Stellenabbau bei Nestlé

NGG will Bündnis für Arbeit

Sozialistische Zeitung - SoZ, 25.11.1999, Nr. 24, S. 2

Sozialistische Zeitung - SoZ

Bei Nestlé Deutschland drohen Stellenabbau und Werksschließung: Nach den Plänen des Konzerns sollen im Maggi-Werk in Singen 380 Arbeitsplätze abgebaut werden. Außerdem soll das Thomy-Werk in Karlsruhe verkauft werden. Dadurch wären 220 Arbeitsplätze gefährdet. Nach Zeitungsberichten könnte das Unternehmen außerdem bis Ende nächsten Jahres 300 der 1400 Arbeitsplätze in der Hauptverwaltung abbauen. Nestlé hat sich zu diesem Bericht bisher nicht geäußert.

Das Unverständnis bei den Betroffenen über die Entlassungspolitik ist groß: In einem Flugblatt bezeichnet der „Solidaritätskreis Thomy“ aus Karlsruhe die Geschäftsstrategien des Konzerns als „undurchschaubar“. „Wir können keine Gründe erkennen, die einen Arbeitsplatzabbau rechtfertigen“, schreibt der Solidaritätskreis. Stattdessen rechnet er vor, dass der Nestlé-Konzern allein 1998 einen Reingewinn von 4,29 Milliarden Schweizer Franken habe verbuchen können. Die Zahlen für 1999 seien noch besser.

Die Nestlé Deutschland AG gehört zum Schweizer Nestlé-Konzern, der weltweit nach eigenen Angaben über 500 Fabriken in 81 Ländern besitzt. In europäischen Supermärkten kommt der Schweizer Konzern nach eigenen Angaben auf einen Marktanteil von etwa 42%. Der Marktanteil in Deutschland ist dabei mit 28% vergleichsweise bescheiden. Mit rund 50 Marken und über 200 Artikeln ist Nestlé in deutschen Supermarktregalen vertreten, von Nescafé über Maggi bis zu Smartis und Alete. Weltweit betrug der Umsatz der Nestlé- Gruppe 1998 71,1 Mrd. Schweizer Franken.

Seit Jahren verzeichnet die Nestlé-Gruppe steigende Wachstumsraten. So war das Wachstum 1998 mit 3,3% um 0,1% größer als im Vorjahr. Das anvisierte Ziel von 4% Wachstum hat die Nestlé-Gruppe 1998 allerdings nicht erreicht. Der Nestlé-Vorstand begründete das Ergebnis mit den Wirtschaftskrisen in Südostasien und Lateinamerika sowie mit dem allgemeinen Rückgang der Weltwirtschaft Ende 1998. Auch 1999 geht es mit dem Konzern aufwärts. Für das gesamte Jahr werden mehr Verkäufe und höhere Gewinne erwartet.

In Karlsruhe will der „Solidaritätskreis Thomy“ den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen nicht einfach hinnehmen. Zusammen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss- Gaststätten (NGG) will der Solidaritätskreis „mit unterschiedlichen Aktionsformen und Eskalationsstufen den öffentlichen Druck“ auf den Nestlé erhöhen. Auch Nachhilfe für das Konzern-Management in Sachen Führungsprinzipien erteilt der Solidaritätskreis gerne und erinnert das Management an die eigenen Worte: „Nestlé ist davon überzeugt, dass seine Mitarbeiter das wertvollste Kapital des Unternehmens sind. Dies kommt in der Einstellung und im Verantwortungsbewusstsein des Unternehmens gegenüber den Mitarbeitern zum Ausdruck.“

Die Gewerkschaft NGG versucht vor Ort, BürgerInnen gegen den Konzern zu mobilisieren. Die Nestlé-Manager wollten den Aktionären goldene Geschenke machen, konstatiert die NGG in einem Flugblatt. „Soziale Verantwortung findet ab sofort bei Nestlé nicht mehr statt.“ Die NGG weist auf das eigene Entgegenkommen hin: „Zugeständnisse des Betriebsrats in Millionenhöhe und die Bereitschaft der Gewerkschaft Nahrung- Genuss-Gastsstätten (NGG) auf tarifliche Leistungen in Höhe von 2 Millionen DM pro Jahr zu verzichten“, hätten dem Konzern nicht gereicht.

In die gleiche Kerbe haut auch Harald Fiedler, DGB-Chef in Frankfurt. Bei einer Demonstration vor der Zentrale der Nestlé Deutschland AG in Frankfurt Anfang November, als rund 1500 Beschäftigte gegen den Stellenabbau protestierten, konstatierte Fiedler, dass der Konzern „mit mehr als 2 Milliarden Mark Gewinn im ersten Halbjahr 1999 absolut gesund“ sei. „Aber die Geldgier der Aktionäre scheint grenzenlos zu sein. Sie wollen ihre Profite nun auf Kosten derer, die den Reichtum erwirtschaften, nochmals erhöhen. Dort sollen Existenzen vernichtet werden, während die feinen Damen und Herren im Luxus baden.“

Die Gewerkschaft NGG fordert nun ein Bündnis für Arbeit beim Nestlé-Konzern. Es müssten „verbindliche Zusagen und Vereinbarungen zum Erhalt von Standorten und Arbeitsplätzen“ getroffen werden, so Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der NGG. Möllenberg, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Nestlé Deutschland AG ist, forderte die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung des Nestlé-Aufsichtsrats. Auch der Gewerkschaftsvorsitzende wirft dem Konzern vor, nur die Interessen der Aktionäre im Blick zu haben. Auch befürchtet Möllenberg, dass die bis jetzt bekannten Entlassungspläne nur die „Spitze eines Eisbergs“ seien.


Autor: Dirk Eckert