Südkorea

Weitere Finanzkrise

Sozialistische Zeitung - SoZ, 28.10.1999, Nr. 22, S. 13

Sozialistische Zeitung - SoZ Übersetzung

Aus Furcht vor einer größeren Finanzkrise hat die südkoreanische Regierung von Kim Dae Jung ein Maßnahmenpaket angekündigt, mit dem die großen Investmentgesellschaften des Landes stabilisiert werden sollen, die durch den Konkurs des Daewoo-Konzerns in große Turbulenzen geraten sind.

Daewoo, die zweitgrößte Unternehmensgruppe des Landes, steht vor dem Bankrott, seit am 18.Juli 1999 das Management verkündet hat, dass Daewoo seine Schulden nicht pünktlich zurückzahlen könne. Die Firma muss monatlich 500 Millionen US-Dollar an kurzfristigen Schulden zurückzahlen. Ihre gesamten Schulden betragen 57 Milliarden US-Dollar, ungefähr so viel wie das Bruttosozialprodukt der Philippinen und Sri Lankas zusammengenommen.

Präsident Kim sah sich gezwungen, die Finanzmärkte zu stützen. Ab November können unter den bestehenden Bestimmungen Investoren 80% statt bisher 50% ihrer Anlagen in Daewoo- Wertpapiere bei den Investmentgesellschaften auslösen. Beobachter der Finanzmärkte haben davor gewarnt, dass ein Run auf die bei Wertpapiere auch einige der Investmentgesellschaften in den Bankrott treiben und die Finanzmärkte ins Chaos stürzen könnte. Diese Gesellschaften halten Wert- und Geschäftspapiere von Daewoo in Höhe von rund 40 Milliarden US-Dollar. Geschätzte 10 Milliarden Dollar davon gehören ausländischen Investoren.

Das Maßnahmenpaket der Regierung verschiebt die Umstrukturierung der Investmentgesellschaften auf den Juli kommenden Jahres, füttert ihre Fonds zur Stabilisierung der Wertpapiere und verspricht, unsichere Papiere der Daewoo-Gruppe zu garantieren.

Südkoreanische Börsenanalysten haben kritisiert, das Paket leiste wenig mehr als ein Stopfen von Löchern. Die Börse reagierte in der ersten Oktoberwoche darauf mit einem Sturz von 102 Punkten (von 941 auf 839, mehr als 10%). Ein Analyst des koreanischen Entwicklungsinstituts warnte, der größte Teil der Schulden von Daewoo, 24,7 Milliarden US-Dollar, betreffe lokale Finanzinstitute und könnte sich als nicht rückzahlbare Kredite erweisen. Damit würde eine schwere Kreditkrise ausgelöst; der Geldmarkt würde verschlossen, der Markt für Wert- und Handelspapiere von Unternehmen lahmgelegt. Massenbankrotte randständiger Unternehmen könnten die Folge sein.

In der letzten Woche trafen sich die führende Köpfe der Korea First Bank und fünf anderer großer Gläubiger, um zu diskutieren, wie sie ihre „Wiederaufrichtungspläne“ für Daewoo beschleunigen könnten. Die Elektronik- und Telekommunikationsabteilung soll für 3,2 Milliarden Dollar an die US-amerikanische Investmentfirma Walid Alomar and Associations verkauft werden.

Die Schwerindustrie von Daewoo wird in drei Teile aufgeteilt: Schiffsbau, Maschinenbau und den Rest. Die Verhandlungen mit dem Autogiganten General Motors über die Übernahme von Anteilen an Daewoo Motors werden fortgesetzt.

Die Gefahr einer Finanzkrise durch den Zusammenbruch von Daewoo steht in deutlichem Gegensatz zum rosigen Bild, das offizielle Stellen von der Volkswirtschaft malen, die den Tiefpunkt angeblich hinter sich hat und wieder hohe Wachstumsraten verzeichnet. Das 7%ige Wachstum des Bruttosozialprodukts hängt jedoch von den Exporten ab, insbesondere in die USA, und damit immer stärker vom gefährlichen Aufschwung der Aktienkurse an der Wall Street.

Die südkoreanischen Konzerne (chaebol), die nach dem Koreakrieg entstanden, hingen stark von der wirtschaftlichen Protektion und der finanzielle Hilfe der Regierung ab, ebenso wie von der staatlichen Repression, um die Arbeitskräfte zu disziplinieren.

Kim Woo Chong gründete Daewoo im Jahre 1967 als kleine Textilfirma. Sie wuchs zu einem Kombinat, dem 33 Firmen im Inland und 372 Tochtergesellschaften in Übersee angehören. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mehr als 320.000 Arbeitskräfte.

Daewoos aggressive internationale Expansion erreichte in den 80er Jahren ihren Höhepunkt und gilt als Beispiel für den Erfolg der asiatischen Tigerökonomien, ihre Fachkenntnis und ihre unternehmerischen Fähigkeiten. Daewoo war fähig, zur Stützung und Expansion seiner Unternehmungen prinzipiell unbegrenzt Finanzierung und Kredite zu gewähren.

Erste Probleme traten 1989 auf, als die Schiffsbauabteilung von Daewoo Verluste machte, durch die die ganze Gruppe zusammenzubrechen drohte. Die Regierung schritt ein und rettete die Unternehmensgruppe mit Notfalldarlehen. Im Glauben, die Regierung werde bei den nächsten finanziellen Schwierigkeiten wieder einspringen, setzte Daewoo seine Kreditvergabe unvermindert fort.

1997 brach in Asien die Finanzkrise aus. Der IWF und die internationalen Finanzwelt nutzten sie, um auf der Beendigung aller Formen einer nationaler Regulierung der Wirtschaft zu bestehen und die enge Bindung zwischen Regierung und Großindustrie aufzuheben, die für ausländische Investoren hinderlich war. In Südkorea bestand der IWF auf umfassenden „Wirtschaftsreformen“ – im Gegenzug für sein Rettungspaket von 58 Milliarden Dollar.

In seiner landesweit im Fernsehen übertragenen Rede zum Befreiungstag am 15.August 1999 versicherte Präsident Kim dem internationalen Kapital, die Umstrukturierung von Daewoo und anderen Unternehmen werde fortgeführt.

„Die Zeiten haben sich geändert. Der Markt akzeptiert die Konzentration wirtschaftlicher Macht in den chaebol nicht länger“, sagte er. „Ich bin fest entschlossen, in die koreanische Geschichte als der Präsident einzugehen, der als erster Unternehmensreformen verwirklicht und die Wirtschaft für die Mittel- und Arbeiterschicht neu geordnet hat.“ Am nächsten Tag verkündete die Regierung ihren Plan, Daewoo solle viele seiner Immobilien verkaufen und nur 6 von 25 Unternehmensteilen behalten.

Die Mehrheit der 6400 Tochtergesellschaften würde dabei eingehen, rund 130.000 Arbeitsplätze davon betroffen sein. Weitere 80.000 Arbeitsplätze könnten in anderen Daewoo-Unternehmen vernichtet werden, viele weitere in den Auslandstöchtern.

Übersetzung und Bearbeitung: Dirk Eckert


Autor: Luciano Fernandez/Peter Symonds