien produzieren, er ginge wohl nach Indien oder Südkorea. Wegen der billigen Arbeitskräfte, versteht sich.

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Rheinisches Industriemuseum, Schauplatz Engelskirchen. Informationen unter 02263-92850


Autor: Dirk Eckert