Alcatel Berlin

Werk wird geschlossen

Sozialistische Zeitung - SoZ, 28.10.1999, Nr. 22, S. 5

Sozialistische Zeitung - SoZ

Die ArbeiterInnen des Alcatel-Werks Berlin Neukölln haben am Sonntag, dem 17.Oktober 1999, ihre Werkbesetzung beendet. Mit großer Mehrheit nahm die Belegschaft ein Angebot der Konzernleitung an. Damit wird die Produktion am 31.Dezember 1999 eingestellt. Außerdem soll eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet werden, um den Arbeitsplatzabbau sozial verträglicher zu gestalten.

Der Alcatel-Konzern verlegt ab Januar seine Kabelproduktion nach Frankreich. In Berlin fallen dadurch 140 Arbeitsplätze weg. 36 Arbeitsplätze im Vertrieb für Deutschland und Osteuropa bleiben in Berlin erhalten. Der Konzern stellt insgesamt 18 Millionen Mark zur Verfügung: 6,8 Millionen werden von einer Beschäftigungsgesellschaft verwaltet. Hier sollen die ArbeiterInnen weiterqualifiziert werden. Zwei Jahre lang erhalten sie Kurzarbeitergeld und einen Ausgleich von Alcatel – alles in allem 80% ihres bisherigen Einkommens. 2,2 Millionen Mark stehen für Härtefälle zur Verfügung. Darüber bestimmt der Betriebsrat. Weitere 9 Millionen Mark werden als Abfindungen ausgezahlt. „Unser Hauptziel, die Erhaltung der Arbeitsplätze, haben wir nicht erreicht“, so Arno Hager, erster Bevollmächtigter der IG Metall gegenüber der Welt. „Aber wir haben uns auf eine Beschäftigungsgesellschaft geeinigt – immerhin ein Teilerfolg.“

Die Zustimmung der Belegschaft fand unter massivem Druck der Konzernleitung statt. Die Konzernleitung hatte der Belegschaft ein Ultimatum bis Sonntagabend gestellt, das Angebot anzunehmen. Löhne und Gehälter aus der Zeit vor der Werksbesetzung wurden nicht gezahlt. Außerdem hatte Alcatel die Zahlungen an die Sozialversicherung eingestellt.

Die Besetzer hatten bei ihren Protesten zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus dem In- und Ausland erhalten, darunter auch von Alcatel-Beschäftigten aus Frankreich. Auch Politiker verschiedener Parteien besuchten das Werk und seine BesetzerInnen – in Berlin war zur gleichen Zeit Wahlkampf. Gregor Gysi (PDS), Franz Müntefering, Walter Momper (SPD) und Eberhard Diepgen (CDU) kritisierten die Schließung des Werks, das seit zwei Jahren schwarze Zahlen schreibt. Der Berliner Senat hatte Alcatel nach Angaben von Bürgermeister Diepgen Hilfe bei der Senkung der Fixkosten und bei der Suche nach einem größeren Betriebsgrundstück angeboten. Doch das Unternehmen habe nicht reagiert, so Diepgen. Alcatel hatte die Werksschließung mit dem ruinösen Preiskampf in der Kabelindustrie begründet. Noch zwei weitere Werke in Deutschland sollen stillgelegt werden, insgesamt 850 Arbeitsplätze sollen wegfallen.

Die Strategie der IG Metall stieß auch auf Kritik: Zwar habe die IG Metall diese erste unbefristete Werksbesetzung mitorganisiert und unterstützt. Allerdings sei der „Kompromiss“ genau in dem Moment angenommen worden, als Solidaritätsstreiks in anderen Alcatel-Betrieben vor der Tür standen, so die Kritiker. Der Kampf sei abgebrochen worden, als die Gefahr bestand, dass das „enge Korsett der ‚Sozialpartnerschaft‘ und ‚politischen Stabilität'“ gesprengt werde.


Autor: Dirk Eckert