Streik an Berliner Uni

Proteste gegen Abschaffung der kritischen Politikwissenschaft

philtrat, 31.12.2000, Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, nr. 38, S. 5

philtrat

Gegen die geplanten Umstrukturierungen an den Berliner Hochschulen protestierten die StudentInnen des Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität (FU) Berlin, des bundesweit größten Institutes für Politikwissenschaft. Nach mehreren Vollversammlungen und Aktionstagen besetzten die StudentInnen am 12. Dezember ihr Institut. Der Streik wurde nach einem Tag wieder abgebrochen, als die Polizei erschien.

„Mit dem Streik wollen wir in erster Linie ein Zeichen setzen“, so Jan Schevitz, einer der MitorganisatorInnenen des Streiks, gegenüber der Tageszeitung junge Welt. „Es soll deutlich werden, dass wir uns gegen geplante Stellen- und Lehrmittelkürzungen wehren und die Apathie der Studierendenschaft brechen wollen.“

Das OSI hat derzeit 28 ProfessorInnen bei rund 3800 StudentInnen. Nachdem im Mai 2000 der Wissenschaftsrat dem Land Berlin in einem Gutachten empfohlen hatte, die Zahl auf 10 bis 12 Professuren zu senken, wurden am Otto-Suhr-Institut zwei Konzepte zur Umstrukturierung des Instituts ausgearbeitet. Das „Kommissionspapier“ wurde unter Beteiligung von StudentInnen erstellt, beim „Professorenpapier“ blieben diese außen vor. Beide Papiere gehen von 14 Professuren aus, wobei allerdings noch drei Regionalprofessuren dazukommen.

Die Zustimmung einer Vollversammlung der StudentInnen, die am 28. November am Institut stattfand, bekamen beide Papiere nicht. „Trotz zum Teil guter inhaltlicher Vorschläge zur Ausgestaltung des Studiums werden im ›Kommissionspapier‹, welches von StudentInnen und ProfessorInnen verfasst wurde, in seiner vorliegenden Fassung vom 13. 11. 2000 nur die absoluten Minimalanforderungen an ein politikwissenschaftliches Studium formuliert“, kritisierten die StudentInnen. „Es ist unter enormem politischen Druck entstanden, und wir verstehen es als Reaktion auf einen fundamentalen Angriff gegen die Lehrinhalte unseres Studienganges sowie gegen die vorgesehene Professurenzahl durch das Gutachten des Wissenschaftsrates vom 12. 05. dieses Jahres.“

Die Vollversammlung forderte weiter, dass das Professorenpapier zurückgezogen wird. „Die monatelange Arbeit an einem Kompromiss (dem ›Kommissionspapier‹) – an dem maßgeblich auch studentische VertreterInnen beteiligt waren – wird durch die fadenscheinig begründete verspätete Vorlage des zweiten Papiers lächerlich gemacht.“

Den StudentInnen geht es bei ihrem Protest jedoch nicht nur um die Reduzierung von Lehrpersonal und die damit verschlechterten Studienbedingungen. Sie befürchten, dass damit der integrationswissenschaftliche Ansatz, also die Einbeziehung benachbarter Fachgebiete wie Geschichte oder Recht in die Politikwissenschaft, abgeschafft werden solle. Traditionell – und auch an der Universität Köln – besteht die Politikwissenschaft aus drei Bereichen: Internationale Beziehungen, Politische Theorie und Systeme.

„Es ist ein Streit um zwei verschiedene Ansätze von Politikwissenschaft. Die Institutsleitung strebt eine Art Regierungslehre an, das soll neu sein, propagiert aber eigentlich ein veraltetes, aus den 50er Jahren bekanntes Konzept. Der Ansatz widerspricht massiv dem, was an unserem Institut seit 1968 gelehrt wird. Kurz gesagt: Die kritische Wissenschaft soll abgeschafft werden“, meint Jan Schevitz.

In der Tat: geht es nach dem Professorenpapier, würde das Otto-Suhr-Institut in „eine Institution, die im Rahmen der Hauptstadtfunktion Berlins Politik und Öffentlichkeit wissenschaftlich berät (Beratungs- und Dienstleistung)“, umgewandelt. Als Studiengänge werden unter anderem ein Bachelor-Studiengang „Politikwissenschaft“ und zwei Master-Studiengänge in „Regieren in Europa“ sowie „Globale Politik“ vorgeschlagen.

Diesen Kurs wollen die StudentInnen nicht mitmachen: „Wir fordern außerdem, den Ausbau kritischer und feministischer Lehrinhalte und die Ausweitung der interdisziplinären Elemente des Studiums sicherzustellen“, lautete eine der Forderungen der Vollversammlung. „Es ist zu erwarten, dass bei Kürzungen dieser Art vitale Bestandteile des politikwissenschaftlichen Studiums wie politische Ökonomie, Gender-Forschung, Ökologie oder Grund- und Menschenrechte nicht mehr erhalten bleiben können“, heißt es auch in einer studentischen Stellungnahme zu dem Gutachten des Wissenschaftsrates.

Unterstützung bei ihren Kampf für den Erhalt der kritischen Politikwissenschaft bekommen die StudentInnen von prominenter Seite. Die Sozialdemokraten Egon Bahr und Oskar Lafontaine, der IG Medien-Vorsitzende Detlef Hensche, der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, Lothar Bisky (PDS), die Grünen Cem Özdemir und Matthias Berninger sowie die Fraktion der Bündnisgrünen im Berliner Abgeordnetenhaus, sowie viele andere haben bereits den „Aufruf der Studentenschaft zur Erhaltung des Otto-Suhr-Instituts und seiner kritischen Wissenschaft“ unterzeichnet.

„Die geplante Reduzierung von Professuren und die drastische Mittelkürzung würde das Otto-Suhr-Institut zu einem Kleinstinstitut degradieren, in dem keine kritische Wissenschaft mehr betrieben werden könnte“, heißt es in dem Aufruf.

„Als bedeutende Stätte der ’68er-Bewegung Deutschlands und seiner damit begründeten kritischen Tradition hat das Institut erheblich zur Gestaltung der deutschen Politik seit den 70er Jahren beigetragen“, meinen die UnterzeichnerInnen des Aufrufes. Das beweise auch die hohe Zahl an AbsolventInnen, „darunter auch viele bedeutende gesellschaftliche Akteure, die die heutige Politik Deutschlands maßgeblich beeinflussen“.

Eine Protest-Seite der StudentInnen findet sich im Internet unter http://www.1zu0.de


Autor: Dirk Eckert