„Köln als Aushängeschild des Rheinlandes“

Tassilo Küpper, Rektor der Universität Köln, glaubt, dass die Bedeutung der Hochschule für die Stadt bis jetzt noch nicht richtig erkannt wurde. Sie könnte ein international beachtetes Forschungszentrum für Biotechnologie werden

taz köln, 25.04.2002, Nr. 97, S. 4

Interview

taz: Braucht Köln ein Leitbild?

Tassilo Küpper: Köln braucht ein Leitbild, damit seine Stärken international wahrgenommen werden. Das betrifft natürlich auch die Universität als eine der großen und international ausgerichteten Institutionen der Stadt.

taz: Wie soll das Leitbild konkret aussehen? Köln ist Medienstadt, aber auch eine große Universitäts- und Studierendenstadt. Können diese verschieden Facetten für ein Leitbild unter einen Hut gebracht werden?

Küpper: Darin liegt gerade die eigentliche Aufgabe. Die Universität ist eine überregional attraktive Einrichtung mit einem vielfältigen Angebot, das interessante Kombinationen erlaubt und kompetente Ansprechpartner in fast allen Bereichen bietet. Dank der Universität kommen junge Leute nach Köln; mit über 60.000 Studierenden stellen wir auch durch unsere Absolventen genügend qualifizierte Arbeitskräfte bereit, die gerne in Köln bleiben wollen. Das ist ein entscheidender Standortvorteil, der auch in einem Leitbild berücksichtigt werden sollte. Darüber hinaus leistet die Universität als kulturelle Institution einen wichtigen Beitrag für die Stadt.

taz: Ist die Kölner Universität am Leitbildprozess beteiligt?

Küpper: Mittlerweile ja. Die beauftragte Agentur Boston Consulting hat ein längeres Interview gemacht, sich über Stärken und Interessen der Universität und auch über die Möglichkeiten, mit denen sich die Universität in die Leitbilddiskussion einbringen kann, informiert. Zudem stehen wir in Gesprächen mit der Stadt, insbesondere bezüglich der weiteren Entwicklung der Biowissenschaften.

taz: Worin könnte der Nutzen für die Uni bestehen, wenn die Stadt mit einem Leitbild auftritt?

Küpper: Ein Leitbild für Köln kann mit dazu beitragen, dass die Bedeutung der Universität für die Gesellschaft insgesamt, für die Stadt, die Region und die Unternehmen noch besser wahrgenommen wird.

taz: Wird die Uni im Leitbildprozess genügend wahrgenommen?

Küpper: Dass Köln als Wissenschaftsstandort seit Jahrhunderten bekannt ist, wurde anfangs nicht genug propagiert. Aber das hat sich inzwischen geändert. Unsere Aufgabe ist es natürlich, darauf hinzuweisen. Was an der Universität erarbeitet wird, betrifft Entwicklungen, die weit in die Zukunft reichen und morgen für Wirtschaft und Gesellschaft von großer Bedeutung sein werden.

taz: Eine offene Frage ist, ob es gelingt, ein einheitliches Leitbild zu entwickeln. Können Sie sich auch vorstellen, dass kein Leitbild zustande kommt?

Küpper: Eigentlich nicht. Die Frage ist natürlich, inwieweit sich das Vorhaben konkret fassen und auf bestimmte Punkte fokussieren lässt. Das ist eine schwierige Aufgabe. Aber ich glaube, dass wir als viertgrößte Stadt Deutschlands nicht darauf verzichten können. Im vergangenen Jahr ist deutlich geworden, dass NRW als Standort für Unternehmen im forschungsorientierten biotechnologischen Bereich international nicht genügend wahrgenommen wird. Dazu ist es erforderlich, diese Aktivitäten um ein bekanntes Zentrum herum zu organisieren, das international einen Namen hat. Köln könnte das für NRW leisten. Wir werden uns von Seiten der Universität daran beteiligen. Die Universität hat gerade durch ihre Stärke im Bereich der Lebenswissenschaften – insbesondere durch die erfolgreiche Verknüpfung von Naturwissenschaft und Medizin in der Grundlagenforschung – eine gute Ausgangsposition.

taz: Wie verhält sich denn dann das Kölner Leitbild zu der Idee einer Wissenschaftsregion Region Köln-Bonn? Sind das zwei konkurrierende Ideen?

Küpper: Nein, das glaube ich nicht, ganz im Gegenteil. Wir haben hier eine florierende Wissenschaftsregion, mit vielen Hochschulen und unterschiedlichen Ausrichtungen, die sich gut ergänzen. Aber: Eine solche Region braucht ein Aushängeschild, das überregional und international anerkannt wird. Das kann in erster Linie nur eine große Stadt leisten, so ähnlich wie das in Bayern mit München ist. München ist als internationaler Standort anerkannt, gemeint ist damit aber die ganze Region. Genau so könnte das für das Rheinland funktionieren, wo eben Köln allein aufgrund der Größe und der Geschichte das international bekannte, sichtbare Zentrum ist. Davon würden dann alle profitieren, und dazu könnte auch ein gut formuliertes Leitbild beitragen.

TASSILO KÜPPER (55), geboren in Düsseldorf, ist Professor für Angewandte Mathematik und seit dem 1. April 2001 Rektor der Universität Köln.


Autor: Dirk Eckert