Das kölsche Sturmgeschütz Gottes

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner bringt alle Qualifikationen mit, um einmal Nachfolger von Karol Wojtyla in Rom zu werden

taz köln, 01.02.2001, Nr. 38, S. 5

taz köln

„Donum Vitae“ mag er nicht, weil der Verein „das Zeugnis der Kirche in Fragen des Lebensschutzes“ verdunkele. Soldaten findet Joachim Meisner hingegen klasse. Seit zehn Jahren gehören seine Soldatenpredigten mitten im Sitzungskarneval zum festen kulturellen Programm in der Domstadt. Denn er ist ein Mann des Glaubens: „Nein, in betenden Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher.“

Der Kardinal hatte sich in Rage geredet. Zu keiner Zeit der Weltgeschichte sei die Notwendigkeit größer gewesen, den Menschen zu verteidigen und zu schützen, sagte Joachim Meisner während seiner Sylvesterpredigt. Denn nie zuvor habe es so viele Möglichkeiten gegeben, den Menschen „zu schwächen, zu entwürdigen und zu töten“. Doch damit nicht genug: „Man will selbstverständlich am Töten noch verdienen“, tönte der 67-Jährige von der Kanzel des Kölner Doms.

War aus dem Saulus der Feldpredigt ein pazifistischer Paulus geworden, der gegen Waffenhandel, Kriege und Gewalt wetterte? Weit gefehlt! Denn nicht dem Militär las Kölns Oberhirte die Leviten. Vielmehr mokierte er sich über das Abtreibungsmittel Mifegyne. Jetzt könne man davon ausgehen, dass der Umsatz mit diesem „Tötungsmittel“ steigen werde – „und somit auch der finanzielle Profit“.

Die Mifegyne-Pille erinnert den Gottesmann „an die deutsche Vergangenheit“. Er vergleicht die „chemische Abtreibung“ mit den Massenmorden in den Vernichtungslagern der Nazis und die Pille mit Zyklon B. Die chemische Industrie werde mit der „Einführung einer Substanz zur Tötung einer bestimmten Menschengruppe sozusagen rückfällig“, begründet der geweihte Hobbyhistoriker seine Gleichsetzung von Auschwitz und Abort.

Für Meisner, der gern die „moderne Geschichtsvergessenheit“ geißelt, empfiehlt es sich in diesem Zusammenhang, die Geschichte seiner Amtsvorgänger geflissentlich zu vergessen. Etwa den peinlichen Kotau seines Vorgängers Kardinal Schulte vor dem Usurpator Hitler. Als der „Führer“ 1936 ins Rheinland einzog, begrüßte der Kölner Kardinal Schulte in einem Telegramm an Hitler „die berufenen Waffenträger unseres Volkes mit ergriffener Seele“.

„Berufene“ Waffenträger, die Streiter des Herrn sind, liegen dem Kampf-Kardinal am Herzen. Doch auf der richtigen Seite müssen sie schon sein. In der Diaspora der DDR hat er sich jahrzehntelang mit der „falschen Seite“ arrangieren müssen.

Der 1933 in Breslau geborene Meisner wuchs in Erfurt auf, wo er 1963 zum Kaplan geweiht wurde. Nach Stationen als Kaplan, Rektor der Diözesan- Caritas und Weihbischof von Erfurt berief ihn der Papst 1980 auf den Ost-Berliner Bischofsstuhl.

Solch eine Vita prägt, zumindest wenn man Hans Joachim Meyer, dem Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, glaubt. „Wir sind ja beide Ossis und wir kennen uns seit langem. Er hat den Schock der freiheitlichen Gesellschaft, den ich auch habe, niemals richtig verkraftet.“ Meisner soll sich wochenlang gegen seine Berufung nach Köln gewehrt haben, beugte sich dann aber dem Wunsch des Papstes. „Ich bin euer Bräutigam“, rief er, als er 1988 in Köln-Wahn dem Flugzeug entstieg.

In Ostberlin hatte er noch ganz anders gepredigt als Jahre später in Köln. So etwa am 5. März 1985: „Rüstung zum Krieg ist Diebstahl, denn sie nimmt den Armen das nötige Brot zum Leben.“ Sätze, die ihm in 10 Jahren Kölner Soldatengottesdiensten nicht mehr über die Lippen gerutscht sind.

Schon am 31. Januar 1991, bei seiner ersten Feldweihung und mitten in der heißen Phase des Golfkrieges, rief er den versammelten NATO-Militärs frohgemut zu: „Wohlan, legen Sie Hand ans Werk!“

Soldatendienst ist Friedensdienst, dafür ist der Soldat vom Himmel gesandt, erkannte der Gottbegnadete in seiner „Friedenspredigt“ am 20. Januar 1994. Denn die Menschen bräuchten „als Hüter des Seins den Himmel, um die Erde zu retten“. Womit der Mensch als Soldat seine höchste Bestimmung findet: „Indem der Soldat den Himmel über der Erde bewahrt, bewahrt er den Frieden der Menschen auf Erden.

„Wer sich aber diesem gottgewollten „Dienst am Frieden und am Menschen“ entzieht, kann auf des Kardinals Verständnis nicht rechnen. „Segen den Soldaten, Schelte den Pazifisten“, titelte denn auch die Frankfurter Rundschau in ihrem Bericht über das Meisner-Event von 1994. Und wer „zur Tötung ungeborener Kinder“ schweige, habe kein Recht, gegen Kriege zu demonstrieren, befand Meisner.

Meisners Kampf gilt allem, was er als „Sittenverfall“ geißelt. Niemals in der Geschichte habe das deutsche Volk moralisch so tief gestanden wie heute, glaubt er. Meisner wettert nicht nur gegen die heutige „sexusbesessene“ und „gottvergessene“ Generation oder den WDR, den er der Gotteslästerung bezichtigte. Sondern auch gegen die Christdemokratie, welcher der Erzbischof schon 1992 ob ihrer Haltung in der §218-Frage empfahl, das „C“ aus ihrem Parteinamen zu streichen.

Der Mutterleib, schimpft der Patriarch, sei zum „rechtsfreien Raum“ geworden. In diesen „Raum“ möchte der Inquisitor mit dem, was er für „göttliches Recht“ hält, freien Eintritt haben. Denn was dem Weibe frommt, weiß der Zölibatär am besten. Am liebsten befasst sich der zu Keuschheit verpflichtete Kardinal mit der Sexualität anderer Leute. Was nicht direkt der Zeugung dient, verdammt er als gottwidrigen Frevel.

Bestes Beispiel: Seine Haltung zur Farge der Anerkennung nichtehelicher, geschweige denn gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Es geht um nicht weniger als das Überleben der Menschheit. „Den Menschen gibt es doch deswegen als Mann und Frau, damit der Fortbestand der Menschheit gesichert bleibt.“ Und, so die bestechende Logik: „Auch den homosexuellen Menschen gibt es nie ohne seine heterosexuellen Eltern.“

Meisners Fundamentalismus machte auch vor seinem Amtsbruder, dem Mainzer Bischof und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, nicht halt. Zuerst stimmte Meisner dem 1999 von Lehmann eingefädelten Kompromiss zur Schwangerschaftsberatung zu. Doch dann schaltete Meisner den Vatikan ein, der prompt die Ausstellung von Beratungsscheinen, die zu einer Abtreibung verwendet werden können, verurteilte. Lehmann war blamiert.

Den guten Draht zum Papst verdankt Meisner einem Treffen im Jahr 1975, als Karol Wojtyla, damals Bischof von Krakau, nach Erfurt kam, wo Meisner im selben Jahr Weihbischof wurde. Der Predigtstil Meisners soll es Wojtyla angetan haben, und so machte er fünf Jahre später, inzwischen Papst geworden, Meisner zum Bischof von Berlin. 1983 ernannte er Meisner zum Kardinal. 1988 ersparte Wojtyla seinem Getreuen eine empfindliche Niederlage: Erst nachdem der Papst das Wahlverfahren geändert hatte, wurde Joachim Meisner zum Erzbischof von Köln gewählt. Im dritten Wahlgang.

Da kann es nicht verwundern, dass Meisner seinem römischen Protege treu zur Seite steht. Innerkirchliche Papstkritiker beschimpfte Meisner als „Christen, die ihr Gehalt von der Kirche beziehen und ihre schmutzigen Schuhe an der Papst-Soutane abwischen“. Vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken hält er schon deshalb nicht viel, weil er es mitverantwortlich macht für den Eindruck, der Papst sei eine „der katholischen Kirche in Deutschland gegenüberstehende Größe, fast eine fremde ausländische Macht“.

Und das, obwohl die Christenmenschen eigentlich die Reihen schließen müssten, zumindest, wenn sie gegen den Gottsei-bei-uns bestehen wollen. Denn der existiert als „personale Gewalt und Macht“, ja, man kann Satan sogar sehen und riechen, versicherte Meisner 1993 in einem Interview mit der Bild-Zeitung. „Papst Paul VI. hat mal gesagt, er habe den Rauch des Satans durch die Spalten in die Kirche einziehen sehen.“ Den Ex-Zoni schauderte es: „Da ist’s mir richtig kalt geworden.“


Autor: DIRK ECKERT und HANS-DETLEV VON KIRCHBACH